Weltausstellung

Die Expo 2000 – ihrer Zeit weit voraus

Nachhaltigkeit und Globalisierung waren noch keine großen Themen, Milliardenverluste ein Skandal und nationaler Stolz auf große Events einfach noch nicht trainiert. Heute vor zehn Jahren eröffnete die Expo 2000 in Hannover, zehn Jahre zu früh.

von Dirk Rogl, 01.06.2010, 10:49 Uhr

Auf den Tag genau vor zehn Jahren eröffnete die Weltausstellung Expo 2000 in Hannover. Und ein damals jung-dynamischer fvw-Redakteur war nachhaltig beeindruckt: von dem Multi-Kulti-Flair, das in die sonst so tristen Hallen des hannoverschen Messe-Geländes eingezogen war, vor allem aber davon, dass selbst die spektakulärsten Pavillons quasi ohne Wartezeit besucht werden konnten.

Finanziell betrachtet war die Expo 2000 ein riesiger Flop. 2,4 Milliarden DM Verlust sollen sich unter dem Strich angesammelt haben. Gerade in den ersten Wochen herrschte auf dem Expo-Gelände gähnende Leere. 69 D-Mark für einen ganztägigen Blick in die Zukunft von "Mensch, Natur und Technik", das war vielen Besuchern zu teuer und zu abgehoben. Und in den Medien dominierten Negativ-Meldungen etwa über die Pannen beim offiziellen Ticketing-System von Start-Ticket/Oivive oder überzogenen Bratwurstpreisen von bis zu 9,50 DM, die freilich schon kurz nach der Eröffnung korrigiert wurden.

Es ist engagierten Touristikern wie dem kurz vor Eröffnung vom Expo-Sponsor Deutsche Bahn entsendeten Tourimus-Chef Walter Krombach zu verdanken, dass die Expo nicht vollends zum finanziellen Desaster wurde. Denn die Expo-Gründer hatten sich Nachhaltigkeit und Zukunftsthemen auf die Fahnen geschrieben. Das ist legitim. Doch dass die Expo nebenbei auch eine großartige, vielleicht sogar einzigartige, Party der Nationen war, erfuhren die Deutschen anfangs nur auf Nachfrage.

Die Expo-Leitung hat ihre Kommunikation im Laufe des Events mehrfach geändert, die Ticketpreise radikal nach unten gesenkt und die anfangs verpöhnte Volksfest-Stimmung letztendlich dann doch nicht mehr unterbunden. Die Konsequenz: stetig anziehende Besucherzahlen, ein deutlicher Stimmungs-Aufschwung auf dem Gelände und in den letzten Wochen dann doch lange Warteschlangen vor den Pavillons.

Seit einigen Wochen läuft nun die Expo 2010 in Shanghai, offenbar mit großem Erfolg. Und bei mir reift die Erkenntnis, dass die Expo in Deutschland zehn Jahre zu früh kam. Denn heute wäre Nachaltigkeit und die vorbildlich gelebte Globalisierung der Weltaussstellung mit seinen 767 globalen Beibooten in allen Teilen der Erde anders als damals ein absolutes Trendthema.

Vor allem aber zwei Dinge haben sich seit der Expo 2000 geändert: Spätestens seit der Fußball-WM 2006 sind die Deutschen wahre Meister im Sich-Selbst-Feiern. Genau das musste sechs Jahre zuvor erst gelernt werden. Gleiches gilt für den entspannten Umgang mit zu erwartenden Milliarden-Verlusten. Denn mal ehrlich: Nach den Milliarden-Hilfen für die Finanzwirtschaft und Griechenland würde uns doch ein drohender Verlust von umgerechnet 1,2 Milliarden Euro den Spaß an einer Weltausstellung im eigenen Land nicht mehr vermiesen, oder?

Kommentare

von Walter Krombach, 01.06.10, 12:33
Ich freue mich, dass sich außerhalb von Hannover offenbar nur die FVW an die EXPO 2000 erinnert. Die dabei mir von Dirk zugedachten "Blumen" gebe ich aber sofort an mein damaliges hochprofessionelles und hochengagiertes Team unter der Leitung vn Gerhard Griebler und Thomas Harden weiter (die mit diesem Team nach der EXPO die bis heute erfolgreiche Aovo Touristik AG gegründet haben), ohne die das vorher angerichtete Ticketing- und Vermarktungschaos nicht wenigstens halbwegs gelöst hätte werden können. Meine späte Berufung (im Mai 1999) resultierte aus der ebenso späten Erkenntnis der EXPO-Geschäftsführung und ihres höchstkarätig besetzten Aufsichtsrats, dass meine als damaliger Vorsitzender des DRV-Ausschusses Deutschlandtourismus bereits seit 1997 mehrfach öffentlich geäußerten Warnungen über ein aberwitziges Ticketing- und Vermarktungssystems traurige Gewissheit erlangten: Kein Mensch war z. B. bereit, schon 2 Jahre vorher ein überteuertes EXPO-Ticket ohne die üblichen Zielgruppenermäßigungen für einen ganz bestimmten Tag im Jahr 2000 zu kaufen. Genau darauf basierte aber ein wesentliches Finanzierungsmodell und dafür wurden die ursprünglich budgetierten Marketing-Millionen viel zu früh wirkungslos verpulvert. Diese - und manche andere (z. B. auch die Vorstellung der Hannoverschen Hotellerie, sich mit Messepreisen an einem Phantom-Ansturm zu bereichern) - fachlich fundierte Warnung aus der Reisebranche wurde großspurig ignoriert, und ich wurde deshalb sogar von einem damaligen Staatssekretär im BMWi als Nestbeschmutzer angegriffen. Bei meinem Antritt war ein Defizit von mind. 1 Mrd. DM also absehbar, es durfte aber aus politischen Gründen nicht öffentlich werden, weil man sich sorgte, dass die EXPO ein Jahr vorher noch abgesagt werden könnte. Nun, für alle, die schließlich da waren (2/3 waren zum Schluss preisreduzierte Mehrfach-, Abend- und Rentnerbesucher aus der Region!) war sie ein großartiges Ereignis und Erlebnis, für Hannover ein einmaliger Infrastruktur-Gewinn auf Kosten der Landes- und Bundesregierung - nur überregional und international spricht heute kein Mensch mehr von der EXPO 2000 - eben außer der FVW. Dafür gilt ihr - ich bin mir sicher: auch im Namen meines damaligen Teams - mein herzlichster Dank!

von Ralph D.Ulrich, 04.06.10, 18:47
Ein grosses Kompliment sowohl an Dirk als auch an Herrn Krombach ! Absolut treffend kommentiert, ungern erinnere ich der Zeiten des Ticketverkaufes zu Anfang - doch mit dem Abendticket kam das Leben auf die EXPO. Ich selber habe zahlreiche Abende den Bus genutzt und die 6 km Luftlinie überwunden um ein wirklich klasse Flair zu erleben - und am Ende der EXPO stimmte auch fast der Umsatz mit den Tickets. War ne schöne Zeit, besonders in der Afrika Halle... Beste Grüße aus der Region Hannover,und überhaupt, was sind denn heute schon 1,2 Milliarden - Peanuts eben...

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