WTTC

Gipfelstürmer in Peking

Welt-Tourismusgipfel in Peking: Warum auch die Touristiker alle nach China drängen und warum Networking auch bei den CEO's so wichtig ist.

von Klaus Hildebrandt, 26.05.2010, 17:26 Uhr

Einmal im Jahr treffen sich die Mitglieder des World Travel & Tourisms Councils (WTTC) zum Gipfeltreffen. Und weil diese Mitglieder die Chefs von rund 100 der größten Reiseunternehmen der Welt sind (wie Accor, American Express, Amadeus, Travelport, Interconti, TUI, Expedia etc etc) kommen auch sonst viele Leute zusammen, von Tourismusministern bis Lobbyisten. Die Medien sind natürlich auch dabei, die fvw ist exklusiver deutscher Medienpartner und der Gipfel ehrlich gesagt für mich eines der Highlights im Jahr. Nirgendwo sonst, nicht mal auf der dafür viel zu großen ITB, trifft man so viele Top-Shots auf einen Haufen. Und meistens sind die Bosse beim Gipfel ziemlich locker drauf.

Das Geschehen auf der wie ein amerikanisches Fernsehstudio gestalteten Bühne ist ganz nett und unterhaltsam - wann sieht man schon mal Leute wie den amerikanischen Medienmogul und Expedia-Chairman Barry Diller live in einer Talkrunde -, aber eigentlich geht es um das drumherum. Denn auch CEO's müssen ihre Kontakte pflegen, wollen sich abends beim Glas Wein austauschen oder einfach mal in die Vereinte-Nationen-Atmosphäre auf dem Welt-Tourismusgipfel eintauchen.

Worum geht's eigentlich so rein fachlich gesehen? Natürlich, um den herbeigesehnten Aufschwung. Die Amerikaner rutschten früher in die Rezession, kommen jetzt aber auch früher wieder heraus. Charles Petrucelli, Chef der globalen Geschäftsreisesparte von American Express, sagte mir auf dem Abendempfang, der US-Markt komme stark zurück, sie lägen bei den Transaktionen um über 20 Prozent über Vorjahr. Europa hinkt da noch hinterher. Auch die Hotelgesellschaften wittern nach einem guten ersten Quartal wieder Morgenluft: Die Zahlen werden besser, es sind wieder viele neue Projekte in der Pipeline. Hotellegende Bill Marriott (78) kam persönlich nach Peking, um den Journalisten die Wachstumsplänes seines Unternehmens zu erläutern. Die größte Hotelkette der Welt, Intercontinental, kündigte gar 200 neue Häuser für China an.

Die Europäer sind da wohl immer etwas weniger euphorisch. Natürlich, so sagte mir Sebastián Escarrer, Vice Chairman der spanischen Hotelkette Sol Meliá, stiegen jetzt Umsatz und Gewinn - aber auf was für einer Basis denn bitte schön? Schließlich war 2009 gerade für den spanischen Tourismus ein grottiges Jahr. Und auch Hans Lerch, früher Chef von Kuoni und jetzt des Schweizer Veranstalters Hotelplan, sieht in diesem Jahr noch keine so richtig durchgreifende Erholung.

Solche Bedenken wären den Gastgebern wohl fremd. Die Chinesen zeigen sich hier auf der Veranstaltung äußerst selbstbewusst. Nach einer heute beim WTTC vorgestellten Studie soll China 2027 die größte Volkswirtschaft der Welt sein, und auch das Reiseaufkommen steigt gewaltig. Sowohl im Incoming will das Reich der Mitte zulegen - so rückt nun zum Beispiel die Tropeninsel Hainan wieder stärker in den Fokus der europäischen Veranstalter - als auch im Outgoing. Für dieses Jahr werden 54 Millionen Auslandsreisen von Chinesen erwartet, auch in Deutschland steigt die Zahl der Ankünfte jährlich um acht Prozent. Kein Wunder, dass auch DZT-Chefin Petra Hedorfer zum Gipfel gereist ist, um 150 chinesischen Journalisten die Vorzüge unseres Heimatlandes näher zu bringen.

Und zum Schluss gibt es noch eine richtig gute Nachricht: Die Reisebranche unterstützt massiv die US-Hilfsaktion Massive Good. Die Kleinspenden von zwei Euro pro Buchung werden technisch effizient über die großen GDS abgerechnet (siehe Bericht auf fvw.de). Ich bin mal gespannt, wie die in Peking vorgestellte weltweite Initiative im Herbst in Deutschland startet. Bei den freiwilligen Klima-Abgaben ist das ja so eine Sache, aber diese Aktion zur Bekämpfung von Aids, Malaria und Tuberkulose ist sehr professionell aufgezogen - Charity-Aktionen, das können die Amerikaner nun mal perfekt. Nächstes Jahr können die US-Touristiker ihr Organisationstalent dann beim nächsten Gipfel in Las Vegas unter Beweis stellen, ich bin bestimmt wieder dabei!

Kommentare

von Martin Pundt, 27.05.10, 13:17
Spannend und informativ diese Zusammenfassung - danke! Es ist immer wieder interessant zu erfahren, welche Megatrends sich nach Ansicht der Top 100 abzeichnen. Eine wichtige Frage, die sich (wohl nicht nur mir) aufdrängt, blieb aber unbeantwortet: Welche Auswirkungen hat all das, bitte, auf unser Tagesgeschäft? Konkret: - Stehen die Top 100 wirklich in allen Bereichen repräsentativ für die Entwicklungen der Branche? Oder prägen nicht viel eher die Mittelständler zunehmend den Markt? Wieviel Prozent Marktanteil des deutschen Veranstalter- und Mittlermarktes waren denn in Peking vertreten? - Ist der Marktaufschwung in den USA ein sicherer Vorbote für den nahenden Boom hier? Oder schaffen wir uns mit Euro-Krise und einer durch unentschlossene Politiker geschürten Angst vor Steuererhöhungen ein wirtschaftliches Mikroklima, mit dem wir uns von der weltweiten Erholung im Reisesektor abkoppeln? - Wird Hainan - dank "machtvoll" erzwungener (Planungs-)Sicherheit für Veranstalter und Kunden - wirklich das neue Thailand und Deutschlands Fernreiseziel Nr. 2? Oder platzen die Träume wie schon vor zehn Jahren (als die LTU schon Flüge beim Flugplankoordinator angemeldet hatte) am - damals schon! - zu hohen Preisniveau des chinesischen Binnenmarktes, bei gleichzeitiger Rückkehr der Normalität in Thailand? - Können 8% mehr Chinesen die heimische Tourismusbranche spürbar beflügeln? Oder hat nicht der Eyjafjallajökull viel mehr für einen Trend hin zu "Urlaub in Deutschland" in 2010 getan als es die gesamte chinesiche Wirtschaft kann? Nicht, dass ich die Antworten auf alle diese Fragen von Ihnen erwartet hätte, lieber Klaus - das wäre selbst von der FVW zu viel verlangt - aber so lange mir die konkrete Brücke von den Visionen der Top 100 zu den konkreten Herausforderungen der nächsten Monate im Heimatmarkt fehlt, werde ich lieber das anpacken, was gerade jetzt auf meinem Schreibtisch liegt bzw. als E-Mail im Posteingang. Das mag ignorant sein, aber ich glaube, dass die Reisebüros uns im Mai 25% Buchungszuwachs beschert haben, weil unsere Dienstleistungen HIER und HEUTE ihre Bedürfnisse und die ihrer Kunden treffen - und sie sich dabei fast alle keinerlei Gedanken um den US-Geschäftsreisemarkt oder das chinesische Incoming gemacht haben...

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