Debatte um Klimaproteste

Flugscham ist auch keine Lösung

fvw-Redakteur Oliver Graue
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fvw-Redakteur Oliver Graue

Die Klimadebatte mischt die Tourismusbranche auf. Flüge und Fernreisen pauschal zu verdammen, ist aber keine Lösung, findet fvw-Redakteur Oliver Graue. Vielmehr sei Vernunft gefragt.

Nein, die Welt wird nicht untergehen. Genauso wie der deutsche Wald alle Todesvorhersagen überlebt hat und das Ozonloch von Jahr zu Jahr kleiner wird, genauso wird auch der Klimawandel nicht zur Apokalypse führen. Gewiss, damit alles gut ausgeht, müssen wir handeln, müssen alle handeln. Auch die Tourismus-Branche. Elitäre Besserwisserei oder gar "Flugscham", mit denen heute so mancher Klimaaktivist auftritt, bringt uns dabei allerdings nicht wirklich weiter. Wer glaubhaft Klimaschutz betreiben will, kommt nicht drumherum, über mögliche Wege vernünftig nachzudenken – statt Kinder Schilder hochhalten zu lassen. Und Flüge oder Fernreisen pauschal zu verdammen, hat mit wirklicher Weitsicht sowieso nichts zu tun.


Tatsache ist: Mit 2,7 Prozent fällt der Anteil der Luftfahrt am weltweiten CO2-Ausstoß bescheiden aus. Das gilt selbst dann noch, wenn man diesen Wert rechnerisch verdoppelt oder gar verdreifacht, weil die schädlichere Wirkung in der Höhe, Ozon bildende Stickoxide und Kondensstreifen hinzukommen. Wer jedoch Flugverzicht fordert, der nimmt in Kauf, dass jene Schwellen- und Entwicklungsländer leiden, die der Tourismus heute stabilisiert. Auch unsere eigene Ökonomie sollten wir im Blick behalten. So kann eine nationale oder europäische CO2-Flugticketabgabe im Kurzstreckenverkehr möglicherweise positiv wirken, weil sie alle Beteiligten bezahlen müssten. Auf der Langstrecke hingegen würde sie einzig den Verkehr verlagern, ohne jeden Nutzen fürs Klima. Statt via Frankfurt, München oder Wien würden die Menschen dann eben wenn möglich billiger über einen außereuropäischen Hub fliegen.

Davon abgesehen geht am Ende an einer Lösung auf internationaler Ebene sowieso kein Weg vorbei. Denn das größte Problem fürs Klima ist das explodierende Wachstum des Flugverkehrs – und das findet in Asien statt. Allein in China sind 261 (!) Flughäfen in Planung. Sind die wirklich alle nötig? Hier muss der zähe Weg der Verhandlungen gegangen werden.

Kurz- und mittelfristig ist dennoch die Europäische Union gefordert: Es gilt, sich selbst gesetzte Ziele einzuhalten, auch um glaubwürdig zu bleiben. Gebote und Verbote können in einer Marktwirtschaft als Instrumente immer nur die zweite Wahl sein. Der Emissionshandel, den die EU 2012 auf Flüge erweiterte, ist ein durchaus marktkonformes Instrument, zumindest wenn Zertifikate fortlaufend reduziert werden. Eine Alternative wäre eine CO2-Abgabe, aus der sich die Unternehmen jedoch "heraus verhandeln" können, wenn sie sich Kohlendioxid-Sparziele setzen und diese auch umsetzen. In der Schweiz funktioniert dieses Modell recht erfolgreich.

Einseitige Schuldzuweisungen sollte man bei allen Diskussionen vermeiden. Der Flugverkehr ist ein simpel zu benennender Feind. Dabei ist auch die Bahn keineswegs sauber. Sie hat nur den Vorteil, dass ihre CO2-Emissionen bereits im Vorfeld anfallen – bei der Erzeugung des Stroms. Und eine französische Studie hat gerade enthüllt, dass auch die viel gerühmte Digitalisierung ein echter Klimakiller ist: Die IT-Branche sorgt für 3,7 Prozent des CO2-Ausstoßes. Vor allem das Streaming ist ein Energiefresser, es verbraucht 1500-mal mehr Strom als der normale Handybetrieb. Ob das die protestierenden Schüler wissen? Ganz zu schweigen von der massiven Klimabelastung, für die die Hunderttausenden Fahrzeuge sorgen, welche die bequem bei Internet-Konzernen bestellten Waren ausliefern.

Umgekehrt sollte all dies niemanden davon entlasten, über so manche Fehlentwicklung im Flugverkehr nachzudenken. Ein Ticket für 9,99 Euro ist ökologisch unverantwortlich und ökonomisch absurd. Zudem basieren solche Preise oft auf zweifelhaften Arbeitsverhältnissen und sozialer Ausbeutung. Würde sich die Politik trauen, solchen Billigstflug-Auswüchsen zu begegnen, wäre schon viel erreicht, auch in Sachen CO2. Aber auch die Verbände der Reisebranche sind gefordert, Konzepte vorzulegen – und nicht nur Vorschläge abzulehnen. Denn Urlaub muss auch künftig Freude bedeuten. Und nicht Flugscham.

Die Kommentare für diesen Artikel sind geschlossen.

  1. Rainer Maertens
    Erstellt 13. Mai 2019 09:48 | Permanent-Link

    Dem ist nichts mehr hinzuzufügen, alles in einem Kommentar perfekt zusammengefasst.

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