Zwölf Jahre BER-Dauerbaustelle

So wird der BER inzwischen genutzt

Aus der Luft sieht der BER schon längst wie fertig gebaut aus.
Günter Wicker/Flughafen Berlin Brandenburg GmbH
Aus der Luft sieht der BER schon längst wie fertig gebaut aus.

Das Dutzend ist voll: Seit zwölf Jahren wird am neuen Hauptstadt-Flughafen gebaut – mal mehr, mal weniger. Frühestens 2020 kann geflogen werden. Trotzdem: Am BER ist immer wieder was los.

Damit hat 2006 keiner gerechnet: Dass das Prestigeprojekt neuer Hauptstadt-Flughafen BER international zur Lachnummer wird, dass sich die Kosten verdreifachen und es einen Start frühestens im Herbst 2020 geben wird – jedenfalls nach dem aktuellen Zeitplan. „Das findet niemand ärgerlicher als die Flughafen-Gesellschaft“, teilt das Unternehmen mit, aus Anlass eines unrühmlichen Jahrestags: Seit zwölf Jahren wird in Schönefeld gebaut.

Beim ersten Spatenstich am 5. September 2006 waren die Verantwortlichen noch sicher, dass fünf Jahre später die Flugzeuge abheben. Missmanagement und Planungsfehler, Technikprobleme und sechs geplatzte Eröffnungstermine – wer hätte es für möglich gehalten? Unwahrscheinlich schien auch, wie der Flughafen inzwischen genutzt wird.

PARKPLATZ

Klingt paradox: Eine Parklücke zu finden, ist am BER nicht leicht. Denn in den Parkhäusern stehen Hunderte VW – Neuwagen, die Volkswagen noch nicht verkaufen kann. Die Zulassung lässt auf sich warten, weil sich das Abgastestverfahren ändert. Der BER als VW-Parkplatz – „Es ist zwar nicht unsere Kernaufgabe“, meint Flughafen-Chef Engelbert Lütke Daldrup. Aber ein lohnendes Geschäft lasse man sich nicht entgehen.

In diesem Jahr überweist VW eine Million Euro Parkgebühr für 8000 STellplätze. Nicht wenig, aber auch nicht viel verglichen mit den 6,5 Mrd. Euro, die der Flughafen bis 2020 verschlingt. Vor zwölf Jahren war noch von zwei Milliarden Euro die Rede gewesen.

KONZERTBÜHNE

„Heldenleben“, das war keine Hommage an all die, die das „Monster“ BER schufen und zu bändigen suchten, nicht an die Aufsichtsräte Klaus Wowereit und Matthias Platzeck, nicht an die Geschäftsführer Rainer Schwarz und Hartmut Mehdorn. Mit Richard Strauss’ „Heldenleben“ machte das Deutsche Symphonie-Orchester die Terminalvorfahrt zur Konzertbühne. Drinnen Schrauber, draußen Streicher.

Fluglärm störte den Auftritt 2015 kaum, auch wenn einen Kilometer entfernt Flugzeuge abhoben. Denn im benachbarten Terminal des früheren DDR-Zentralflughafens Schönefeld checken jährlich rund 12 Mio. Passagiere ein. 21 Millionen sind es am überlasteten Innenstadt-Flughafen Tegel, dem „abgenagten Möhrchen“ (Mehdorn).

LAUFSTRECKE

Eben und mit viel Platz: Für Läufer ist die Start- und Landebahn des BER eine ungewöhnliche Herausforderung. Einmal im Jahr gibt der Flughafen-Chef im Sonnenuntergang den Startschuss für den Airport Night Run. Dann werden auch die Leuchten an den Pisten eingeschaltet, die Piloten nachts beim Landen helfen sollen. Mehr als 6000 Läufer waren in diesem Jahr unterwegs, auf 4 mal 4000 Metern, auf 10 Kilometern und – passend zur Dauerbaustelle –im Halbmarathon. Läufer statt Jets – für Anwohner ist das wohl die beste Lösung. Denn erst gut 3000 von 26.000 Haushalten haben auf Flughafen-Kosten Schallschutzfenster einbauen lassen. Weitere 6000 bekamen Geld als Entschädigung. Viele warten ab, etwa weil sie auf höhere Ansprüche hoffen. Gerichte haben schon für höhere Standards gesorgt –und die Kosten des Programms verfünffacht auf rund 730 Mio. Euro.

AUSFLUGSZIEL

Berlin wäre nicht Berlin, schlüge man aus der Flughafen-Blamage nicht Kapital. Tausende Menschen buchen jedes Jahr Touren über die Baustelle. Zehn Euro kostet die Bustour „Erlebnis BER“. Rund 14.000 Besucher gab es nach Betreiberangaben im vergangenen Jahr. Als 2012 die Eröffnung spektakulär platzte, waren es sogar mehr als 60.000 gewesen. „Höhepunkt der Tour ist der Ausstieg im Terminal und die Besichtigung des Check-in-Bereiches“, wirbt die Flughafen-Gesellschaft. Auch für Radfahrer gibt es Touren um das Terminal. Fotografieren ist ausdrücklich erlaubt.

MÖBELLAGER

Unter Folie und Staub: Seit Jahren stehen die Wartebänke an den BER-Gates ungenutzt herum. Vor drei Jahren fand sich für einen Teil eingelagerter Sitzmöbel doch schon eine Verwendung: Die Berliner Verwaltung kaufte die Bänke für eine neue Registrierungsstelle für Flüchtlinge. Bundeswehrsoldaten brachten die Bänke nach Wilmersdorf. Den Flughafen selbst als Flüchtlingsunterkunft zu nutzen, lehnten die Betreiber ab – aus Sicherheitsgründen und weil er eben noch Baustelle ist.

LKW-TESTFELD

Männer mit Elektroden am Kopf. Lastwagen, die teilautonom und durch W-LAN verbunden dicht hintereinander fahren. Diese Szenerie bot sich erst vor einigen Wochen auf der BER-Südbahn. Die Bahn-eigene Spedition DB Schenker und der LKW-Hersteller MAN testeten, wie ihre Fahrzeuge möglichst effizient im Konvoi fahren können. Mit Hilfe der Elektroden untersucht die Hochschule Fresenius, was das mit der Aufmerksamkeit des Fahrers macht.

FILMKULISSE

Die 18-jährige Cindy lebt im Flughafen-Vorort Schönefeld. Im Leben der Außenseiterin geht ebenso wenig voran wie auf der Großbaustelle – bis sie den Flughafen-Ingenieur Leif trifft. 2014 machte der Kinofilm „Schönefeld Boulevard“ (2014) den BER zur Filmkulisse – eine Zeit, in der auf der Baustelle tatsächlich kaum etwas voranging, wie Berlins Regierungschef Michael Müller (SPD) später zugab. Inzwischen scheint der Weg zur Eröffnung klar. „Heute können wir verlässlich planen“, sagt der Flughafen-Chef. So wie zwischenzeitlich auch seine Vorgänger – bis wieder ein neues Technikproblem aufploppte. „Wann kommst Du wieder nach Schönefeld?“, fragt Film-Cindy ihren Flughafen-Ingenieur. „Hängt von den Problemen ab.“ – „Dann hoffe ich, dass ihr wieder Probleme haben werdet.“ (dpa)

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