Videotext

Das paradiesische RTL-Reisebüro

Ein Phantasie-Reisebüro zockt im RTL-Videotext Urlauber ab. Hat noch nie jemand was von einem Sicherungsschein gehört? Und wer bucht eigentlich über Videotext?

von Klaus Hildebrandt, 31.08.2010, 09:17 Uhr

Für das NDR-Fernsehen ist es ein schöner Fall: Ein nur auf dem Papier existierendes Reisebüro Paradies-Reisen in Waldkraiburg hat auf dem RTL-Videotext geworben. Ahnungslose Urlauber schildern in dem Fernsehbeitrag, wie sie ihr Geld verloren haben. Die Urlauber haben teilweise den gesamten Reisepreis vorab überwiesen – ohne dafür den gesetzlich vorgeschriebenen Sicherungsschein eines Kundengeldabsichers zu erhalten. Denn die Reisebestätigung war gefälscht, einen Veranstalter gab es gar nicht. In dem NDR-Beitrag dürfen die Betrogenen freimütig über den Privatsender RTL herziehen. Eine Urlauberin aus Vechta sagt den schönen Satz: "RTL ist für uns wie ein Reisebüro". RTL selbst erklärt, sie seien bei der Anmeldung für die Videotext-Werbung getäuscht worden, die Papiere von Paradies-Reisen seien ebenso gefälscht worden.

Wenn der NDR schon Medienschelte betreibt, darf ich mich kurz anschließen: Zur Verbraucheraufklärung wäre ein kleiner Hinweis auf den Sicherungsschein sicher nützlich gewesen. Denn es gibt immer wieder Fälle (vor einigen Monaten etwa in Berlin und Rüdesheim), in denen Reisemittler gar nicht existieren oder das Geld der Kunden einbehalten und verduften. Und mein Kollege Dirk hat neulich in der fvw und hier im Blog über den Fall des real existierenden Reisebüros Ticketpoint in Gelsenkirchen berichtet, das Geld für Flugtickets nicht weitergeleitet hat.

Die Geschichte wirft bei mir aber auch noch eine andere Frage auf: Wer bucht eigentlich zu einer Zeit, in der es in jeder Kleinstadt mehrere stationäre Reisebüros gibt und dazu jede Menge Internet-Portale, überhaupt noch bei Reisebüros, die auf den kryptischen Videotext-Seiten werben? Auf einem fvw-Workshop erzählte mir vor einiger Zeit ein Reisebüro-Mann, er mache über seine Videotext-Werbung mehr Umsatz als mit seinem stationären Büro. Dort sei die Werbung vom Preis-Leistungsverhältnis her effektiver als im Internet. Vor allem Rentner mit viel Zeit schauten sich die Seiten an, und er habe so auch schon eine Menge Stammkunden gewonnen.

Nur eins sollten diese Rentner tun: Nicht an irgendwelche Paradiese den kompletten Reisepreis vorab überweisen. Und mich würde interessieren: Wie sind eigentlich die Erfahrungen der fvw-Leser mit Videotext? Ist das tatsächlich noch ein Medium mit Zukunft?

Kommentare

von Nicole Grammersdorf, 31.08.10, 11:13
Videotext mag vielleicht kein Medium mit Zukunft sein, aber als Medium der Gegenwart taugt es sicher noch hervorragend.

von G. Wissen, 31.08.10, 11:48
Wir halten fest: Betrügen geht überall! Reisebüro Online Teletext Die Zielgruppe "Teletext" scheint eine sehr Spezielle zu sein. RTL ist dort kein Sender, sondern Familienersatz - und Familie betrügt doch nicht. ;-) Wenn Absender, Medium, Anbieter oder Vermittler nicht mehr sauber zu trennen sind (gesellschaftlich und emotional) wird es schwierig - oder für kriminelle Energie einfach. Die Zielgruppe "Teletext" wird bald e-mail accounts eröffnen und sich alsbald über viele Angebote freuen (Dates, Frauen aus Osteuropa, ***-Verlängerungen und und und...) Es bleibt spannend...

von Reiseforum, 10.09.10, 17:54
In diesem Fall hätte der kleine Hinweis auf den Sicherungsschein nichts genützt, denn die werden zwischenzeitlich auch gefälscht verschickt.

von Familienurlaub, 23.09.10, 17:29
Das Internet wird häufig in solchen Sendung unter dem Zeichen der Aufklärung als Quelle des Dubiosen dargestellt, obwohl mir persönlich noch von niemanden in meinem Umfeld jemand begegnet ist, der im Internet eine Reise buchen wollte und abgezockt wurde. Liegt wahrscheinlich aber auch daran, dass man sich im Netz Google sei Dank schnell informieren kann, ob der Veranstalter das Vertrauen verdient hat oder lieber nicht. Im Videotext hingegen fehlt diese Informationsfunktion. Wer über den Videotext bucht, der wird sich vorher kaum im Netz schlau machen, sonst würde er ja gleich via WWW buchen. Es wundert mich also nicht, dass die Chance über den Tisch gezogen zu werden in diesem Medium höher ist als bei anderen. Schließlich fehlt hier auch das öffentliche Interesse. Tagtäglich surfen, buchen, flirten und kaufen die Deutschen im Internet, ein Bericht über Betrugsfälle lässt viele sehr schnell ganz schön sensibel werden. Doch im Videotext ist kaum noch jemand aktiv unterwegs. Meine Meinung dazu ;) Sandra

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