Vulkanausbruch

Nicht alles ist Asche

Die Lage ist ernst, die Umsätze gehen in den Keller und der Kunde ist gefrustet. Aber die Reisebranche kann heute stolz auf sich sein.

von Dirk Rogl, 16.04.2010, 15:26 Uhr

Auch wir wissen nicht, wann der Vulkan Eyjafjallajökull wieder zur Ruhe kommt. Eins ist klar, sein Aktivitätslevel ist an diesem Wochenende direkt verlinkt mit eben jenem der deutschen Reiseindustrie, und die macht heute vieles richtig.

Schnelle Reaktion ist wichtig, wenn Naturgewalten wie der Eyjafjallajökull den Flugverkehr in Europa lahmlegen. Und die kommen heute en masse: Reiseveranstalter und Mietwagenanbieter bieten kostenfreie Umbuchungen an, Reisebüros fahren ihre Kundenbetreuung bis an die Grenze des Machbaren hoch und helfen gestrandeten Fluggästen, auch wenn dies eigentlich Aufgabe der Airlines wäre, die ob der unglaublichen Naturgewalten im Norden zurzeit überfordert aber alles andere als tatenlos sind.

Wie gut, dass die durch diverse Krisen gestärkte Reisebranche sich quasi blind versteht. Heute interessiert es niemanden, dass Reisebüros in Zeiten der Nullprovision nicht mehr für die Umbuchung gestrandeter Passagiere zuständig sind. Es ist selbstredend, dass Busanbieter, Fährgesellschaften und Bahnbetreiber ihre Kapazitäten ad hoc auf das Maximum hochfahren. Und es gehört zum guten Ton, dass renommierte Veranstalter und Mietwagenanbieter betroffenen Fluggästen kostenfreie Storni und Umbuchungsoptionen anbieten.

Selbstredend kommt dieser gute Wille heute nicht überall beim Kunden an. Zuviele Fluggäste hängen ohne für sie erkennbare Hilfe fest an irgendeinem Airport dieser Welt. Und für ein paar schwarze Schafe in der Branche dürften die eben beschriebenen Kulanzdienste so nicht gelten. Doch das dürfte sich rächen. Denn wer heute mit gutem Service aufwartet, hat gute Chancen, neue Stammkundschaft zu gewinnen.

In diesem Sinne wünsche ich ein erfolgreiches Wochenende mit gleich doppeltem Trost. Erstens: Trotz zu erwartender Mehrarbeit bieten sich in den kommenden Tagen großartige Chancen für Ihr Unternehmen. Und zweitens: Die Aschewolke und der strahlend blaue Himmel verspricht heute abend einen tiefroten Sonnenuntergang. Schauen Sie einfach mal aus dem Fenster, falls die Geschäftslage es zulässt.

Kommentare

von Ralf-Gunnar Ludwig, 16.04.10, 16:27
Satellitenbild der Vulkansche über Deutschland (13:00 UTC): http://linkshrink.de/11047/ Auf dem Farbkomposit-Satellitenbild ist die Staubwolke mehr oder weniger deutlich in zerfaserten Orange-Tönen zu erkennen. Cheers RGL

von Ulrich von dem Bruch, 16.04.10, 17:01
Wir drehen einfach alle Windkrafträder gen Norden und blasen das Zeug zurück

von Rolf, 16.04.10, 18:06
Etwas fassungslos lese ich in den fvw-News den Kommentar von Otto Schweisgut: "Von vielen Airlines gebe es zum Teil nur unzureichende Informationen über die aktuelle Lage" Ja, was um Gottes Willen sollen die denn sagen? Wann die Wolke verschwindet? Die wissen das genauso gut wie Herr Schweisgut. Also, bei aller oft berechtigten Kritik an Airlines: In DIESEM Falle sind sie nun wirklich machtlos. Es wäre wohl eher angebracht, z. B. Flughäfen wie Frankfurt auch seitens des DRV lobend zu erwähnen, wie sie sich angesichts dieser Chaos überhaupt noch um gestrandete Passagiere bemühen. Da können Fluggäste an den Ryanair-Flughäfen kein Lied davon singen - die sind nämlich völlig auf sich gestellt, und zumindest gesatern abend in Weeze hat sich auch seitens der Flughafenleitung kein Mensch blicken lassen. DAS sollte man anprangern: nicht nur die Wurstigkeit von Ryanair, sondern auch die der von ihr abhängigen Flughäfen! Für Reisebüro wäre das ein hervorragendes Argument, GEGEN diese Lowcost-Carrier bei Ihren Kunden zu argumentieren.

von Martin Pundt, 16.04.10, 19:21
Im Gegensatz zu vielen Veranstaltern und Reisebüros erhielten wir die Rückmeldung zu der branchenüblich-kulanten Stornoregelung für unsere Flughafen-Parkplätze und Hotels sofort: Viele Kunden, die heute frühmorgens anreisten, bei uns parkten und sich zum Flughafen fahren ließen, standen Stunden später schon wieder auf dem Gelände "Nichts geht mehr - wir fahren wieder heim". Was positiv auffiel: Diese Kunden waren nicht nur dankbar, dass wir die Leistung natürlich nicht berechnen, sondern vielfach auch trotz der unangenehmen Nachrichten entspannt und teilweise fast gut gelaunt. Ein "Dafür kann ja nun wirklich niemand was" war der häufigste Kommentar. Und so kann mich Ihrem Kommentar, Dirk, nur anschließen: Die gesamte Branche wird in diesen Tagen mit ihrem Service punkten - denn es gibt für wirklich niemanden einen Grund, auf diese Airline, jenen Veranstalter oder gar die ganze Branche zu schimpfen. Unser Dank geht aber vor allem - auch auf diesem Wege - an die Kolleginnen und Kollegen der Reisebüros: Die Zusammenarbeit hat auch heute wie immer reibungslos und menschlich sehr angenehm geklappt. Eine Krise ohne Tote und Verletzte, eine Krise, die alle gleichermaßen trifft, eine Krise mit zufriedenen Kunden, die sich den Umständen entsprechend gut betreut fühlen - in der Tat: Es hätte deutlich schlimmer kommen können. So, und jetzt gehe ich wieder mit an die Telefone...:-)

von Stefan Vorndran, 16.04.10, 20:52
Hallo Herr Rogl, toller Artikel, der das Selbstverständniss der Brache treffend beschreibt. Unsere Mitarbeiter sind in den letzten Monaten wahrlich schon genug belastet worden und mussten alle auch einen persönlichen Beitrag zur Krisenbewältigung leisten. Dass nun die Mitarbeiter ohne zu murren und freiwillig bis spät in die Nacht helfen und auch bereit sind das Wochenende über die Telefone zu bedienen um den Geschäftsreisenden in und aus aller Welt versuchen zu helfen zeugt von einer großartigen Einstellung. Ich wünsche unserer Industrie, dass auch diejenigen die diese Dienstleistung als reines "Transaktionsgeschäft" betrachten erkennen, dass es dabei um deutlich mehr geht und wir auch am Wohle der Reisenden interessiert sind. Stefan Vorndran

von Wolfgang Hoffmann, 17.04.10, 11:42
<<< Reisebüros fahren ihre Kundenbetreuung bis an die Grenze des Machbaren hoch und helfen gestrandeten Fluggästen, ...>>> Dazu passt dann ja auch die "Hochzeit" der *Offliner* & Onliner, bei denen eine Trennung angeblich nicht mehr zeitgemäß ist.

von Mac, 18.04.10, 13:10
Interessant ist doch, dass es zB bei Expedia auf der Website nicht einmal einen Hinweis auf das Chaos gibt. Haben die noch immer nicht verstanden, wie Kundenbindung geht? Oder dürfen die Reisebüros mal wieder die Drecksarbeit übernehmen?

von Wolfgang Hoffmann, 19.04.10, 15:36
Mit einer, schon als bescheuert zu nennenden Selbstverständlichkeit waren wir ab Mittags am Sonntag im Büro und haben auch denen Rede und Antwort gestanden, die sich vertrauensvoll an uns gewandt haben, obwohl sie nicht bei uns sondern im Internet gebucht haben. Immer unter dem Hinweis, dass wir nicht für sie tätig sein dürfen, schon aus rechtlichen Gründen, haben wir Trost gespendet, unsere Erfahrungen und aktuellen Erkenntnisstände mitgeteilt und Tipps gegeben, wie man zukünftig einen etwas unbeschwerteren Urlaub genießen oder auch nicht genießen kann. Für unsere Kunden haben wir eine Simkarte kufri freigeschaltet und haben uns sogar von einem Geschäftskunden am späten Sonntagabend angehört, dass er noch einen Flug ab Rom gefunden habe, der angeblich verfügbar sei. Natürlich war er es nicht. Aber entgegen den "Onlineren" wissen wir "Offliner" scheint's mehr.

von Ralf-Gunnar Ludwig, 22.04.10, 13:52
FOCUSonline 20.04: Auswertung der Daten am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) läuft auf Hochtouren. "Wissenschaftler haben bis in die frühen Morgenstunden gearbeitet", sagte der DLR-Sprecher Andreas Schütz am letzten Dienstag. "Wir hoffen, heute Daten übergeben zu können." Das war am Dienstag, heute haben wir Donnerstag und kein Schwein redet mehr über die Messergebnisse. Wer hat die Auswertung erhalten, der Messflug war doch so wichtig, warum dauert es Tage, bis man die Daten bewerten kann? Habe mit allen möglichen Begriffen gegoogelt, aber über eine Veröffentlichung bzw Auswertung der Daten ist nichts zu finden. Vielleicht könnten die ja als Basis für eine Schadenersatzklage dienen ;-)

von Ralf-Gunnar Ludwig, 22.04.10, 18:20
Hm - der Messwerte sind online verfügbar, aber was die Werte nun für die Luftfahrt bedeuten . . . http://www.dlr.de/desktopdefault.aspx/tabid-10/60_read-23782/ Klar ist nur (Auszug aus dem Bericht): "Nach dem Flug wurde die Falcon einer Inspektion unterzogen. Dabei wurden keine Beschädigungen der Triebwerke, Fenster oder anderer Bauteile festgestellt. Weitere Triebwerksinspektionen laufen noch. Silberfolien, die an Flügelbehältern befestigt waren, zeigten keine sichtbaren Einflüsse von den Vulkanaschepartikeln. (...) Die Supermikrometer-Partikelanzahlkonzentration, die am 19. April in dem 4-5 Tage alten Vulkanaerosol über Leipzig gemessen wurde entspricht etwa dem, was wir in frischen Saharastaubschichten gemessen haben." Ob das Ganze jetzt eine Gefahr für den Flugverkehr darstellt oder nicht, dazu sagt der Bericht nichts. Wer muss die Auswertung jetzt diesbetüglich auswerten :-/

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