Klimadebatte

Wer weltoffen ist, kann Fliegen nicht verbieten

Das klimafreundliche Fliegen bleibt die große Herausforderung der kommenden Jahre.
Andreas W. Schulz
Das klimafreundliche Fliegen bleibt die große Herausforderung der kommenden Jahre.

Zum zweiten Mal hatte der „Tagesspiegel“ in Berlin zu einem Diskussionsforum mit dem Thema klimafreundliches Fliegen geladen. Vertreter von „Fridays for Future“ bis zum Koordinator der Bundesregierung für Luft- und Raumfahrt kamen zur Debatte.

Als eine Art "physisches Worldwide Web" bezeichnet Ralf Fücks, Buchautor, Gründer und geschäftsführender Gesellschafter des „Zentrum Liberale Moderne", das Fliegen. "Es ermöglicht uns überhaupt erst globale Begegnungen. Damit haben heute immer mehr Menschen aller sozialen Schichten die Chance, die Welt kennenzulernen. Das ist ein wirklich demokratischer Prozess!"

Damit tut sich für ihn ein Gegensatz auf, denn „weiter so" gehe auch nicht, will man bis 2050 klimaneutral werden. Andererseits: Auf das Fliegen verzichten zu können, sei eine Illusion. Fücks: "Wer offen für Einwanderung sein will, der kann nicht gegen das Fliegen sein." Daher müsse die Vernunft kritisch überprüft werden, und man müsse alle Optionen einbeziehen, vom eigenen Reiseverhalten über neue Technologien bis hin zur Bepreisung von Emissionsrechten.

Ricarda Lang, Bundesvorstand der Grünen Jugend, fordert die Politik auf, „sich stärker für die Alternativen zum Fliegen" einzubringen. Clara Mayer, Aktivistin bei Fridays for Future, sieht es als „Skandal, dass Bahntickets so teuer sind". Ria Schröder, Bundesvorsitzende der Jungen Liberalen, hält dem entgegen, „dass wir hier eine Debatte in Deutschland aus einer privilegierten Stellung heraus führen". Längst nicht überall in der Welt könne die Bahn als Alternative angesehen werden, da schlicht die passende Infrastruktur fehle.

Autoverkehr steht für 95% der CO2-Emissionen

Der Autoverkehr, der in der angeheizten Debatte oft wenig Betrachtung finde, mache in der Realität aber „rund 95 Prozent der CO2-Emissionen“ aus, hebt Thomas Jarzombek hervor, Koordinator der Bundesregierung für Luft- und Raumfahrt. Auch hier müssten die tatsächlichen Verhältnisse etwa bei einem Emissionshandel berücksichtigt werden. Die Union-SPD-Regierung hat zuletzt jedoch die Luftverkehrsteuer verdoppelt, ohne sich zur Verwendung der zusätzlich eingenommenen Beträge zu äußern.

Die Forderung etwa von Fridays for Future, das Fliegen zu reduzieren, oder von Ernst-Christoph Stolper, dem stellvertretenden Vorsitzenden des BUND, „dass nur der klimaverträglichste Flug der ist, der nicht stattfindet", kam beim Präsidenten des Verbands Deutsches Reisemanagement (VDR), Christoph Carnier nur bedingt an: „Wir machen keine Dienstreisen zum Selbstzweck. Dienstreisen sind ein großer Kostenblock bei den Unternehmen und deshalb versuchen wir, wann immer möglich, schon Reisen zu vermeiden oder etwa durch Telemedien zu ersetzen."

Auch die Kompensation von CO2-Emissionen „ist nur ein bedingtes Mittel“, sagt selbst Carsten Warnecke, Geschäftsführer und Gründungspartner des New Climate Institute. „Wir brauchen technische Lösungen", appelliert er an die Politik und Industrie.

Fliegen ist teurer als Bahnfahren

Matthias von Randow, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Luftverkehrswirtschaft, versuchte zu versachlichen: „Fliegen ist doppelt so teuer wie Bahnfahren – und innerdeutsch sogar vier Mal so teuer. Trotzdem wollen wir mehr Luftverkehr auf die Schiene verlagern, gerade wenn es weniger als vier Stunden Reisezeiten sind." Zu den oft zitierten Billigtickets zu 9 Euro sagte von Randow resigniert: „Diese speziellen Marketingangebote brechen uns das Kreuz!" Auch er forderte, dass Flugtickets nicht den Preis von Steuern und Gebühren unterschreiten sollten.

Interessant dabei: Von den anwesenden Diskutanten konnte sich niemand erinnern, jemals für 9 Euro tatsächlich ein Flugticket gekauft zu haben, weil der Endpreis wesentlich höher lag.

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  1. Dietmar Rauter
    Erstellt 1. November 2019 11:03 | Permanent-Link

    Ursprung der Mobilität war und ist: Es werden Profite gemacht, mit dem Verkauf von Autos, Flugzeugen, die gefüllt werden müssen, Kreuzfahrt-Galeeren. Mit diesen Angeboten ist der (kluge?) Kunde an die neue Beweglichkeit gewöhnt und erzogen worden, aus dem es heute ja fast gar kein Entrinnen mehr gibt (genauso wie mit der Abhängigkeit von IT-Medien !!) . Es wurde 'dem (dummen?) Verbraucher' ein neues Verhaltensmuster ermöglicht, ohne zu überprüfen, ob diese neuen Wege überhaupt umwelttauglich sind . Genauso, wie wir heute feststellen müssen, daß Agrarchemie die Regenwürmer abgetötet hat, von denen sich Vögel und andere Lebewesen ernährt haben. Am Anfang stand der Profit, der unseren 'Wohlstand' bewirkt hat . Wo fängt Erkenntnis und 'Nachhaltigkeit' heute an ? Was dürfen 'wir' noch, ohne unserer Jugend die Zukunft zu stehlen und vielleicht noch etwas an der Natur bewahren zu können? Ich muß leider konstatieren, daß solche 'Klimadebatten' ahistorisch sind und zu kurzatmig. Aber sie müssen -richtig- stattfinden, auch wenn es dabei um unsere Arbeitsplätze geht, Überleben ist wichtiger (für mich nicht so, ich habe gut gelebt und viel gesehen, leider viel zu viel vergessen, dank AIDA und anderen Ultrafeinstaubverpestern ) .

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