EU-Austritt der Briten rückt näher – Teil 1

Airlines und Veranstalter fürchten den harten Brexit

Die Angst vor einem ungeregelten Ausstieg der Briten aus der EU steigt. Airlines und Veranstalter bereiten sich auf das Schlimmste vor. Die Zeit drängt.

von Rita Münck, 12.11.2018, 07:30 Uhr
Vor allem Airlines bereitet der Brexit Kopfzerbrechen.
Foto: (M) Gettyimages

Der 23. Juni 2016 ist bereits als schwarzer Tag in die Geschichte der Europäischen Union (EU) eingegangen. 52 Prozent der Briten stimmten damals für einen Austritt Großbritanniens aus der EU. Den wenigsten davon war wohl klar, was der Schritt, bis dato einmalig und auch so gar nicht vorgesehen, nach sich zieht. Die Folgen sind immens: für die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Großbritannien und Europa allgemein und für den Flugverkehr sowie für die auf beiden Seiten des Ärmelkanals verankerten Konzerne TUI und Thomas Cook im Speziellen. „Wir bereiten uns auf alle denkbaren Szenarien vor, inklusive harter Brexit“, heißt es dazu etwa von TUI-CEO Fritz Joussen. Bereits seit Sommer 2016 tagt in seinem Konzern regelmäßig eine Arbeitsgruppe, um für alle Fälle gewappnet zu sein. Oberstes Ziel: die Geschäfte so fortzuführen, wie es heute der Fall ist – ohne Verzögerungen oder Einschränkungen.

Das ist ein großer Wunsch angesichts dessen, dass bis dato viele Fragen unbeantwortet sind. Auch die zentrale: Kommt es bis zum Austrittsstichtag 29. März 2019 noch zu einem Deal zwischen den verbleibenden EU-27-Ländern und Großbritannien, der den groben Rahmen und eine Übergangsphase definiert? Oder erfolgt der befürchtete ungeregelte harte Brexit, kurz No-Deal genannt, mit gravierenden Folgen unter anderem für den Reiseverkehr? Denn ohne Frage kann der Austritt der Briten aus der Union und damit das Schaffen neuer Grenzen die Mobilität einschränken und damit zu Einbrüchen für die Unternehmen führen, die damit auf beiden Seiten des Ärmelkanals ihr Geld verdienen.

Im Flugverkehr drohen Stillstand und Chaos

Die Rating-Agentur Standard & Poor’s hat gerade erst eine Studie vorgelegt, die warnt, dass im Falle eines No-Deal der Verlust von etwa einer Million Arbeitsplätzen in Großbritannien droht. Auch Jobs in der Reisebranche wären in Gefahr.

Für ihre Fluggesellschaften etwa rechnet man bei Thomas Cook gar mit dem Schlimmsten, wenn nicht endlich Bewegung in die Verhandlungen kommt: „Es ist nicht auszuschließen, dass der Flugverkehr einen Tag oder eine Woche steht“, so Christoph Debus, Chef der Thomas Cook Airlines.

Das Szenario ist so unwahrscheinlich nicht. „Selbst wenn Brüssel und London noch einen politischen Deal hinbekommen, muss im Detail ja auch alles rechtlich geregelt sein. Die vertraglichen Formalitäten einzutüten, das geht nicht von heute auf morgen“, warnt Gerd Pontius von der Airline-Beratung Prologis aus Hamburg und fordert wie Debus neben einem Deal auch eine Übergangszeit von ein, zwei Jahren. „Kommt er nicht, dann wird das Wehklagen sehr, sehr laut“, ist Pontius überzeugt. Die Zeit wird knapp.

Etliche Briten hätten mittlerweile wohl anders entschieden. Erst Mitte Oktober zogen eine halbe Million Menschen gegen den Brexit und für ein zweites Referendum durch London. Anzeichen für eine erneute Abstimmung gibt es nicht. Selbst die Hoffnung auf einen Vertrag schwindet: „Der müsste spätestens nach der EU-Ratssitzung im Dezember stehen“, stellt der Europa-Abgeordnete Elmar Brok (CDU) klar. Die Chancen dafür stünden 50:50.

Und so muss sich auch so mancher Boss aus der Touristik auf harte Zeiten einstellen. Das fängt gleich auf den britischen Inseln an, wo sich die Manager in Hotellerie und Gastronomie im schlimmsten Fall nach neuen Arbeitskräften umschauen müssten. Denn mit dem Brexit droht den vielen EU-Ausländern, die dort den Service und damit die Betriebe am Laufen halten, der Verlust ihrer Arbeitserlaubnis.

Das Thema trifft auch die paneuropäisch organisierten Konzerne TUI und Thomas Cook, deren Firmenkultur durch einen regen Mitarbeiteraustausch zwischen den jeweiligen Dependancen in Großbritannien und etwa Deutschland geprägt ist. Basierend auf einer freien Arbeits- und Wohnortwahl in der EU funktioniert das heute problemlos. Aber wie sieht das nach dem Brexit aus? Diese Unsicherheit belastet zudem Hunderte Briten, die als Reiseleiter etwa für TUI, Thomas Cook sowie andere britische Veranstalter in südeuropäischen Destinationen im Einsatz sind und deren heute durch die Union erteilte Arbeitserlaubnis von einem Tag auf den anderen erlöschen könnte.

Nicht vom Tisch zu wischen sind auch wirtschaftliche Folgen. Die zwei größten Reisekonzerne Europas ...

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