Wochenschau

Lieber mal den Mund halten

Soll die Branche offensiv über Preiserhöhungen reden? Sind Reisebüros Konjunkturpessimisten? Und warum Promis an Bord auch ein Fluch sein können – das alles in der ganz persönlichen Wochenschau.

von Klaus Hildebrandt, 15.10.2010, 13:34 Uhr

1. Die Wirtschaft brummt, die Arbeitslosigkeit sinkt. Der Aufschwung kommt 2011 bei den Verbrauchern an, sagen die Wirtschaftsforschungsinstitute in ihrem Herbstgutachten: "Beim privaten Konsum ist erstmals seit mehreren Jahren mit einem starken Anstieg zu rechnen." Die Ökonomen erwarten, dass die Löhne und Gehälter im kommenden Jahr um 2,8 Prozent steigen werden. Also von der Kaufkraft her gute Voraussetzungen für das Touristikjahr 20010/11.Trotzdem ist der Vertriebsklima-Index von Dr. Fried & Parnter und der fvw, der nach dem Vorbild des Ifo-Index die Stimmung und Erwartungen im Vertrieb misst, im Oktober leicht gesunken. Sind die Reisebüros also Schwarzseher? Nein. Ich habe mal das Kleingedruckte unter der Tabelle gelesen: Seit 2005 (da dachten die Deutschen beim Namen Lehmann noch an ihren Torhüter, nicht eine US-Bank) ist der Index im Monat Oktober nicht mehr so hoch gewesen, obwohl die Jahre 2005 bis 2007 wirtschaftlich ganz okay waren.

2. Aber natürlich ist nicht alles rosarot. Mit der Luftverkehrssteuer hat die Regierung der Branche ein Kuckucksei ins Nest gelegt. Diese Woche haben etwa Alltours und Germanwings in Pressemitteilungen darauf hingewiesen, dass die Abgabe das Reisen verteuert. Sicher muss die Branche gegenüber der Politik Druck machen. Aber ich denke, gegenüber dem Kunden wäre es vielleicht besser, das Thema nun ruhen zu lassen. Der Urlauber blickt durch die ganzen Taxes, Kerosinzuschläge und Service Charges sowieso nicht mehr durch. Der Kunde ist zwar clever genug, dass er auch dem jahrelangen Veranstalter-Schlachtruf "Billiger als im Vorjahr" misstraut, aber man muss ihm ja auch nicht ständig unter die Nase reiben, dass es 2011 teurer wird. Es verreist doch eh niemand zu den von den Veranstaltern gerne zitierten Durchschnittspreisen.

3. Die Bettensteuer schlägt immer neue Kapriolen. Erst hat die Stadt Köln die Rückerstattung für Geschäftsreisende wieder einkassiert, nun empfiehlt der Chemiekonzern Bayer seinen Mitarbeitern, auf Düsseldorf oder Leverkusen auszuweichen. Ausgerechnet Düsseldorf – die Maximalstrafe für Kölner! Am Montag moderiere ich eine Podiumsdiskussion auf dem Hamburger Tourismustag. Die Hanseaten planen eine "Kulturabgabe" auf Hotelübernachtungen. Gut, dass ich in meiner geliebten Elbmetropole im eigenen Bett schlafen kann – oder kommt da auch bald eine neue Steuer?

4. Promis ziehen immer. Gerne schmücken sich Hotels und Kreuzfahrtschiffe mit bekannten Gesichtern aus Funk und Fernsehen. Doch der Schuss kann auch nach hinten losgehen. Als diese Woche die Delphin-Kreuzfahrten-Insolvenz für Schlagzeilen sorgte, blieb zunächst unbemerkt, dass das von der Schwesterfirma Hansa Kreuzfahrten vermarktete Schiff MS Delphin am Mittwoch überraschend Split statt Athen ansteuerte. Offenbar, um sich möglichen Forderungen von griechischen Gläubigern zu entziehen. Doch leider sind die Schauspieler Mario Adorf und Veronica Ferres für Dreharbeiten an Bord. "Schwesterschiff flüchtet mit Ferres und Adorf nach Kroatien" titelte die "Bild". Hoffen wir, dass die Nachrichten um Flucht und Vertreibung bei Delphin und Hansa nur vorübergehender Natur sind.

5. Zu guter letzt das wichtigste Thema: Fußball. Turkish Airlines hat sich von einem maroden Staatscarrier zu einer der am stärksten wachsenden und erfolgreichsten Fluggesellschaften entwickelt. Mit großem Brimborium feierte CEO Temel Kotil kürzlich in Frankfurt das 50-jährige Jubiläum der Deutschland-Verbindungen. Doch nun das: In einem neuen TV-Spot, der ab dem 20. Oktober auch bei uns ausgestrahlt wird, werben Spieler von Sponsoring-Partner Manchester United wie Wayne Rooney und ManU-Legende Bobby Charlton. Lieber Herr Kotil, angesichts von mehr als 200 wöchentlichen Flügen ab acht deutschen Städten (da kann UK längst nicht mithalten) warten wir jetzt auf die Deutschland-Adaption mit Schweini und Beckenbauer. Oder zumindest Mesut Özil, der war bei der WM eh um Klassen besser als Rooney. Oder ist der englische Fußball-Spot die Rache für das türkische 0:3 bei der EM-Qualifikation?

Ich wünsche Ihnen ein schönes Herbst-Wochenende!

Kommentare

von Klaus Hildebrandt, 15.10.10, 18:57
Meine Wochenschau hat normalerweise 5 Punkte. Nach Redaktionsschluss kommt jetzt noch ein 6.: Jürgen Marbach tritt nun doch gegen Jürgen Büchy zur Wahl des DRV-Präsidenten an (siehe Top-Meldung auf fvw.de). Der Ausgang ist offen, die DRV-Tagung könnte spannend werden.

von Wolfgang Hoffmann, 17.10.10, 13:55
Jürgen Marbach..., joa, warum nicht. Aber, warum zum Teufel habe ich eigentlich den zwingenden Eindruck, dass Herr Hunold damit auch in den Vorstand des DRV einzieht?

von Rainer Nuyken, 18.10.10, 10:37
#W.Hoffmann Ich glaube da interpretieren Sie etwas falsch: wenn "Hunold" in den DRV Vorstand einzieht, dann eher über Büchy. Air Berlin hatte den Service-Vertrag mit Marbachs Call-Center gekündigt und damit in den Konkurs geschickt. Macht man das unter Freunden? Anders bei Büchy: der wohnt jetzt in Bonn, als Untermieter in der Villa Zurnieden. Und der ist ja bekanntlich im Air-Berlin-Board. So wird ein Schuh daraus. Ich habe da eher den zwingenden Eindruck, dass die Branchenpoltik künftig am Küchentisch in Bonn entschieden werden könnte. Und Herr Hildebrandt: wer behauptet eigentlich, Büchy würde vor allem von der Säule C unterstützt? Ich habe da nach Gesprächen mit einigen C-Kollegen einen völlig anderen Eindruck.

von Wolfgang Hoffmann, 18.10.10, 11:02
@ Rainer Nuyken, in jedem Fall ein klassischer Aufschlag-Volley-Brake. Und am Ende geht Joachim Hunold als Sieger vom Platz, ohne einen einzigen Ball geschlagen zu haben ;-)))))

von noname, 19.10.10, 10:32
Der Konkurs des LTU Call Centers durch die Kündigung des Service Vertrages war ein abgekatertes Spiel zwischen Hunold und Marbach um sich einfach, billig und ohne negative Presse teurer Arbeitskräfte zu entledigen. Deshalb hat Herr Marbach auch 100m weiter ein neues touristisches Call Center mit einigen handverlesenen alten Angestellten eröffnet, ohne das die anderen 40 Angestellten das wussten. Derher denke ich, dass Herr Hunold sich über einen Sieg sehr freuen würde...

von Wolfgang Hoffmann, 19.10.10, 13:50
wie heißt dieser Thread hier noch?

von Klaus Hildebrandt, 19.10.10, 13:58
@Wolfgang Hoffmann: Bin ausnahmsweise mal ganz Ihrer Meinung! Ich verstehe sowieso nicht, warum bei der DRV-Debatte so auf Hunold verwiesen wird. Bei allem Respekt: Ich glaube, die Königsmacher beim DRV sitzen in den Säulen A bis D, die Airlines haben mit dem BDF ihren eigenen Verband. #noname Und die Umstände der Insolvenz des ehemaligen LTU Call-Centers sind auch eine andere, sicher im Nachhinein auch nicht ganz leicht zu durchschauende Sache.

von Wolfgang Hoffmann, 19.10.10, 18:09
"ausnahmsweise"... *schmoll* Mr. Hunold ist eigentlich exemplarisch dafür zu erwähnen, dass letztlich die Säule der Veranstalter den größten Nutzen vom DRV hat. Wieso ich darauf komme? Weil ich immer wieder neugierig zum DRV in den letzten Jahren geschaut habe, erwartet habe, dass dieser ehemalige "Reisebüro Verband" das Augenmerk der Politik und Medien auf uns, auf den stationären Vertrieb lenken. Aber ich merke immer nur, und immer schmerzlicher, dass wir in der Öffentlichkeit gar nicht mehr stattfinden, dass der Begriff "Reisebüro" zwar auf die sogenannten Onliner adaptiert wird, aber sonst ist er nicht mehr vorhanden. Die Definition verschwimmt mit Hilfe auch des DRV ins Diffuse. Und was nicht konkret ist, das gerät dann auch meist in Vergessenheit.

von R.-G. Ludwig, 20.10.10, 09:37
Jetzt muss mir mal jemand auf die Sprünge helfen. Wieso wird Hunold der Veranstaltersäule zugeordnet - gehört er mit der airberlin nicht in die E Säule? Und zum Thema Nutzen allgemein, ohne jetzt eine Diskussion über die alte "Huhn und Ei Geschichte" starten zu wollen: Wie jeder Verband vertritt der DRV in erster Linie seine Mitglieder. Sind Sie Mitglied Herr Hoffmann? Für mich liegt das Problem weniger beim DRV, als bei den Reisebüros! Jeder Verein ist nur so gut wie seine Mitglieder und Veränderungen kann man nur von innen, durch aktive Mitarbeit, zumindest aber durch die Nutzung seines Wahlrechts, herbeiführen; genauso wie Politik nicht von den Stammtischen dieser Republik, sondern von den Parteien gemacht wird. Aber in der Kernaussage stimme ich Herr Hoffmann zu: Es kann nicht sein, dass den Reisebüros in einem "Reiseverband" nur eine Statistenrolle zuteil wird, schon gar nicht in einem eh. Reisebüroverband!

von Sankt Georg, 20.10.10, 10:21
Hallo Klaus - danke für Ihre Wochenschau! Nette Hintergrundgeschichten, humorvoll verpackt - das wollen wir lesen! Chapeau und da capo!

von Hermes, 20.10.10, 13:24
Frage mich, warum man ein Lob anonym aussprechen muss. Entweder man richtet es persönlich an den Empfänger oder - sofern man es öffentlich ausspricht - setzt seinen Namen darunter. Die Aussage ist für die Allgemeinheit nur von Interesse, wenn man weiss, von vom sie kommt - zumal es sich hier ja gleich um eine Gruppe von Personen zu handeln scheint. Oder will der Schreibende mit der Nennung eines "Nothelfers" an dieser Stelle vielleicht etwas zum Ausdruck bringen?

von Andreas Schulte, 10.10.15, 16:20
Warum lesen wir das am 10.10. anno 2015 ?

von Klaus Hildebrandt, 10.10.15, 17:05
Lieber Herr Schulte, da hat sich die Technik zum Versand der Benachrichtigung für die Abonnenten des fvw Blogs übers Wochenende irgendwie verselbständigt. Oder die Geheimdienste fanden den Beitrag so toll, dass sie ihn noch mal losgeschickt haben:-) Auf jeden Fall Entschuldigung für die Störung mit einer überflüssigen Mail am Wochenende, unsere Techniker werden das klären. Beste Grüße Klaus Hildebrandt

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