Interview mit Jens Bischof

"Billig allein funktioniert nach Corona nicht mehr"

Jens Bischof führt seit 1. März Eurowings.
Eurowings
Jens Bischof führt seit 1. März Eurowings.

Eurowings-CEO Jens Bischof hat die ersten 100 Tage im Amt hinter sich. Wegen der Corona-Krise fiel sein Start äußerst ungewöhnlich aus. In seinem ersten Interview schildert der 54-Jährige, wie er die aktuelle Zeit erlebt und wie er mit Eurowings schnell Geld verdienen will.

fvw: Ihre ersten drei Monate als Eurowings-Chef liegen hinter Ihnen. Den Start haben Sie sich sicher etwas anders vorgestellt.
Jens Bischof: Es stand zumindest in keinem Drehbuch, dass ich in den ersten 100 Tagen eine Fluggesellschaft mit mehr als 140 Maschinen fast auf null herunterfahren musste und dabei meine neuen Kollegen kaum persönlich treffen konnte. So etwas habe ich in fast 30 Jahren in der Branche noch nicht erlebt. Mein Vorgänger Thorsten Dirks hat mir aber ein starkes, krisenerprobtes Team übergeben. Das hat mir den Einstieg und den Umgang mit der Situation enorm erleichtert. Das Team ist hoch motiviert, vieles aus Kundensicht neu zu denken, dabei effizienter und digitaler zu arbeiten.
 
Eurowings gehört schon länger zu den Sorgenkindern des Lufthansa-Konzerns. Wie sehr setzt Corona Eurowings zusätzlich zu?
Eurowings gehörte vor der Krise zu den pünktlichsten Airlines in Europa, und wir waren auch wirtschaftlich auf einem sehr guten Weg. Der finanzielle Turnaround war voll unter Wind, ehe Corona uns und die gesamte Industrie schwer getroffen hat.  Seit April sind fast alle Mitarbeiter in Kurzarbeit. Wir haben über Wochen nur ein Rumpfprogramm mit zehn Prozent der Flotte bedient, weiten den Flugplan aber jetzt vorsichtig aus.

Wie viele Eurowings-Jets werden wir 2020 noch zu sehen bekommen?
Wir stocken die Flotte im Juni auf 20 Maschinen auf. Wenn Ende Juni an unseren großen Basen in Nordrhein-Westfalen und Hamburg die Ferien beginnen, wollen wir – abhängig von der Nachfrage – 25 Flugzeuge in der Luft haben und weitere Mitarbeiter aus der Kurzarbeit holen. Wir spüren eine große Sehnsucht der Menschen, Reisen nachzuholen. Vielleicht bekommen wir in diesem Sommer noch 40 oder 50 Prozent unserer Kapazitäten in die Luft.
 
Wie verbindlich kann Ihr Sommerflugplan überhaupt sein?
Airlines, die jetzt schnell und flexibel sind, werden profitieren. Weil Reisen etwa nach Spanien zurzeit noch nicht für alle Touristen möglich sind und Gäste gerade lieber an die Nord- oder Ostsee wollen, haben wir Sylt und Heringsdorf sofort aufgestockt. Unser Flugplan muss agil, aber eben auch verlässlich sein. Mit jeder Lockerung der Reisebeschränkungen wird die Verbindlichkeit steigen.

Gäste müssen mit Umbuchungen rechnen

Noch ist bei Ihnen im Juli achtmal täglich Düsseldorf–Mallorca buchbar. Es ist unwahrscheinlich, dass Sie all die Flüge gefüllt bekommen. Droht erneut ein Chaos-Sommer mit vielen Umbuchungen?
Bei den aktuell geringen Kapazitäten erwarte ich keine Engpässe oder besondere Turbulenzen im Sommer. Gäste werden in dieser außergewöhnlichen Zeit Verständnis haben, wenn wir hier und da Flüge zusammenlegen müssen, weil es noch Unsicherheit um Zielgebiete gibt und die Nachfrage noch verhalten ist. Die Herausforderungen sind enorm, auch für Reiseagenten und Veranstalter. Wegen Corona fällt unfassbar viel Mehrarbeit an, unbezahlte dazu. Ich fühle da sehr mit, auch weil viele unserer Vertriebspartner ums wirtschaftliche Überleben kämpfen.
Das erste Interview des neuen Eurowings-CEO in der fvw
"Unsere Ambition bleibt, im nächsten Jahr den Break-even zu schaffen, wenn die Nachfrage wie geplant zurückkommen sollte", so Eurowings-CEO Jens Bischof gegenüber fvw. Das gesamte Interview aus dem fvw Magazin finden Sie unter folgendem Link: Jetzt im E-Paper lesen!

Aktuell gibt es noch Ärger mit Kunden, die für ihre stornierten Tickets Geld zurückerwarten. Wann dürfen die damit rechnen?
Das Problem trifft die gesamte Branche. Durch das faktische Reiseverbot über Monate sind die Anfragen nach Rückerstattungen bei allen Airlines gigantisch hoch, weshalb es bei Auszahlungen länger dauert als gewöhnlich. Wir haben diesen Bereich aber trotz Kurzarbeit personell aufgestockt und zahlen Tag für Tag an Kunden aus. Alternativ können Gäste so flexibel und häufig umbuchen wie nie zuvor und dabei sogar ihr Reiseziel ändern. Zudem bieten wir allen Gästen auch Vouchers an. Wer das nicht möchte, bekommt aber natürlich auch den Preis des stornierten Tickets zurück.
 
Wie hoch ist die Zahl der Rückzahlungsforderungen?
Da jeder Tag des Reiseverbots neue Stornierungen bringt, nähern wir uns inzwischen einem sechsstelligen Bereich. Auch deshalb wünschen sich alle, dass die weltweite Reisewarnung Mitte Juni Geschichte ist.
 
Sie haben bereits den Sommer 2021 buchbar gemacht. Ist das nicht etwas voreilig?
Mit dem größten Touristik-Angebot auf Kurz- und Mittelstrecken in Deutschland zeigen wir, dass mit Eurowings nach der Krise zu rechnen ist. Wir sind im Feriengeschäft heute bereits größer als Condor. Im kommenden Jahr wollen wir mehr als 700 Urlaubsflüge pro Woche anbieten, davon allein 300 mal nach Mallorca, von 16 verschiedenen Abflughäfen. 150 mal pro Woche fliegen wir nach Italien, etwa genauso oft nach Griechenland und Kroatien.

Reiseinformations-App in Arbeit

Aktuell ist die Unsicherheit, wohin man überhaupt fliegen kann, groß. Wie wollen Sie jetzt die Nachfrage stimulieren?
Genau diese Unsicherheit müssen wir den Reisenden nehmen – über volle Transparenz. Dafür haben unsere Experten bei Eurowings Digital gerade einen Reiseinformations-Assistenten entwickelt - ein Branchen-Überblick, der auf der Website und der Eurowings App tagesaktuell Informationen liefert.
 
Was kann dieser Assistent?
In der Krise ändert sich die Lage auf der Welt fast stündlich. Ob Einreisebestimmungen, Flugpläne oder Sicherheit auf Reisen – wir bieten den umfassendsten Überblick. Eurowings Kunden geben nur ihr gewünschtes Ziel ein und erhalten sofort Infos über aktuelle Einreisebestimmungen und Schutzmaßnahmen vor Ort: Was gilt für Hotels, Ferienhäuser, Gastronomie im Land? Wo ist das Tragen einer Maske notwendig, und was habe ich bei diversen Aktivitäten zu erwarten? Das alles sammeln und veröffentlichen wir für immer mehr Ziele, um Kunden Sicherheit zu geben.
Angst vor einem Chaos-Sommer
Veranstalter und Reisebüro-Agenten müssen im Sommer 2020 wieder mit etlichen Flugumbuchungen rechnen. Die Corona-Krise macht die Flugplanung nahezu unmöglich. Mehr dazu lesen Sie in der fvw unter folgendem Link: Jetzt im E-Paper lesen!

 
Sie sprechen von einer Branchenlösung.
Ja, das Tool wollen wir auch Reisebüro-Agenten, Veranstaltern und anderen Dienstleistern zur Verfügung stellen. Ziel aller Touristiker muss es sein, jetzt die Verunsicherung beim Gast abzubauen, damit die Nachfrage für uns alle wieder zurückkommt.
 
Gibt es weitere Ideen?
Corona wird den Luftverkehr fundamental verändern. Einfach weiterzumachen, nur kleiner als vorher, wird nicht funktionieren. Wir müssen in allen Bereichen neu denken, uns auf neue Hygieneanforderungen einstellen und vieles mehr. Ein Produkt, dass wir jetzt zum Beispiel forcieren sollten: Gäste buchen auf Wunsch einen freien Mittelsitz hinzu und teilen sich die Kosten im besten Fall mit einem Reisenden aus derselben Reihe.

Ist das ein Vorschlag aus Ihrem Ideenwettbewerb? Sie hatten Kunden um Anregungen für das Fliegen in Corona-Zeiten gefragt.
Nein, diese Idee stammt von uns. Aber auch der Innovations-Wettbewerb hat viele sehr gute Ansätze hervorgebracht. Etwa eine App, die Fluggästen in Echtzeit und per Push ihre persönliche Boardingzeit zuweist, um Wartezeiten besser nutzen zu können. Damit würden Kontakte und Schlangen in Wartezonen reduziert. Auch ganz neue Hygienelösungen und mehr Flexibilität beim Buchen sind große Themen, die uns Kunden über den Ideenwettbewerb zuspielen.

Familienfreundlicher und emotionaler werden

Wie lange wird diese "neue Normalität" andauern?
Länger als wir uns wünschen. Seriöse Prognosen gehen davon aus, dass wir vor 2023 nicht an das Flugniveau von 2019 anknüpfen können. Die vor uns liegende Rezession dürfte die Reisebudgets vieler Firmen unter Druck bringen und auch die Kaufkraft der Privatkunden schwächen. Für Sommer 2021 planen wir daher zunächst nur mit 90 Flugzeugen.
 
Sie sind angetreten, um den Turnaround bei Eurowings zu schaffen. Wie wollen Sie das angesichts der aktuelle Lage angehen?
Der eingeleitete 'Restart' von Eurowings geht Hand in Hand mit einer Neupositionierung der Airline. Billig allein funktioniert nach Corona nicht mehr! Deshalb stellen wir Eurowings familienfreundlicher, emotionaler und sympathischer auf. Schauen Sie auf unsere Website: Das erste, was sie dort zurzeit sehen, ist ein Rabatt von 50 Prozent für Kinder.
 
Das ist für einen Low Coster ungewöhnlich.
Wir werden Eurowings zu einer preiswerten Airline für Europa entwickeln, zu einer echten Value-Airline. Dabei ist mir der 'Wert' im Begriff 'preiswert' sehr wichtig. Der Gast erwartet in Corona-Zeiten mehr von einer Airline, es geht verstärkt um Gesundheit und Sicherheit, um Solidarität und Vertrauen. Bei all diesen Werten haben wir so viel mehr zu bieten als Ultra-Billigflieger wie Ryanair. Wertige Produkte und Services wären auch für unsere Vertriebspartner eine neue Motivation, uns noch intensiver zu verkaufen.
 
Heute bieten Sie in Ihrer BizClass einen freien Mittelsitz. Welche Zukunft hat die Reiseklasse bei Eurowings?
Wenn ich als Gast künftig einen freien Mittelsitz zubuchen kann, wenn ich entscheiden kann, ob und wie viel Gepäck ich mitnehme, ob ich einen schnelleren Bodenprozess wünsche oder nicht, dann erübrigt sich die Frage. Der Reisende erhält mehr Kontrolle, er kann sein Produkt und damit den Preis selbst bestimmen.
 
Damit stellen Sie alle heutigen Eurowings-Produkte auf den Prüfstand.
Ja, ganz bewusst – weil auch Corona den Flugverkehr fundamental verändert. Das einfache, flexible Zusammensetzen des Wunschprodukts wird ein wesentliches Thema für das Fliegen der Zukunft. Darauf stellen wir uns bei Eurowings ein.
 
Sie wollen in der Touristik wachsen. Wie wollen Sie mit dem Ansatz die Veranstalter mitnehmen?
Auch der Gast eines Veranstalters, und wir haben sehr viele Verträge mit Veranstaltern, muss künftig in der Lage sein, das gekaufte Basisflugprodukt an seine Bedürfnisse anzupassen. Wir sollten Schluss machen mit dem ewigen Streit, wem der Kunde und dessen Daten gehören. Wenn wir jedem Gast erlauben, ein für ihn passendes Produkt zusammenzustellen, werden wir alle kundenfreundlicher und werthaltiger: Airline, Veranstalter und Vertriebspartner.
 
Noch können Kunden unter der Marke Eurowings Langstreckenflüge buchen, die Lufthansa managt und Sun Express fliegt. Wann wird dieses Wirrwarr ein Ende haben?
Auch hier wurden bereits wesentliche Entscheidungen zur Neuaufstellung getroffen: Lufthansa wird die touristische Langstrecke ab Frankfurt und München stärken, weil die Wachstumschancen in diesem Segment am größten sind. Ab 2021 wird dieses Geschäft in einem Flugbetrieb gebündelt. Die Entscheidung über die Marke, unter der diese Langstrecken fliegen werden, fällt noch in diesem Jahr. Bis dahin sind die Flüge unter der kommerziellen Verantwortung der Lufthansa und der Marke Eurowings unterwegs.

Lösung für Germanwings hat Priorität

Die Abspaltung der Langstrecke sollte Eurowings helfen, 2021 in die schwarzen Zahlen zu fliegen. Dann kam Corona. Wann wollen Sie den Breakeven schaffen?
Der Abschied von der Langstrecke war nur eine von zahlreichen Maßnahmen, um Eurowings wirtschaftlicher und fokussierter aufzustellen. Auch auf Kurz- und Mittelstrecken fliegen wir bereits deutlich effizienter – mit durchweg einfacheren Strukturen, einer A320-Einheitsflotte und nur noch einem Eurowings Flugbetrieb für Deutschland.
 
Wie weit ist das Ziel entfernt?
Unsere Ambition bleibt, im nächsten Jahr den 'Break-even' zu schaffen, wenn die Nachfrage wie geplant zurückkommen sollte. Dafür passen wir unsere Unternehmensgröße rasch den neuen Marktgegebenheiten an – etwa über 30-prozentige Kostensenkungen und eine Reduktion von rund 300 Stellen in der Verwaltung. Mit unseren Sozialpartnern sprechen wir derzeit in allen Bereichen über Krisenbeiträge und neue Beschäftigungsmodelle, auch um Lösungen für möglichst viele Germanwings-Kollegen zu finden.
 
Wo wird Eurowings 2023 stehen, wenn sich vielleicht wieder vieles normalisiert hat?
Die aktuelle Welle an Staatshilfen wird dazu beitragen, dass die Konsolidierung der Branche erneut in die Verlängerung geht. Einige Airlines werden nach Corona nicht mehr abheben. Andere werden für Liquidität kämpfen, um Kredite zurückzahlen zu können. Der Weg der nächsten Monate wird beschwerlich, aber auch chancenreich: Ich bin sehr sicher, dass wir diese Chancen als Teil einer starken Lufthansa-Gruppe nutzen werden.

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1.
Ralph D. Ulrich
Erstellt 9. Juni 2020 11:13 | Permanent-Link

Es ist im Allgemeinen immer schlecht, wenn der Chef nur halb informiert ist - auf meine Emailanfrage zu einer nicht möglichen Einlösung eines Gutscheines bei einer Neubuchung warte ich bis heute auf Antwort - fast 6 Wochen ! So wird das in der Zukunft auch nichts, wenn man die Reisebüro's derartig links liegen läßt - das wird sich rächen vermute ich ...

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