Vorzugspreise

Hut ab vor der Justiz

Niemand weiß, ob Amadeus die Vorzugspreise noch stoppen kann. Klar ist aber: das Urteil kommt aus berufenem Mund.

von Dirk Rogl, 26.03.2009, 14:23 Uhr

"Nehmen sie Platz oder bleiben sie stehen, ganz wie sie wollen", sagt Axel Gärtner. Klingt recht witzig zum Auftakt einer Verhandlung, bei der es möglicherweise um nicht weniger als um die Zukunft des deutschen Reisevertriebs geht. Der Mann ist Vorsitzender Richter des 1. Kartellsenats am Oberlandesgericht Hamburg. Und offenbar ist er nicht nur mit einer gesunden Portion Humor ausgestattet, sondern mit jeder Menge Sachkenntnis. Haarklein ließen sich Gärtner und seine Richterkollegen erklären wie das Vorzugspreismodell funktioniert. Und so ganz nebenbei stellte er Fragen, auf die die Branche bislang keine Antworten bekommen hat. Ja, die Verhandlungen mit Amadeus-Mitbewerber Sabre liefen noch, räumte Lufthansa im Verhandlungssaal ein. Und: Wenn bis Dienstag kommender Woche keine Einigung erzielt wird, könnte es eine neue Rechtslage geben. Denn dann droht nicht nur Amadeus-Nutzern eine GDS-Fee, sondern auch jenen von Sabre. Erst jetzt wurde bekannt: Ende März laufen die Fristen zur automatischen Vertragsverlängerung mit dem Amadeus-Konkurrenten aus. Dieses Detail war ebenso neu, wie die Statements von Amadeus. Binnen knapp zweier Monate sei der Marktanteil im deutschen Flugmarkt um zehn Prozent gesunken. Statt zuvor 83 Prozent laufen aktuell nur noch 73 Prozen der Flugbuchungen über Amadeus - Tendenz weiter sinkend. Waren es bislang primär Online-Reisebüros und Consolidator, so prüften nun auch klassische Reisebüros den Umstieg auf andere GDS, erklärte Amadeus. Ob man die nicht wieder mit zusätzlichen GDS-Incentives locken könnte, wollte Gärtner wissen – wie vermutlich so ziemlich jeder sauber rechnende Reisebüro-Inhaber im Land. Dass Amadeus sich dies nicht leisten könne, weil der Mutterkonzern mit Schulden in Höhe von rund vier Mrd. Euro belastet ist, hatte die fvw zwar exklusiv aufgedeckt, so aber auch nicht offiziell bestätigt bekommen. Ein paar pikante Zahlen aus dem Gerichtssaal bedürfen noch der sorgfältigen journalistischen Nach-Recherche, bevor wir sie in der nächsten fvw 7/09 wiedergeben. Öffentlich sind sie ja ohnehin. Denn das ist das Schöne an diesem Rechtsstreit: Vor Gericht nennen beide Parteien Fakten, die der öffentlichen Diskussion in der Branche gut tun würden. Eben diese Diskussion ist ziemlich zum Erliegen gekommen. Während quasi der gesamte deutsche Vertrieb auf der Suche nach neuen IT-Lösungen und Geschäftsmodellen ist, tritt Lufthansa bei öffentlichen Veranstaltungen nur noch als Zaungast auf. Freilich: Ein offizieller Streitwert von fünf Mill. Euro rechtfertigt vorsichtiges Schweigen. Oder geht es um noch mehr Geld? Ihm komme der Streitwert ganz schön gering vor, räusperte Richter Gärtner während der Verhandlung. Auch hier gilt: Der Mann hat wirklich Recht.

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