Verbraucherschutz

Jagd auf Expi-Gewinne

Die Wettbewerbszentrale geht gegen einen Verkaufswettbewerb von Schauinsland Reisen vor. Dürfen Expedienten nicht mal mehr an Verlosungen teilnehmen?

von Klaus Hildebrandt, 05.08.2010, 11:29 Uhr

Bei der Aktion von Schauinsland können Reisebüros sich für eine Verlosung hochwertiger Tischfußballgeräte qualifizieren. Doch die Wettbewerbszentrale – ein von der Privatwirtschaft getragener Abmahnverein, der nichts mit dem Kartellamt zu tun hat – sieht darin eine „sachfremde Zuwendung“, die Einfluss auf die Beratungstätigkeit von Reisebüros nähmen. Das Vorgehen ist nicht neu. Schon vor einigen Jahren waren vermeintliche Wettbewerbshüter gegen die in der Touristik gängigen Verkaufsaktionen und kleinen Counter-Geschenke vorgegangen. Und die Finanzbehörden achten peinlich genau darauf, dass Info-Reisen keine (steuerpflichtigen) Spaßtrips sind und geldwerte Vorteile bei privaten Urlaubsreisen, die aus dem eigenen Haus stammen, schön ordentlich versteuert werden.

Natürlich, für alles gibt es rechtliche Grundlagen. Aber ich finde, es gibt wichtigere Probleme, als dass ein Expedient mal bei einem Verkaufswettbewerb mitmacht (bei Schauinsland ging es sogar nur um die Teilnahme an einer Verlosung, den Tischkicker bekommt längst nicht jeder gute Verkäufer) oder dass Inforeisen zu tausendprozentigen Fachstudienreisen ohne Spaßfaktor mutieren.

Auch das Argument mit der Beeinflussung der Expedienten ist Unsinn. Jedes Provisionssystem eines Veranstalters oder Leistungsträgers hat eine Anreizkomponente, und Reisebüros müssen mit Blick auf die Wirtschaftlichkeit auf bestimmte Partner steuern. In diesem Fall ist es zwar das Büro insgesamt und nicht der einzelne Mitarbeiter, aber ein selbstständig denkender und guter Reiseverkäufer setzt die Steuerungsvorgaben seines Chefs (der ja häufig auch selbst mit verkauft) schon allein mit Blick auf die Sicherung seines eigenen Arbeitsplatzes aktiv um. Und erhalten denn Auto-, Fernseh- oder Bekleidungsverkäufer keine Vergünstigungen von den Produzenten?

Ebenso bedenklich wie die Jagd auf Expedienten finde ich allerdings, dass es vermutlich in diesem Fall ein Wettbewerber von Schauinsland war, der die Bad Homburger Wettbewerbszentrale in Stellung brachte. Die Zentrale mahnt zwar auch aus eigenem Antrieb Firmen ab (und finanziert sich auch durch diese Gebühren). Meistens jedoch wird sie von Konkurrenten in Stellung gebracht, die lieber nicht aus der Deckung kommen wollen. Das ist in diesem Fall ein Bärendienst für die Branche. Denn dann kommt bald wieder die leidige öffentliche Debatte von den bösen Reisebüros, die ja den Kunden von vorne bis hinten falsch beraten, nur damit sie bei bestimmten Handelsherren ihre privaten Geschenke und Super-Provisionen einstreichen können.

Kommentare

von Ulrich G. Roth, 05.08.10, 13:47
Für was man alles in D abgemahnt werden kann ist absolut zum Haare raufen. Dass ein Verkaufswettbewerb, bei dem unter tausenden ein Kickerspiel ausgelosst wird die Beratungsqulität eines RB beeinträchtigen soll, kann ich überhaupt nicht nachvollziehen. Im Umkehrschluss müsste man ja alle Veranstalter abmahnen können, die nur unter 10% Provision ab der ersten Buchung zahlen. Beeinflussen sie damit die Überlebensfähigkeit eines RB`s dermassen, dass dadruch die "objektive Beratung" - was ist das überhaupt? - in den Reisebüros nicht gewährleistet ist. Hoffe mal dass sich SLR mit seinem Widerspruch durchsetzen kann. Ich drücke die Daumen.

von Dietmar Pedersen, 05.08.10, 15:18
Der Richter, der die Einstweilige Verfügung erlassen hat, hat von der Reisebranche und wohl von der Wirtschaft überhaupt keine Ahnung. Manche Veranstalter zahlen um die 10 % Provision, andere zahlen 13 % Provision. Das ist doch auf jeden Fall ein viel grösserer Anreiz, den zweiten Veranstalter "schönzureden", als die unwahrscheinliche Chance auf einen Tischkicker. Wenn mir zum Jahresende noch 1.500 Euro Umsatz für die nächste Provisionsstufe bei einem Veranstalter fehlen, werde ich natürlich versuchen, diesen Veranstalter zu empfehlen, um 1 Zusatz-Prozent für die gesamte Jahresprovision zu bekommen. In anderen Branchen gibt es ähnliche und noch viel stärkere Anreize: Bei Waschmaschinen oder Fernsehern bekommen die Verkäufer für jeden Verkauf einen Zehner oder Zwanziger vom Hersteller als "Bonbon". Bei Handyverträgen bekommen die besten Verkäufer vom Mobilfunkbetreiber eine Woche Florida mit allem Luxus.

von Markus Buck, 05.08.10, 16:18
Herr Rechtsanwalt Schönheit sollte sich lieber um wichtigere Wettbewerbs-Dinge kümmen als mit so einer lächerlichen Nummer gegen Schauinsland zu schießen. Es gibt viel wichtiger Dinge zu tun um uns Reisebüros vor unseriösen Wettbewerbsverstößen (Rabatte, Direktvertrieb, Internet, schlechte Provisionen) zu schützen. Aber das ist Herrn Rechtsanwalt wohl eine Spur zu anspruchsvoll!

von Markus Buck, 05.08.10, 16:21
Genau meine Meinung! Jeder Veranstalter der weniger als 10 % zahlt und keine eigene Agentur zu diesen Konditionen gewährt sollte abgemaht werden. Ebenso diejenigen (Veranstalter, Mitbewerber, Banken( die dem Endkunden mehr Rabatt geben, als wir als Provision bekommen (und das sind ja keine Ausnahmen!).

von Ali Dogan, 05.08.10, 16:38
Ich habe gestern von einem Kollegen (Reiseportal) dessen Namen ich hier leider nicht nennen kann erfahren, dass er eine Abmahnung von einem anderen Reiseportal (wird derzeit besungen) erhalten hat. Es geht dabei um die Ausstellung von 50,- Euro Reisegutscheinen im Internet. Die Ironie der Geschichte ist, dass genau das besungene Reiseportal als erster das unglückliche Spiel mit Reisegutscheinen über 50,- Euro angefangen hat. Reiseportal missachtet nahezu alle Regeln dieser Branche und handelt rein nach eigenen Interessen (ist nicht Grundsätzlich verkehrt, aber es gibt auch noch eine Gesamtverantwortung die wir schuldig sind) ohne sich auch nur im geringsten um die Belange dieser Branche Gedanken zu machen. Vermutlich verhält es sich ähnlich auch im Falle der Abmahnung gegen Schauinsland. Wenn man schon den Erfolg von Schauinsland nicht im normalen Wettbewerb stoppen kann, versucht man dies auf diesem Wege. Aber die Vergangenheit hat gezeigt, dass genau dies der Vertrieb bestrafen kann. Insofern würde ich mir wünschen, dass Schauinsland die in den letzten 10 Jahren die größte Stütze des Gesamten Reisevertriebs in Deutschland waren sich Erfolgreich wehren kann. Ich würde mir wünschen, dass auch das besungene Reiseportal (dieser hat viel bewegt in den letzten Jahren dies darf man durchaus auch entsprechend würdigen!) anfängt der Eigenen Größe mehr würde zu verleihen und verantwortungsvoller zu handeln. Es wäre ein gutes Zeichen für den Branchenfrieden!

von Oliver Wulf, 06.08.10, 15:42
Schliessen sich "Wettbewerbszentrale" und "Spassfaktor" nicht grundsätzlich schon gegenseitig aus?

von Dirk Bender, 10.08.10, 16:34
Bei soviel Korinthen****** kann einem wirklich fast der Kragen platzen. Schon schlimm, mit was sich unsere Gerichte - hier das Landgericht Duisburg - befassen müssen. Natürlich hat der Kunde des Reisebüros ein Recht auf weitgehend objektive Beratung. Aber die ist doch wohl hier nicht in Frage gestellt. Hallo... Aufwachen... jemand zu Hause? Es handelt sich um 10 Tischkicker, die letztendlich unter 12.000 Reisebüros "verlost" werden. Wenn es dann tatsächlich so ist, dass hier ein Wettbewerber von SLR die Bad Homburger Wettbewerbszentrale angestoßen hat, kann ich mir wirklich nur an den Kopf fassen... Schönen Tag!

von Michael Selzer, 14.08.10, 21:16
Der NEIDfaktor bei politfinanzpruefern bezuegliche geldwerter Vorteile ist ganz besonders in der Reisebuerobranche ein absoluter Hammer. Im Prinzip ist die Sache mit der Verfolgung und Abmahnung der Tischfussballgewinne lächerlich. Ich moechte den Rsbchef sehen welcher es akzeptieren wuerde, wenn wegen solcher fernen Gewinnchancen gesteuert wird. Besonders masochistisch sind Reisebueromitarbeiter, welche von den Totengraebern ihres Arbeitsplatzes, von den NULLprovisionsAIRLINES vielleichtGeschenke bei guten Umsaetzen anpeilen. Aber das entscheidende zu dieser verwandten Sache ist meine Meinung, dass jede aber auch jede Reise ob kostenlos oder ermäßigt, oder zum normalen Preis in jedem Falle davon der Kostenfaktor berufsbedingt und absetzbar sein muss! Jede Reise eines Reisebuerofrontkämpfers ist Arbeitszeug, selbst ketzerisch, wenn er sich wie seine Kunden faul an den Strand eine AI-Hotels legt, damit er mitreden kann...! Wo bleiben die branchenverantwortlichen Durchsetzer dieser Forderung?! Meine Forderung an Verbaende in dieser Sache ist nicht neu, aber wie ich meine fuer jeden logisch denkenden kapierbar. Es ist ein Unding, dass es im Prinzip keinen akzeptierten Betrag fuer die Rsbmitarbeiter als steuerfreien geldwerten Vorteil gibt und das bei dem bekannten nicht besonders attraktiven Lohnes...

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