Coronavirus

So beurteilt die Reisebranche die ITB-Absage

Das ITB fvw Daily erscheint trotz der ITB-Absage – als digitale Variante.
Marco Limberg
Das ITB fvw Daily erscheint trotz der ITB-Absage – als digitale Variante.

2019 wurden auf der ITB Geschäfte in Höhe von sieben Milliarden Euro abgeschlossen – dieser Betrag wird der Branche nun teilweise entgehen. Die große Mehrheit begrüßt dennoch die Absage.

Branchenbeobachter prophezeien der Touristik eines der problematischsten Jahre – vergleichbar mit der Zeit nach den Terrorattacken 2001. Und auch für Business Travel werden die nächsten Monate hart werden: China steht jetzt schon auf der schwarzen Liste der Geschäftsreiseziele, weitere Länder wie Italien haben erste Unternehmen inzwischen dazugenommen.

Dass selbst die weltgrößte Reisemesse, die ITB in Berlin, nicht stattfinden kann, ist sogar ein Novum: Die Angst vor dem Coronavirus prägt die Öffentlichkeit wie kein anderes Thema. Inwiefern politische Erwägungen hier die entscheidende Rolle gespielt haben, lässt sich schwer beurteilen.

Noch verhalten sich die europäischen Staaten sehr unterschiedlich: Während die einen ihre Messen absagen (wie den Genfer Autosalon in der Schweiz), finden andere Veranstaltungen statt (wie die heute startende Baumesse in Brüssel). Und auch Europas größte Geschäftsreisemesse BTS in London ging vergangene Woche ohne jede Corona-Diskussion über die Bühne.

Nun kommt es in jedem Fall darauf an, den gesunden Menschenverstand walten zu lassen: Weder Hysterie (wie die Hamsterkäufe in Deutschland) noch ein zu geringes Maß an Vorsicht helfen weiter. Panikmache, wie sie vor allem Kanäle wie Facebook, Whats App & Co verbreiten, ist ebenso unverantwortlich wie Schönrednerei und der gern genommene Verweis auf die "viel mehr Fälle der klassischen Grippe". Nicht vergessen werden darf, dass die Übertragungswege der Grippe bekannt sind – bei Corona kennt man sie nach wie vor nicht. Auch lässt sich gegen Grippe vorbeugen – gegen Corona nicht.

Bis zuletzt hatte die ITB dafür gekämpft, dass die Veranstaltung stattfinden kann. In speziellen Erklärungen sollten die Aussteller versichern, dass sie in den vergangenen 14 Tagen nicht mit nachweislich infizierten Personen in Kontakt gekommen sind beziehungsweise in den besonders stark vom Virus betroffenen Regionen zu Gast waren.

Nachdem die Bundesregierung gestern das Risiko von Großveranstaltungen als derzeit zu hoch bezeichnet hatte, verlangte der für die ITB zuständige Bezirk Berlin-Mitte weitere Vorsichtsmaßnahmen. Dazu sollte gehören, dass nicht nur die Aussteller, sondern auch jeder einzelne Fachbesucher hätte beweisen müssen, nicht in Risikogebieten gewesen zu sein. Die Messeleitung bezeichnete eine solche Prüfung als nicht machbar. Sie hätte mindestens zu mehrstündigen Wartezeiten am Einlass der ITB geführt.

Zudem hatten zahlreiche Aussteller bereits zuvor von sich aus ihre Beteiligung an der ITB abgesagt. Auch verboten Arbeitgeber ihren Beschäftigen, als Besucher zur Messe zu reisen, und manch jüngeren Besucher trieb die Angst, zwar nicht selbst zu erkranken, das Virus jedoch an die eigenen und möglicherweise gesundheitlich geschwächten Eltern oder an Kleinkinder weiterzugeben. Ob all dies sachlich gerechtfertigt ist, lässt sich mit dem wenigen Wissen, das wir derzeit noch über das Virus haben, ehrlicherweise nicht beurteilen.

In der Branche stößt der Schritt größtenteils auf Verständnis – auch wenn die Messe, die Stadt Berlin, Aussteller, Einzelhandel und Besucher nun vermutlich auf ihren Ausgaben sitzen bleiben werden. Für manch einen Aussteller ist das finanziell ein herber Schlag: Viele kleine Destinationen oder Anbieter etwa investieren den Löwenanteil ihres Marketing-Budgets in den ITB-Auftritt.

Zumindest die reine Standmiete würden die Aussteller vermutlich zurückerhalten: Laut Geschäftsbedingungen der Messe Berlin muss diese nicht entrichtet werden, wenn die Veranstaltung aufgrund eines Umstandes, den weder die Messe Berlin noch der Aussteller zu vertreten haben, ausfällt. Dies wäre beim Coronavirus der Fall. Die Messe kann ihre bisherigen Ausgaben jedoch beim Aussteller geltend machen.

Damit die ITB-Teilnehmer ihr Geld nicht größtenteils abschreiben müssen, sollte die Branche gemeinsam darüber nachdenken, Alternativen anzubieten: Die fvw etwa wird ihr offizielles fvw ITB Daily dennoch produzieren – aber eben nicht live auf der Messe verteilen, sondern als E-Magazin verbreiten. Auf diese Weise lassen sich Folgen zumindest abmildern.

"Berlin und seine Gastgeber bedauern die Absage, haben jedoch Verständnis, obwohl es bisher in Berlin noch keinen nachgewiesenen Corona-Fall gibt", kommentierte der Chef des Berliner Tourismusmarketing, Burkhard Kieker, die Absage. "Die erstmalige Absage der ITB zeigt, vor welcher Herausforderung die Reisebranche durch das Coronavirus steht."

Dass die Absage für die Touristik wirtschaftlich einen harten Einschnitt darstellt, betont auch der Bundesverband für der Deutschen Tourismuswirtschaft. Dennoch sei sie "die einzig richtige Entscheidung und ein Gebot der Verantwortung".

Nun kommt es darauf an, einen kühlen Kopf zu bewahren und gesunden Menschenverstand walten zu lassen. Denn klar ist: Das Coronavirus wird auch wieder verschwinden – in China beruhigt sich die Lage von Tag zu Tag, manche Regionen gelten bereits wieder als komplett coronafrei. Dann werden die Menschen vor allem einen Wunsch haben: zu verreisen. Und für die Firmen gilt es, gestrichene Geschäftsreisen zumindest zum Teil nachzuholen, um dem internationalen Handel neues Leben zu verleihen.

Die Kommentare für diesen Artikel sind geschlossen.

12.
Walter Krombach
Erstellt 4. März 2020 09:50 | Permanent-Link

Die unter den gegebenen Umständen unvermeidbare Absage der ITB und die damit jetzt verbundenen - virtuellen und sonstigen -Alternativlösungen, könnten, wenn sie sich als trotzdem erfolgreich und wohl deutlich kostengünstiger erweisen, zu einem generellen Umdenken in der künftigen Kontaktpflege mit einschneidenden Veränderungen künftiger ITB's führen. In der bisherigen Form und Bedeutung wird sie vermutlich kaum erhalten bleiben (können).

11.
Wolfgang Hoffmann
Erstellt 2. März 2020 12:14 | Permanent-Link

Oliver Graue, das ist ja mal endlich ein unaufgeregter und informativer Beitrag dazu.
Von der Globalisierung, von dem damit einhergehenden Wirtschaftsboom profitieren alle, auch diejenigen - oder gerade die -, die jedes Jahr mehrmals verreisen, die Urlaub machen, die Fliegen, Kreuzfahren und Zugfahren für selbstvertsändlich halten.
Das ist der Steuerzahler. Und aus diesem Steuertopf der Allgemeinheit muss die Bundesregierung jetzt Mittel verfügbar machen, damit die schwer betroffene Urlaubsindustrie weiterhin die Freiheit des Reisens verfügbar halten kann. Es gibt selbstverständlich wieder normale Zeiten, mutmaßlich ab dem Sommer 2020. Da müssen wir, die Reisebranche verfügbar sein!

10.
Alexa Q.
Erstellt 2. März 2020 10:45 | Permanent-Link

Hallo liebe Kolleginnen und Kollegen aus der Branche,

zu allererst möchte ich zum Ausdruck bringen, wie enttäuscht ich darüber bin, dass manche Branchenkollegen die Kommentarfunktion hier mit ihrem persönlichen Facebook- und Instagram-Account zu verwechseln scheinen.
Nicht speziell zu diesem Artikel, aber zusammengefasst zu allen Artikeln bezüglich ITB/Messen und Corona-Virus.
Anstand, Höflichkeit und Respekt liebe Kollegen!
Die Messe abzusagen kann für die einen ein negatives Zeichen sein, für die anderen ein positives Zeichen sein. Es soll sogar neutrale Meinungen zu dieser Entscheidung geben.
Die Entscheidung wurde nicht von einer Person alleine, sondern mehreren Institutionen getroffen.
Ich bin mir sicher, dass alle Aspekte abgewogen wurden.
Ich bin traurig darüber, dass sie nicht stattfindet, habe aber mit allen Suppliern bisher eine Alternativlösung gefunden, wenn wir unseren geplanten ITB-Termin schon nicht 1/1 stattfinden lassen können.
Allgemein werden Aussteller sicherlich die Auswirkung der Absage zu spüren bekommen.
Aber genauso wenig, wie ich Lust darauf hätte, mich mit Corona anzustecken, hätte ich auch genauso wenig Lust gehabt, mir Grippe, Norovirus, etc. dort einzufangen und ich muss zugeben, dass ich schon jedes Jahr eine Erkältung von der ITB mit nach Hause gebracht habe, auch wenn ich auf das Händeschütteln verzichtet habe (weil einfach in dieser Jahreszeit jeder hustet und schnieft).
Also wäre die Wahrscheinlichkeit, mit dem Virus (und ja, auch ich bin jemand, der die Meinung vertritt, dass es einfach eine Form von Grippe ist) nach Hause zu kommen, garnichtmal so gering, wenn auch nur ein Teilnehmer mit dem Virus anwesend gewesen wäre.
Ich hätte auf Quarantäne so wenig Lust, wie auf einen Zahnarztbesuch.

9.
Frank Dost
Erstellt 2. März 2020 10:31 | Permanent-Link

@Herrn Helmchen:
Schön, dass Sie ob ihres gemachten Scheins in "Medizin-Soziologie" über ein umfassendes Wissen verfügen, dass Sie die Absage der ITB für falsch empfinden.

Vielleicht werden Sie aber nach Wahrnehmung der Informationen über den nachfolgenden Link ihr Wissen hinterfragen:

https://www.rbb24.de/panorama/thema/2020/coronavirus/beitraege/coronavirus-verbreitung-who-charite-virologe-christian-drosten.html

8.
Dietmar Rauter
Erstellt 2. März 2020 09:59 | Permanent-Link

@KollegIn Paarmann (-frau ?)
Bitte nicht meckern. Diese Konfrontation mit dem neuartigen Virus ist ein gigantisches Experiment. Als langjähriger ITB-Besucher 'just for fun' bedaure ich diese Absage schon, sie war eine Fundgrube und Chance, viele interessante Gespräche zu führen, schließlich sind Counterleute zuhause eher nur unter sich. Man kann darüber streiten, ob sie nicht inzwischen viel zu groß geworden ist, eine gigantische Reizüberflutung. Und 750 € 'Eintritt' für eine Luftfahrtmesse wie in München würde ich auch nicht ausgeben, auch wenn der Aufwand noch so groß ist. Das öffentliche Cruise-Event in Hamburg , wo man von Extra Drei (mit Sarah Kuttner) -berechtigterweise- angemacht wird, ist auch nicht mein Treffpunkt, eher mit Plakat und Fridays for Future an den Eingangstoren ! Aber die ITB verbindet ! Daß es fachlichen Rat benötigte und sich die verantwortlichen Politiker zunächst einmal schwer taten, dafür habe ich schon Verständnis, sie haben richtig gehandelt , wer weiß, was jetzt noch alles kommt, in Berlin ist COVID ja jetzt auch schon registriert worden.

7.
Paarmann
Erstellt 2. März 2020 09:12 | Permanent-Link

Es zeigt sich doch immer mehr, dass es bei allen Entscheidungen bei uns immer nur um Symbolpolitik geht und diese auch noch im höchsten Maße inkonsequent ist. So geht Vertrauen verloren?! Erst wird immer maßlos verharmlost und dann ein maßloser Aktionismus an den Tag gelegt. Natürlich kann man so ein Messegelände nicht steril halten, aber wir werden uns darauf einstellen müssen, dass wir alle in diesem Bereich viel sensibler werden müssen, wie es in Asien viellerorts schon üblich ist. Dazu gehört eine kontaktlose Begrüßung genauso wie ggf. entsprechende Schutzmasken bei Erkältungen. Ich bin nun mal gespannt wer hinterher für den entstandennen Schaden aufkommt? Das wird noch lustig werden.

6.
Hardy Maeffert
Erstellt 1. März 2020 20:57 | Permanent-Link

Falsches Zeichen!!!!

5.
Achim Schröder
Erstellt 1. März 2020 17:25 | Permanent-Link

Die interessante Frage ist, inwieweit sich die Umsätze und anderen Effekte jetzt ohne ITB erzielen lassen - oder eben nicht. Viele Aussteller werden sich das bislang nicht getraut haben “weil man das schon immer so gemacht hat”. Jetzt blieb keine andere Wahl und die Erkenntnis könnte entscheidend für das künftige Messegeschäft sein.

4.
Andreas Schulte
Erstellt 29. Februar 2020 22:59 | Permanent-Link

Wieso fallen 7 Milliarden Umsatz weg ? What a Fake ? Findet nach der abgesagten ITB keine Touristik mehr statt ? Werden touristische Umsätze tatsächlich so ITB lastig generiert ? Ist es wirklich nicht möglich, den Verstand einzusetzen und doch eher auf dem Teppich zu bleiben ? Würde es Touristik nicht auch geben, wenn es den Party-Event ITB nie gegeben hätte ? Alles - wie im aktuellen Mainstream - maßlos überzogen !

3.
Roland Helmchen
Erstellt 29. Februar 2020 18:48 | Permanent-Link

Es ist unverantwortlich diese Messe abzusagen. Es stellt sich doch immer mehr heraus, dass das Corona Virus recht harmlos wie ein normales Grippevirus ist. Die Sterblickeit liegt in Japan und Südkorea im Promillebereich, weil dort die medizinische Versorgung einfach besser als in China ist.
Aber Fernsehbilder wie vermummtes chinesisches Medizinpersonal macht einfach mehr Eindruck als die Aussagen des renommierten Robert-Koch-Institutes, dass die Durchführung der Messe ausdrücklich bejahte. Ähnliche Einschätzungen gibt es übrigens auch vom Pasteur Institut in Frankreich. Lieber hört man auf populistische Politiker wie Seehofer, die wohl kaum eine medizinische Ausbildung haben. Wenigstens ich hatte mal einen Schein in Medizinsoziologie gemacht und mich mit der Ausbreitung von Krankheiten und dem menschlichen Verhalten diesbezüglich befaßt (Vorbeugung zur Frage, ob Unterstellung ich Virologe sei).
Einfach unglaublich welchen Schaden solche Politiker anstellen, obwohl Sie geschworen haben dem Wohl Deutschlands zu dienen.

2.
Meinhold Hafermann
Erstellt 29. Februar 2020 16:41 | Permanent-Link

Hallo Herr Graue und Herr Hildebrandt,

ich finde auch, dass die Absage der ITB vernünftig und verantwortungsvoll war. In solchen "Virus-Zeiten" kommt man auch mal ohne die weltgrößte Touristikmesse aus. Wir werden nun alle vereinbarten Termine über Videokonferenzen mit unseren Partnern wahrnehmen, die wir dazu schon eingeladen haben. Ansonsten freuen wir uns auf eine gute Reisezeit nach dem Coronavirus und hoffen, dass wir alle gesund bleiben. Viele Grüße Meinhold Hafermann

1.
AK
Erstellt 29. Februar 2020 16:33 | Permanent-Link

Kann mir jemand diesen Aussage erklären?

Zitat:
2019 wurden auf der ITB Geschäfte in Höhe von 7 Mrd. Euro abgeschlossen – dieser Betrag wird der Branche nun teilweise entgehen.
Zitat Ende:

Wieso fallen 7 Mrd. Euro Umsatz weg? Ich muss doch auch ohne ITB Kontingente, Dienstleistungen etc. einkaufen/verkaufen.

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