Wochenschau

Reisebüro-Demo vor Banktürmen

Reisebüros demonstrieren gegen Rückvergütung, ein Tourismuspolitiker versteht die Welt nicht mehr und wie wirken eigentlich die Treibstoffzuschläge. Die Wochenschau des fvw-Blogs.

von Klaus Hildebrandt, 08.04.2011, 12:41 Uhr

1. Als Nordlicht muss ich meine Meinung über Baden-Württemberg komplett ändern. Ich dachte, da wohnen biedere Menschen, die Häusle und Autos mit Stern bauen. Aber nun bekommt das Ländle den ersten grünen Ministerpräsidenten der Republik und heute ruft die Reisebüro-Kooperation Best-RMG mit Sitz in Filderstadt für nächste Woche zu einer Demonstration gegen Banken auf. Aber keine Angst, es geht nicht um Klassenkampf und ideologische Feldzüge gegen Josef Ackermann, sondern um die gängige Praxis von Banken und Sparkassen, ihren Kunden mit saftigen Rabatten Urlaubsreisen zu verkaufen. Und oft genug lassen sich diese Kunden im stationären Vertrieb sogar noch gratis beraten. Also Reisebüros, erhebt Euch, hoch lebe die internationale Reisebüro-Solidarität!

2. Und nochmal Politik: Der tourismuspolitische Sprecher der Bundestagsfraktion Bündnis90/Die Grünen, Markus Tressel, hat diese Tage eine wortgewaltige Pressemitteilung herausgegeben, in der er geißelt, dass die "Tourismusindustrie Einfluss auf die Reisewarnungen" des Auswärtigen Amts nehme. Mit Blick auf die Reiseempfehlungen des Ministeriums zu Ägypten und Tunesien hatte Tressel eine Kleine Anfrage gestellt. Die Regierung antwortet, dass das Auswärtige Amt in seiner Entscheidungsfindung alle Informationen berücksichtigt, dies könnten auch "Informationen von Reiseveranstaltern" sein. Der Grünen-Politiker sieht darin einen zu hohen Einfluss der "ökonomischen Interessen der Konzerne." Ich aber frage mich: Soll das Ministerium etwa völlig losgelöst nicht mit der Reisebranche zusammenarbeiten? Schließlich haben die Veranstalter ein ausgefeiltes Krisenmanagement und zur Gästebetreuung viele eigene Leute vor Ort, die Informationen beisteuern können.

Die peinliche Pressemitteilung von Herrn Tressel (es veranstalten übrigens nicht nur Konzerne Reisen) ist ein weiterer Tiefpunkt unserer Tourismuspolitiker zum Thema Nordafrika. Erst gab es die Aussagen von Klaus Brähmig (CDU) zum Reisen in diktatorische Länder, dann äußerten sich in einer Umfrage der Wochenzeitung "Die Zeit" die Tourismusexperten der Parteien Mitte Februar ziemlich kritisch zu der Frage, ob man noch nach Ägypten reisen solle. Eine Unterstützung der von vielen Politikern hochgelobten ägyptischen Revolution sieht anders aus.

3. Ich bekam dieser Tage eine Interview-Anfrage vom NDR zum Thema: "Wie beeinflussen die steigenden Ölpreise das Reiseverhalten?" Anlass des Senders waren die jüngsten Meldungen über Treibstoff-Zuschläge von Kreuzfahrt-Veranstaltern und Airlines. Ich habe dankend abgelehnt. Was soll man da auch sagen? Natürlich fördern Preiserhöhungen nicht gerade die Urlaubslust. Aber wenn das Geschäft in den vergangenen Wochen nicht so toll lief, liegt es meiner Meinung nach eher an der (Atom-)Katastrophe in Japan, dem Krieg in Libyen und der Tatsache, dass angesichts eines Umsatzplus von 15 Prozent (laut aktuellem GfK-Panel) viele Urlauber schon gebucht haben. Oder was meinen Sie?

Kommentare

von Martin Pundt, 08.04.11, 13:58
Jedes der drei Themen ist es wert, nicht mit dem Ende der Woche zu verschwinden! Den Kolleginnen und Kollegen der BEST-RMG wünschen wir viel Erfolg bei ihren für uns alle wichtigen Bemühungen. Als ich vor 26 Jahren im Reisebüro anfing, galt noch der markige Spruch: "Wir haben einen Deal: Ich verleihe kein Geld und meine Bank verkauft keine Reisen!" Das gilt heute leider nicht mehr, bringt mich aber auf den Gedanken, ob nicht wir endlich anfangen sollten, den Banken Konkurrenz zu machen und doch Geld zu verleihen - das hätte aber leider wohl nur in den Blog zum Thema April-Scherze gepasst, denn die gesetzlichen Rahmenbedingungen erlauben uns Touristikern im Gegensatz zu den Banken "leider" nicht, wild und verantwortungslos mit fremden Geldern herumzuspekulieren... Was unsereTourismuspolitiker und deren Weltfremdheit (nirgendwo passt der Begriff besser als hier) anbetrifft: Da sind BTW, DRV und asr gefordert, sicherzustellen, dass diese Damen und Herren die richtigen Informationen haben, bevor sie Entscheidungen treffen (oder auch nur Pressemeldungen produzieren). Dass dies aber ein sehr sensibles Thema ist, zeigt sich ja auch an Ihren Formulierungen, Klaus - oder warum ist die Online-Version des Blogeintrags nun gerade in diesem Punkt gegenüber der E-Mail-Version noch einmal entschärft worden...? Zu den Buchungszahlen: Wir hatten 14.567 Buchungen in den letzten 14 Tagen - ein Plus von 31% im Vergleich zum Vorjahr - von Krise kann also keine Rede sein. Dem standen exakt null Stornos gegenüber von Kunden, die aufgrund der hohen Spritpreise jetzt doch lieber mit anderen Verkehrsmitteln zum Flughafen fahren wollen als mit dem eigenen Auto. Aber wir hatten ein Storno eines Kunden, der Angst hatte, in seinem Hotel im Mittelmeerraum "atomar verseuchten japanischen Thunfisch" serviert zu bekommen und deswegen seine gesamte Reise (samt Flughafenparkplatz) lieber wieder strich. Die Datenmenge ist zwar statistisch nicht repräsentativ, aber unterstreicht Ihre Einschätzung dennoch...

von Klaus, 08.04.11, 14:11
Lieber Herr Pundt, Sie lesen aber wirklich aufmerksam! Ich habe in der Tat den einen Absatz umformuliert. Und zwar, weil ich mir die Antworten der fünf Tourismuspolitiker noch einmal ganz in Ruhe durchgelesen habe, und die Aussagen doch schon etwas differenzierter waren. Außerdem habe ich fairerweise eingefügt, dass die Interviews Mitte Februar geführt wurden, da war die Situation auch noch eine andere als heute. Glückwunsch zur aktuellen Buchungsentwicklung, das hört sich aufmunternd an. Beste Grüße und schönes Wochenende, Ihr Klaus Hildebrandt

von Sylvie, 08.04.11, 14:15
Ich finde die Reisebüro-Demo der Kollegen aus Filderstatt gut. Kann leider selbst nicht teilnehmen, die Einladung ist auch etwas kurzfristig. Aber auch wenn nicht 1000 Reisebüros kommen, für ein Zeichen, dass wir uns nicht jede Rabatt-Konkurrenz von den Banken gefallen lassen, langt es allemal!

von Ludwig, 08.04.11, 14:23
"Mit Trillerpfeifen und Plakaten ziehen wir gut sichtbar durch die Frankfurter Innenstadt und das Bankenviertel und übergeben dem Management der Banken Petitionen. " Na, ob das eine so gute Idee ist?! In den Chefetagen der Banken ist bekannt, wie die Reisebüros über die Rückvergütungen denken. Allerdings soll es noch den ein oder anderen Kunden geben, der von den Kickbacks noch nichts gehört hat, z.B. weil er sein Kto. bei einer nicht teilnehmenden Bank hat. Was soll das Ziel dieser Aktion sein? Glaubt jemand denn im ernst, dass die Banken sich durch einen solchen Protest beeindrucken lassen werden, wie sollen die Verbraucher auf diese Aktion reagieren - sollen die etwa Mitleid bekommen? Sollte man mit dieser Aktion für Aufmerksamkeit in den Medien sorgen, dann werden nur die letzten schlafenden, rabattgeilen Hunde geweckt, dann betreibt man Werbung für diesen "Service" der Banken! ! ! ! Mein Büro liegt zwischen einer rabattgewährenden Deutschen Bank, sowie einer Sparkasse, die sich erfreulicher Weise an dieser unsäglichen Praxis nicht beteiligt. Viele Kunden wissen daher noch nichts von den Banken Kickbacks; eine Meldung in den Nachrichten könnte aber bei vielen zu einem Wechsel der Bank führen!! Was die Banken m.E. beeindrucken würde, wäre ein Verlust an Kunden! Wie viele Reisebüroinhaber führen noch Kto. bei den Rabatgebern, wie viele RB Mitarbeiter habe dort ein privates Kto? Und was ist mit Koops und VA? Eine "weisse Liste" muss her, eine Empfehlungsliste für die Touristik, mit Banken die sich klar gegen diese Praxis aussprechen! Ausserdem zu der Route: Soweit mir bekannt ist, hat sich die Commerzbank bereits zu dem Ausstieg aus der "Kickbackpraxis" bekannt und man lässt nur noch bestehende "Altverträge" auslaufen oder hat sich da etwas geändert. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass man hier alle rechtlichen Mittel ausgeschöpft hat! Was ist z.B. mit der Möglichkeit diese Praxis durch eine Ausgestaltung der Agenturverträge zu unterbinden? Per NTO Vertrag kann man doch auch "Sonderkonditionen" festschreiben, warum dann nicht für "Kickbacker": "Wer seine Reise als Dienstleister für Clubs, Firmen oder Kundenkarten vertreibt und Kunden bzw. Mitgliedern eine Rückvergütung einräumt, egal ob selbst oder über einen Dritten oder wer eine solche Abwicklung über seine Agentur ermöglicht, erhält eine patrouillierte Provision in Höhe von 3%". So oder so ähnlich könnte vielleicht ein Passus lauten. Oder was ist mit UWG und GWB? Im GWB heisst es z.B.: § 20 " Verbot unbilliger Behinderung Marktbeherrschende Unternehmen (. . .) dürfen ein anderes Unternehmen in einem Geschäftsverkehr, der gleichartigen Unternehmen üblicherweise zugänglich ist, weder unmittelbar noch mittelbar unbillig behindern" oder was sagt das UWG zum Thema dauerhaften verkauf zum Einkaufspreis? Zwar haben wir keine Einkaufspreise, aber wenn ein Unternehmen 6/7% Provision erhält und diese in voller Höhe ausschüttet, dann dürfte dies dem gleichen Sachverhalt entsprechen. Es ist sehr bedauerlich, wenn den Verbänden und Koops nichts besseres einfällt, als mit Trillerpfeifen auf die Strasse zu gehen!

von Martin Pundt, 08.04.11, 17:08
Lieber Herr Hildebrandt, das war eher Zufall, dass mir das auffiel, aber bei Politikeraussagen schaue ich derzeit eingfach immer ganz genau hin. In der Tat: Man sollte immer beachten, in welchem inhaltlichen und zeitlichen Kontext die Aussagen getätigt wurden - auch wir haben Mitte Februar noch nicht ganz so optimistisch auf den Sommer geschaut, wie wir es jetzt tun. Auch Ihnen nach Hamburg die besten Wünsche fürs Wochenende! @Ludwig: Ja, es ist sicher richtig, dass noch nicht alle Betroffenen in allen Fällen alle Möglichkeiten gegenüber allen, die die Probleme schaffen (Banken, aber eben auch diejenigen, die Rückvergütungen zulassen) ausgeschöpft haben. Es ist aber nach meiner Kenntnis nicht zutreffend, daraus abzuleiten, dass den Betroffenen nichts Besseres einfällt - viel mehr ist die Unsitte so verbreitet, dass der Kampf immer schwieriger wird. Und wer befürchten muss, auf Dauer auf verlorenem Posten zu stehen, weil Argumente im Dialog eben nicht ausreichten, dem bleibt ja nichts anderes übrig, als dieses Problem in größerem Rahmen öffentlich zu thematisieren. Mal sehen, ob unsere Politiker sich auch dazu fachkundig äußern - ich traue Herrn Brüderle zu, dass er mit der perfiden Aussage daher kommt, dass man unser ohnehin angeschlagenes Bankensystem nicht auch von innen bedrohen solle, sondern froh sein solle, dass sich die Banken in der Krise kreativ selbst zu helfen wissen - und schließlich habe man ja mit der MwSt-Senkung in der Hotellerie den Reisebüros schon sehr "geholfen"...aber jetzt spekuliere ich schon zu weit voraus...

von Ludwig, 08.04.11, 17:34
Lieber Pundt, im besten Fall handelt es sich hier um blinden Aktionismus. Man hat offensichtlich noch nicht einmal mit den Banken gesprochen, denn sonst wüsste man zum Beispiel, dass die CoBa sich bereits zu einer Abkehr von der Kickbackpraxis bekannt hat. Abgesehen von der Sinnhaftigkeit einer solchen Aktion, muss man sich doch auch fragen, warum diese Aktion - sofern man sie denn wirklich ernsthaft betreibt - quasi im Alleingang organisiert und mit einem Vorlauf von nur 2 Arbeitstagen verkündet wird? Bei aller Sympathie für die BEST Koperation (Für RBs von RBs), aber diese Aktion halte ich für unverantwortlich! Hier wird Geschirr zerschlagen, aber leider nicht nur das eigene.

von Ludwig, 08.04.11, 17:35
Sorry, hatte das "Herr" vergessen, aber dennoch immer noch besser als ein "@"

von Bernd Brümmer, 12.04.11, 10:23
trillerpfeifen vs. kickback "na leute geht´s denn noch?" -würde jetzt herr ahlers von "frühstück bei stefanie fragen" hier sind doch die veranstalter gefordert, die den banken und sparkassen agenturverträge überhaupt erst ermöglichen - vielleicht hilft hier mal ein veranstalter-boykott á la costa - und im übrigen verkaufen supermärkte, kaffeeketten, drogeriemärkte, das fernsehen und "gott und die welt" mittlerweile reisen - noch ohne kickback, dafür aber bereits mit reichlich zugaben - vergesst also bitte eure trillerpfeifen und besinnt euch mal wieder auf euer know how und auf eure kunden, alles andere ist zeitverschwendung

von Dirk Rogl, 12.04.11, 15:51
Kollegin Felicitas Helmis berichtet heute auf fvw.de von der Anti-Rückvergütungs-Demo in Frankfurt. Wir sind etwas enttäuscht über nur nur knapp 30 Teilnehmer. Da wurde eine Chance vertan. Oder?

von Horst, 13.04.11, 09:50
"Was juckt es die deutsche Eiche, wenn sich die Sau daran reibt" - mehr fällt mir zu dem kümmerlichen Auftritt in Ffm. nicht ein. Was wurde erwartet? Her Ackermann persönlich kommt hinabgestiegen, entschuldigt sich und verspricht Besserung? Da wurde keine Chance vertan, da war nie eine...

von Wolfgang Hoffmann, 13.04.11, 13:06
auch ich halte überhaupt gar nichts von dieser minimalistischen Trillerpfeifenaktion. Dieser Aufruf zum ritualisierten Ich-tu-jetzt-was hat was von Ablasshandel. Ersatzweise, wer da nicht kann, weil er zufällig ein Reisebüro zu besetzen hat, hätte mindestens ein Solidaritäts-Teelicht ins Schaufenster stellen sollen. Aktionismus ohne halbwegs realistische Zielvorstellungen schadet nur denen, die tatsächlich aktiv sind. Aber gefühlte Siege beruhigen zumindest das Gewissen. Trotzdem, die Medien werden drüber berichten, wie gewohnt, je nachdem, wie es ihnen gerade passt. Und es passt erfahrungsgemäß nie! Aber, da können alle, die jetzt in FRA "leider nicht dabei" sein konnten zumindest Leserbriefe hinschreiben. Zuschauerpost, Zuhörerkommentare. Wir kennen das Thema ja. Und wir sollten bei bedarf Fakten richtig stellen durch unsere Kommentare, wenn die ahnungslosen Journalisten was schreiben worum es eigentlich gar nicht geht. http://kurzlink.de/eCVQKgdhW

von Wolfgang Hoffmann, 13.04.11, 13:09
und http://kurzlink.de/3RVV00f5N

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