Gastkommentar von Gerd Pontius

Green Deal als Chance für die Luftfahrt sehen

Gerd Pontius, Kopf der international tätigen Beratungsgesellschaft Prologis, geht mit der Branche in puncto Klima hart ins Gericht.
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Gerd Pontius, Kopf der international tätigen Beratungsgesellschaft Prologis, geht mit der Branche in puncto Klima hart ins Gericht.

Auch die Luftfahrt ist im Kampf gegen den Klimawandel gefordert. Die Branche sollte sich vom bloßen Abwehrkampf gegen neue finanzielle Bürden freimachen und eigene Initiativen ergreifen. Das regt der Luftfahrtexperte Gerd Pontius an.

Es war ihre erste Amtshandlung als EU-Kommissionschefin und sollte im Vorfeld der Klimaschutzkonferenz in Madrid ein sichtbares Zeichen setzen: Mit Vorstellung des "European Green Deal" gibt Ursula von der Leyen deutlich ambitioniertere Ziele vor als die Bundesregierung mit ihrem Klimapaket.

Eine Halbierung der CO2-Emissionen bis 2030 und die CO2-Neutralität bis 2050 zu erreichen sind Vorgaben, für die sich viele Lebensbereiche grundlegend ändern müssen. Auch wenn bislang eher allgemeine Absichtserklärungen veröffentlicht sind und Branchen wie die Agrar- und Energiewirtschaft zu deutlich mehr Emissionen beitragen: Die Luftfahrtbranche wird zum Kristallisationspunkt einer sich insgesamt in Europa verändernden Mobilitätskultur werden.

Zwangsläufig richtet sich der Blick von Politik und Wissenschaft auf den Verkehr – einen der am stärksten wachsenden Emittenten in Europa. Die Luftfahrt kann dabei noch so oft darauf hinweisen, dass sie nur einen Bruchteil zu den Emissionen beiträgt und dass jede weitere steuerliche Belastung die europäische Wettbewerbsfähigkeit beeinträchtigt. 

Die Emissionen pro Flugzeug sind natürlich gesunken, und ja, Flugzeuge waren früher viel lauter. Doch sehen wir es realistisch: Kaum jemand mag das Mantra der Industrie hören. Und so können wir, wie es aktuell gerade wieder geschieht, noch so laut die Risiken von CO2- und Fluggaststeuern oder höheren Emissionskosten beklagen. Die politischen Entscheider lassen sich davon wenig beeindrucken. Beweist unsere Branche doch offenbar immer wieder, dass sie trotz aller Klagen weiterhin profitabel ist und wächst. Dass dieses Bild primär durch selektive Wahrnehmung geprägt ist, mag man beklagen. Es ändert jedoch nichts am Urteil.

Eine Abwehrhaltung der Akteure in der Luftfahrt wird weder Klimasteuern, einen teureren Emissionshandel noch engere Vorschriften verhindern. Nicht, solange diese in Brüssel und Berlin als notwendig für den Klimaschutz gesehen werden.

Eine konstruktive Rolle der Branche in dem kommenden Diskurs mit der EU verspricht dagegen, dass ein Green Deal mehr Nutzen als Belastung bringt. Selbstverständlich werden höhere Kosten sich auf die Preise oder die Marge auswirken. Dieses wird besonders die wenigen nach der Konsolidierung verbliebenen kapitalschwachen und unabhängigen Airlines treffen.

Zudem werden die Billigflieger in Europa mit ihrem preis- und kostenfokussierten Geschäftsmodell mehr unter Druck geraten als große Airline-Gruppen. In Summe aber wird die Luftfahrt die zu erwartenden Kostensteigerungen verkraften. Das werden sicher auch die Diskussionen Ende Januar 2020 beim European Aviation Symposium in München ergeben.

Auf der Nutzenseite birgt die EU-Klimainitiative erhebliche Chancen. Neben der Hoffnung auf einheitliche EU-Regeln für Airlines anstelle nationaler Alleingänge wird vor allem die Umsetzung des European Single Sky zum Lackmustest für den Willen der EU, eine konsequente Klimapolitik zu betreiben.

Widerstände auch in Deutschland formieren sich aber bereits, und die Zweifel steigen, ob dieses Ziel erreichbar ist, wenn es dann überhaupt von der deutschen Präsidentschaft konsequent vertreten wird. Sofern es die EU mit dem Green Deal ernst meint, darf dieses wichtigste Klimaprojekt nicht an nationalen Egoismen scheitern.

Ein Gastkommentar von Gerd Pontius.

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2.
Dietmar Rauter
Erstellt 6. Januar 2020 10:24 | Permanent-Link

Ich finde diese Auseinandersetzung auch deshalb wichtig, weil immer so getan wird, als ob hier einem vermeintlichen Verbraucherinteresse am Fliegen nachgegeben wird. Die Realität sieht aber anders aus: Überkapazitäten durch (zum großen Teil) Fehlinvestments , viele Anleger suchen in dieser Sparte ihr Glück, um dem Nullzins auf dem Sparkonto zu begegnen, neue Jets, obwohl alte noch gar nicht abgeschrieben sind (Lufthansa setzt -als einzige- immer noch Boeing 747-Jumbos ein) führen zu immer neuen und damit zu billigen und nicht nachhaltigen Flugangeboten. Ein Einlenken ist nicht in Sicht, solange ein deutscher Wirtschaftsminister mal eben 380 Millionen Kredit an eine nicht überlebensfähige Fluggesellschaft vergibt. Wer das Klima verbessern will, braucht dafür Pläne und Regeln, die zum Glück eher aus der EU kommen. Bis ein Wasserstoffantrieb einsatzfähig wird, kann es schon zu spät sein.

1.
Uwe Zobel
Erstellt 6. Januar 2020 09:15 | Permanent-Link

Lieber Gerd Pontius, ich stimme Ihnen voll und ganz zu. Endlich kommen solche Aussagen auch mal von einem Insider der Branche. In Wahrheit sind ja selbst die Ziele des European Green Deals noch zu niedrig, um das für die Eindämmung des Klimawandels notwendige 1,5 Grad Ziel bis 2035 zu erreichen. Schön wäre, wenn jetzt noch konkrete Massnahmen zur Erreichung dieses Ziels in die Diskussion einfließen.

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