Auslandsprogramme

Grenzenlos Karriere machen

IT-Experte Ruslan Ruhmann arbeitet gerade für TUI in Großbritannien.
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IT-Experte Ruslan Ruhmann arbeitet gerade für TUI in Großbritannien.

Im Tourismus spielen internationale Erfahrungen eine besondere Rolle. Immer mehr Unternehmen, vor allem Veranstalter, bieten deshalb für ihre Mitarbeiter Auslandsprogramme an.

Dass Ruslan Ruhmann jetzt in Großbritannien arbeitet, spielt für ihn eigentlich keine Rolle. "Mich hat die Stelle an sich gereizt", sagt der 34-jährige Data Scientist, der 2018 von Hannover in das TUI-Büro in Luton (nahe London) wechselte. Wie er packen immer mehr Talente für eine internationale Karriere ihre Koffer. Veranstalter wie TUI, FTI und auch G Adventures bieten gleich zig Mitarbeiterprogramme im Ausland an, denn heute erwarten immer mehr Talente internationale Perspektiven.

Der TUI-Data-Scientist Ruhmann liebt Herausforderungen, sein Thema ist maschinelles Lernen. In England feilt er an der Entwicklung eines Systems für Ertragsmanagement. "Dabei arbeite ich auch eng mit meinen Kollegen in Hannover zusammen", erzählt der Mathematiker. Er genießt die offene Kultur im britischen Büro, alle sitzen zusammen, tauschen sich direkt aus, sein Chef arbeitet keine zwei Meter entfernt. "Ich habe schon viel gelernt", freut sich Ruhmann.
TUI schickt Manager ins Ausland
Der internationale Konzern bietet eine Reihe von weltweiten Karrieremöglichkeiten: Neben Praktika und regulären Jobs in Zielgebieten gibt es jetzt auch für Reisebüro-Auszubildende die Chance, Erfahrungen im Ausland zu sammeln. Bei Hochschulabsolventen ist das "TUI International Graduate Leadership Program" mit mehrmonatigen Auslandsaufenthalten sehr gefragt. Mehr als 1000 Bewerber zählt TUI für die 10 Stellen weltweit. Für das mittlere Management hat der Veranstalter vor drei Jahren das "Global 360"-Programm entwickelt. Hier können Mitarbeiter für mindestens drei Monate im Ausland arbeiten. 150 TUI-Kollegen nutzten bereits diese Chance, viele blieben ein bis zwei Jahre.

"Der Weg ins Ausland ist chancengetrieben", sagt Marcel Erlinghagen vom Institut für Soziologie an der Universität Duisburg-Essen. Die meisten Auswanderer nennen den eigenen Beruf als Grund für den Umzug (58 Prozent), zweithäufigstes Motiv ist der Lebensstil im Zielland, gefolgt vom Beruf des Partners, so eine Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BIB). Seit den 80er Jahren steige die Zahl der deutschen Auswanderer kontinuierlich an.
FTI öffnet Auslandsprogramm für alle
Schon Auszubildende können bei FTI freiwillig ein Auslandspraktikum machen, rund 30 Azubis pro Jahrgang sammeln als Reiseleiter Erfahrungen bei den Zielgebietsagenturen in Ägypten, Marokko und auf den Kanaren. Möglich ist auch ein Praktikum als Gruppenleiter bei LAL Sprachreisen in England oder auf Malta. Diese vier- bis sechswöchigen Auslandseinsätze sind beim Trainee-
Programm fester Bestandteil des FTI-Traineeship. "Auslandserfahrung wird immer wichtiger", so FTI. Seit 2019 hat man mit TIP – The International Program ein Angebot für alle interessierten Mitarbeiter. Neben persönlichem Erfahrungsaus- tausch werde so der Wissensaustausch zwischen den Standorten intensiviert. Wer länger weg will, kann sich über das FTI-Stellenportal für Auslandsjobs bewerben.

Im weltweiten Vergleich ist die Mobilität der Deutschen relativ hoch, jedes Jahr ziehen rund 180.000 Deutsche ins Ausland. So landet Deutschland im Ranking mit anderen OECD-Staaten hinter Polen und Großbritannien auf dem dritten Platz. Auffällig ist, dass diejenigen gehen, die schon in Deutschland erfolgreich waren und den nächsten Karriereschritt planen. "Es gehen nicht die Verbitterten oder Enttäuschten", sagt Experte Erlinghagen. Im Durchschnitt sind die Auswanderer 36 Jahre alt, drei Viertel habe einen Hochschulabschluss, so die BIB-Studie. Das mit Abstand wichtigste Zielland deutscher Auswanderer war in den vergangenen zehn Jahren die Schweiz, gefolgt von den USA, Österreich und Großbritannien. Für zwei Drittel der Auswanderer ist der Job im Ausland zeitlich befristet.
G Adventures fördert globalen Austausch
Die Teams von G Adventures sind international und Projekte standortübergreifend. Schon deshalb gibt es zahlreiche Austauschprogramme für Mitarbeiter, die zwischen zwei Wochen und drei Monaten dauern. Exchanger ist ein Programm, bei dem Büroangestellte in einem anderen Büro an besonderen
Projekten wie Messen oder Events mitarbeiten. Aktuell kann man sich für Mitarbeiter-Events in Kapstadt, eine Roadshow in Australien oder Manager-Workshops in Thailand bewerben. Beim Exchanger-Programm für CEO (Chief Experience Officers) und auch beim "G Apprentice"-Programm wird weltweit der Austausch unter den Guides gefördert, um eine globale Perspektive zu entwickeln. Daneben können sich sämtliche Kollegen natürlich intern auf Jobs im Ausland bewerben.

Die Lust auf die Welt spielt in der Touristik naturgemäß eine besondere Rolle. Das fängt in der Ausbildung an. Bei DER Touristik können Auszubildende zum Beispiel im ersten Lehrjahr Auslandserfahrung sammeln und in Hotels in Tirol oder auf Rhodos arbeiten. "Wir wollen, dass Auszubildende außerhalb der Zentrale die Hotellerie als einen der wichtigsten Aspekte der touristischen Wertschöpfungskette kennenlernen", sagt Personalentwicklerin Christiane Radu.
„Mein Auslandsjob war ein Booster für mein Selbstbewusstsein. “
Annika Henning

Nicht zuletzt ziehen grenzenlose Perspektiven neue Talente an. So stieg die Quereinsteigerin Annika Henning nur bei G Adventures ein, weil sie in London arbeiten konnte. "Ich habe englische Literatur studiert und wollte unbedingt mal in London leben", erzählt die 31-Jährige. Die Zeit hat sie geprägt. Seit dem Auslandsjob ist sie gelassener. "Es war ein Selbstbewusstseins-Booster", lacht Annika Henning, die in London als Kundenberaterin gearbeitet hat. Heute koordiniert sie bei G Adventures in Berlin das Marketing. Seit London könne sie besser zwischen den Zeilen lesen und habe durch das übliche "You" einen persönlicheren Draht zu Geschäftspartnern. Gern erinnert sie sich auch noch an die hitzige Debatte, ob man Weihnachten am 24. Dezember abends oder am 25. morgens zelebriert. Sie lacht: "Wir haben einfach zweimal gefeiert."

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