Winterchaos

Wie man eine Bahn auf Verschleiß fährt

"Die Bahn fuhr auch auf Verschleiß." Das Zitat von Bahnchef Rüdiger Grube ist nur überliefert, nicht autorisiert. Hier die Gründe, weshalb dies leider die Wahrheit ist. Und was das mit Grubes Amtsvorgänger Hartmut Mehdorn zu tun hat.

von Dirk Rogl, 11.01.2011, 09:08 Uhr

Nun ist es also raus: "DIe Bahn fuhr auch auf Verschleiß". Das soll Bahnchef Rüdiger Grube gestern den Verkehrsministern der Länder gestanden haben. Selbst wenn das Zitat nur erfunden ist, dementiert wird die Aussage bislang nicht. Wozu auch? DIe Sache ist leider richtig. Allerdings ist sie etwas komplizierter.

Im Winterchaos vom potenziellen Verschleiß gepeinigt ist primär die Bahntochter DB Mobility & Logistics, zu der wiederum so wichtige Töchter wie der Logistikriese Schenker aber eben auch DB Fernverkehr und DB Regio gehören. Letztere ist wiederum die Mutter der S-Bahn-Berlin. Nicht dazu gehört die Infrastrukturtochter DB Netz. Tatsächlich fahren in diesem WInter quasi alle Firmen am Rande ihrer Möglichkeiten.

Dass die neuen S-Bahnen nicht schon nach den Pannen des Vorjahres bestellt worden sind, ist aber keine Alleinschuld der Bahn. Der Berliner Senat liebäugelt mit einer Vergabe der S-Bahn-Dienste an einen DB-Mitbewerber. Das zeigt das klassische Dilemma des DB-Konzerns. Er ist gefangen in den Vorgaben des Staates sowohl hochprofitabel als auch zuverlässig und sicher zu fahren. Es ist ziemlich unklar, welches Ziel den Politikern wichtiger ist. Keine Frage: Grubes Vorgänger Hartmut Mehdorn orientiere sich wesentlich an der Rendite, verfolgte den mißglückten Börsengang als wichtiges Ziel. Die Folgen werden in diesem Winter sichtbar. Profit oder Leistung? Solange die Ziele der Politik für die Deutsche Bahn nicht klarer definiert sind, fährt die Bahn vermutlich noch weiter auf Verschleiß.

Kommentare

von Herbert, 11.01.11, 10:12
Und die Verlogenheit der Politik geht weiter: Janus-Kopf Ramsauer fordert jetzt die unverzügliche Beschaffung neuer Züge, die Einstellung zusätzlichen Personals - und verteidigt gleichzeitig die Forderung der Bundesregierung, dass die Bahn jährlich 500 Millionen "Gewinn" (ja bitte, woher denn?) abzuliefern hat - weil das schließlich fest in der auch sonst unseriösen Finanzplanung dieser Chaoten-Bundesregierung eingeplant ist. Damit das sinnleere Lautsprecher-Auslaufmodell Westerwelle weiterhin seine ansurden Steuersenkungsparolen in die Welt hinaus posaunen kann. Ja, wie denn nun, bitte?

von andreas w., 11.01.11, 10:53
Beim Bahndebakel zeigt sich leider wieder einmal die unglückliche Verknüpfung von Politik und wirtschaftlichen Interessen. Die Politik ist nicht in der Lage und auch nicht Willens, klare Kontrollmechanismen und Direktiven zu geben (siehe auch den jüngsten Dioxin-Skandal) und beklagt sich dann später, wie schlecht es gelaufen ist, gerade wenn der Druck in der Öffentlichkeit zu groß geworden ist. Sündenböcke müssen dann schnellstens gefunden werden. Die Politik hat ihre Aufsichts(rats)pflichen versäumt, der Bahn auf die Finger zusehen. Sie darf sich jetzt nicht beklagen und die Manager an den Pranger stellen. Selbstkritik wäre einmal angebracht.

von platypus, 11.01.11, 12:29
... jaja, die deutsche Verkehrspolitik. Jahrelang hat man vor der Autolobby gekuscht, den Straßenverkehr mit Milliarden ausgebaut und den Schienenverkehr vernachlässigt - die Schweiz steckt im Vergleich zu Deutschland mehr als das fünffache Budget pro Kopf in den Schienenverkehr, selbst Großbritannien mit seinem maroden Bahnnetz noch knapp das dreifache, Spanien knapp das Doppelte - Deutschland ist dagegen bei den Pro-Kopf-Investitionen in den Schienenverkehr mittlerweile sogar hinter Italien zurückgefallen. Jetzt reiben sich die Politiker verwundert die Augen und schieben den Schwarzen Peter der Bahn zu. Selbstkritik ist ihnen fremd - sie fahren mit der Politik eines unterfinanzierten Schienenverkehrs weiter: Über zwei Dutzend Infrastruktur-Bahnprojekte gelten als "vordringlicher Bedarf" - aber das wenige Geld, das da reingesteckt wird, wird dazu führen, dass diese Liste noch in 30 Jahren nicht abgearbeitet ist. Stattdessen steckt man das Geld in unrentable "Leuchtturmprojekte" wie die völlig überteuerte Schnellfahrstrecke Nürnberg-Erfurt, die viele Mittelzentren in Ostdeutschland vom Fernverkehr abhängt, oder das Milliardengrab "Stuttgart 21", wo man einen Bahnhof, der noch freie Kapazitäten hat und auch reibungslos funktioniert (gemeinsam mit Leipzig der pünktliche Großbahnhof Deutschlands!) durch eine minimalistische Untergrund-Spar-Lösung mit haufenweise Kapazitätsengpässen für 4,1 Milliarden Euro (offiziell zugegebene Zahl, jedoch kommt schon der - über jeglichen Lobbyismus erhabene - Bundesrechnungshof bei konservativer Schätzung "wenn alles gutgeht" auf 5,3 Milliarden, andere Gutachten von Umweltbundesamt oder Vieregg&Rössler auf über 7 Milliarden) ersetzt. Kurz: Von dem sowieso schon viel zu knappen Geld für die Schieneninfrastruktur schmeißt man auch noch Milliarden zum Fenster raus, um eine schlechtere Fernverkehrsbedienung (Erfurt-Nürnberg) bzw. neue Engpässe (Stuttgart21) zu schaffen, statt woanders vorhandene Engpässe zu beseitigen oder weitere Mittelzentren an den Fernverkehr anzuschließen! DAS ist Verkehrspolitik in Deutschland! Sich als Verkehrspolitiker aber dann drüber zu wundern, dass bei außergewöhnlichen Störungen (z.B. Sommer, Winter, Frühjahr, Herbst, Sonne, Regen, Schnee, Bewölkung...) dann nichts mehr funktioniert, das ist Schizophrenie!

von J. Podzuweit, 11.01.11, 12:29
Ohne die inakzeptable Situation bei S-Bahn Berlin und vielen anderen Bahnverkehren klein reden zu wollen, können einen die populistischen Politikeräußerungen zu diesen Vorkommnissen schon sehr wütend machen (Siehe auch vorhergehende Kommentare). Natürlich ist es „schick“, sich auf den Trend des Einschlagens auf die Deutsche Bahn einzulassen. Leider vergessen die Politiker, die dies heute tun, dass sie ja schon seit längerer Zeit politische Verantwortung tragen und in vergangenen Zeiten viele eindringliche Warnungen von Fachleuten schlichtweg ignoriert haben. Deshalb möchte ich diesen Erinnerungen ein wenig auf die Sprünge helfen. Die Bahnreform von 1993/1994 hat dieses Konstrukt der DB AG mit ihren Einzel-AG’en auf den Weg gebracht – und vorhandene Synergieeffekte der bis dahin existierenden integrierten Bahnen vollkommen zerschlagen. Der Bundestagsbeschluss zur Bahn“d“eform war Konsens aller im Bundestag damals vertretenen Parteien. Nach 1998 wurde alles dafür getan, einen Börsengang der DB AG zu erreichen. Treiber dabei waren die damals regierenden Parteien (SPD und Grüne) unter Führung eines Gerhard Schröder. Letzterer war auch der Hauptverantwortliche für die Berufung eines Hartmut Mehdorn zum Vorstandsvorsitzenden der DB AG und dessen erbarmungslos geführten Gewinnmaximierungs- und Einsparkurs bei der DB AG in Richtung Börse. Dieser Hartmut Mehdorn hatte es vorher geschafft, die Heidelberger Druckmaschinen AG an den Rand des Ruins zu führen – damit war er qualifiziert genug für die Bahn! Die gesamte SPD – bis auf ihre Arbeitsgemeinschaft für Arbeitnehmerfragen – ist danach auf den Börsenkurs eingeschwenkt. Auch heute politische Verantwortung tragende SPD-Politiker (bis auf einige wenige, u. a. Klaus Wowereit) haben diesen Kurs unterstützt. Der Zustand der DB AG nach dem Börsenkurs ist meiner Meinung nach so schlecht, dass es Jahre brauchen wird, um zum Zustand vom Anfang der 90er Jahre (man denke nur an die großen Anforderungen im Zuge der Wendezeit, die doch relativ gut gemeistert wurden) zurückzukehren. Mitte der neunziger Jahre beschaffte die S-Bahn Berlin neue Fahrzeuge. Dabei wurde von der Politik massiver Spardruck ausgeübt – viele erinnern sich bestimmt an das offensichtlich kurzfristige Einsparen der Klimaanlagen in den Fahrzeugen und den dann notwendigen nachträglichen Einbau von Klappfenstern. 2002 hat der Berliner Senat der S-Bahn Berlin einen Verkehrsvertrag „aufgedrückt“, in dem er eine jährliche Einsparung von mehr als 20 Mill. € bei seinen Zahlungen an die S-Bahn durchsetzte. Das soll nicht zur Rechtfertigung des DB-Sparkurses dienen. Aber: Die Politik hat maßgeblichen Anteil an der Entwicklung und ihren heutigen Ergebnissen. In diesem Zusammenhang sind die lügenhaften Erklärungen des heutigen Bundesverkehrsministers noch viel schlimmer. Fordert er doch öffentlich von der Deutschen Bahn einen Gewinnverzicht, dabei hat die Bundesregierung voriges Jahr mit ihrem Sparprogramm beschlossen, der DB AG jährlich 500 Mill. € „Gewinn“ zu entziehen. Und dieser Minister setzt sogar noch eins drauf: Jüngst wurde beschlossen, die bisherige Aufteilung der Einnahmen aus der Lkw-Maut (50 % Straße, 38 % Schiene, 12 % Wasserstraße) zu negieren und diese Einnahmen zu 100 % der Straße zukommen zu lassen. Damit werden (nicht nur) der Bahn noch einmal zusätzlich finanzielle Mittel in Milliardenhöhe entzogen. Offensichtlich setzen die Politiker alles daran, den Bahnverkehr in Deutschland vollständig zu zertrümmern. Auch Ausschreibungen, wie jetzt wieder vermehrt gefordert, werden das nicht verhindern können. Alle Unternehmen, die sich auf solche Ausschreibungen bewerben, sind letztendlich darauf aus, Gewinne zu erzielen. Und die Politiker wollen immer weiter einsparen. Also wird letztendlich die Qualität leiden. Und das spüren – wenn auch zeitversetzt – die Fahrgäste (siehe Zustand S-Bahn Berlin). Und die in den Unternehmen abhängig Beschäftigten spüren das auch – in ihrer Lohntüte und bei ihren Arbeitsbedingungen. Schon heute haben wir in Deutschland auch aufgrund der zersplitterten Unternehmenslandschaft bei den Bahnen (über 300 zugelassene Eisenbahnverkehrsunternehmen) kaum noch Möglichkeiten, z. B. bei Großveranstaltungen entsprechende Zahlen von Personenwaggons auf die Schiene zu bringen. Beschämend sollte es eigentlich sein, dass wir uns diese bei unseren Nachbarländern, die solche Zersplitterungen á la Großbritannien nicht zugelassen haben, zusammenpumpen müssen. Aber das Motto „Geiz ist geil“ ist ja so schick!

von Isartalbahner, 11.01.11, 12:50
Zur sehr guten Analyse von Dirk sei nur noch angemerkt, dass die Infrastruktur nicht nur zurückgebaut wurde, um Instandhaltungskosten zu senken, sondern vor allem, um "totes" Anlagevermögen los zu werden. Je geringer das Anlagevermögen, desto größer der Profit auf das eingesetzte Kapital - ein wichtiger Punkt für den gescheiterten Börsengang! So lassen sich auch die vielen Verkäufe von Grundstücken, Gebäuden und sonstigen angeblich nicht betriebsnotwendigen Anlagen in den letzten Jahren erklären. Dass der Bund als Gesellschafter nun versäumte Investitionen der Vorjahre kritisiert, sollte in einer aufmerksamen Demokratie zum Bumerang werden, kann aber offensichtlich ungestraft in einem Satz mit der Forderung genannt werden, die Gewinne sollten bitte trotzdem abgeliefert werden.... Dirk hat völlig recht: Solange die Politik die Bahnziele nicht klar definiert, wird sich das nicht ändern. Schlimmer noch ist aber für jeden, der sich auch nur halbwegs mit der Materie beschäftigt, das aktionistische übersteigerte Gehabe von Herrn Ramsauer, das angesichts der von Dirk korrekt wiedergegebenen Fakten nur noch irgendwo zwischen dreister Dummheit und bodenloser Frechheit einzuordnen ist. Wie so oft: Am Tag vor den wichtigen Entscheidungen haut er medial auf den Putz mit populistischen Positionen irgendwo rechts-außen von "Pro Bahn", um in Bauernfängermanier Wahlkampf zu betreiben. Doch dann kneift er bei der entscheidenden Sitzung wie so oft und schickt seinen bedauernswerten Staatssekretär Scheurle vor – erst abends dann wieder Ramsauers Bahn-Schelte auf allen Kanälen. Dass er damit offensichtlich durchkommt, statt von Frau Merkel wegen Lächerlichkeit abgesetzt zu werden (DAS wäre mal was Neues!), sollte für uns Touristiker nach seinem Aschewolken-Dilettantismus und seinem Luftverkehrssteuer-Anfall jetzt endgültig Beleg dafür sein, dass dieser Bundesverkehrs-Verhinderungs-Minister unberechenbar ist – und keiner sollte mehr die Gefahren unterschätzen, die uns durch seine Aktionen noch drohen.

von Barthel.eu, 11.01.11, 14:11
Das ist doch nur ein einzelnes Beispiel einer generellen Fehlentwicklung: Sparen, koste es was es wolle. So lange "Shareholder Value" (und bei der Bahn halt eine Bundesregierung, die einen ROI von 500 Mio. "erwartet") im Vordergrund steht und Nachhaltigkeit "keine Zukunft hat, "Service" ein "Kostenfaktor" ist und nicht "gelebt" wird, so lange Finanzhaie, die an den Unis auf "schnelle Gewinnmaximierung" getrimmt werden, die Unternehmen führen (und beraten), so lange werden wir diese und ähnliche Probleme erleben. Das ist kein "bahneigenes Problem".

von Uwe Frers, 11.01.11, 20:19
Saubere Analyse!

von Ulrich von dem Bruch, 31.01.11, 18:02
Man stelle sich vor, die Bahn wäre eine Airline. Jeden Tag würde ein Zug vom Himmel fallen. Wieso investiert die Bahn eigentlich in Busnetze, wenn Sie noch nicht einmal Schiene kann?

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