USA

Die neuen Rulebreaker

Der Kunde staunt über General Motors. Wir wundern uns eher über Expedia, American und United Airlines.

von Dirk Rogl, 06.11.2009, 09:39 Uhr

Vorab ein offenes Bekenntnis zu guten transatlantischen Beziehungen. So machen es die Politiker, wenn sie ein paar kritische Worte über den Atlantik schicken wollen. Und hier kommen sie: Es ist zu begrüßen, wenn Unternehmen elementare Branchenregeln in Frage stellen, um so die Effizienz und den Gewinn zu steigern. Was in den vergangenen Monaten so an Signalen über den Atlantik schwappt, sind Vorboten eines brutalen Wettbewerbs, der Europa erfassen wird. Drei Beispiele: 1. American Airlines erklärte jüngst auf einer Konferenz des Branchenverbands

, langfristig auf GDS verzichten zu wollen. Stattdessen setze man auf web-basierte Buchungssysteme und Direktanbindungen. Konkreter wurde der Carrier bislang nicht. Wenn allerdings kein Geringerer als der Gründer und jahrzehntelanger Partner von Sabre eine Abkehr vom GDS-Geschäft in Aussicht stellt, dann ist das mehr als das übliche Säbelrassen zwischen zwei Geschäftsparntern, die eigentlich aufeinander angewiesen sind. 2. Expedia verdient so gut mit seinem Verzicht auf Service-Entgelte, dass das Online-Reisebüro gestern munter nachlegte. In den USA ist künftig auch die Flugbuchung via Telefon frei von Aufschlägen. Damit macht Expedia schlagartig nicht nur Airline-Portalen und Online-Reisebüros Konkurrenz, sondern auch den Call-Centern traditioneller Reisebüros. Der Weltmarktführer setzt auf exklusive Raten und auf ein starkes Händlergeschäft, dass es erlaubt, Margen im Endpreis zu verstecken. Was das bedeutet, erfahren gerade die Choice Hotels, die seit Mitte Oktober nicht mehr über Expedia buchbar sind, weil sich die Hotelgruppe beharrlich weigerte, dem Online-Büro auf für das letzte freie Zimmer Zugriff zum Bestpreis zu geben. "Expedia wollte nicht mehr unser Verkäufer sein, sondern unser Revenue Manager", schimpfte Choice-CEO Stev Joyce

. 3. Die von American Airlines eingeführte und von Verfolgern wie United quasi perfektionierte Baggage Fee kommt nun auch in Europa an. In derem Windschatten und unter Vorbehalt rechtlicher Prüfungen für den deutschen Markt darf sich die Branche wohl auch auf die baldige Premiere des Kreditkartenaufschlages freuen. Eine muntere Palette sonstiger Entgelte etwa für Check-in (Air Baltic), Sitzplatzreservierung (BA) oder Lounge-Zugang (ANA) droht die Preistransparenz im Vertrieb ebenso einzuschränken wie der angebliche GDS-Verzicht von American Airlines. Mehr denn je muss sich die Branche darauf einstellen, dass nicht mehr jeder Content in jedem Buchungssystem verfügbar ist. Das gilt übrigens auch für die Online-Reisebüros, wie der Streit zwischen Expedia und Choice Hotels zeigt. Aus deutscher Sicht war es ein Novum, dass etablierte Partner wie Amadeus und Lufthansa beim Thema Vorzugspreise zum Frontalangriff übergehen, um sich Wettbewerbsvorteile zu sichern. In Amerika ist eine gewisse Unberechenbarkeit Teil des Marktverständnisses. Nur die Starken überleben. Good luck!

Kommentare

von Reiner Iserlohe, 06.11.09, 11:37
Das ist einmal mehr der Versuch dem Verbraucher zu suggerieren, das ja alles besser im Netz zu haben ist. Reisebüros sind nur noch Fossile wie Schallplattengeschäfte. (Was war denn noch mal eine Schallplatte?) Teuer und ineffizient. Bei all dem Gerede der Veranstalter von dem "wichtigsten Vertriebspartner" muss man doch zwischenzeitlich erkennen, das nur eine geringe Anzahl von stationären Reisebüros die nächsten Jahren überleben werden. All die Kolleginnen und Kollegen, die dann "freigesetzt" werden, werden ihrerseits weiter zum Abbau der Stationären beitragen, da viele nebenher das Homeoffice betreiben werden um selbst in einer immer kälteren Arbeitswelt ihr überleben zu sichern. Eine traurige Entwicklung des Mittelstands in Deutschland und Europa...

von Herbert, 06.11.09, 12:59
Man darf gespannt sein, wie sich unter den gegebenen Umständen die Mittlerbranche - soweit sie überhaupt dort anwesend sein wird - auf der kommenden DRV-Jahrestagung artikulieren wird. Wird sie, konservativ wie sie nicht nur politisch gesehen eingestellt ist, weiterhin überholte Schutzzäune vor den nicht aufhaltbaren Entwicklungen um sie herum fordern? Oder den Stier zum realitätsbezogenen Kräftemessen bei den Hörnern packen? Oder glaubt sie noch ernsthaft den meist nur noch in homöopathischen Dosen abgegebenen Treue-Lippenbekenntnissen "pro unabhängigem Reisevertrieb" der Leistungsträger? "Die Welt um uns verändert sich, und wir mit ihr", da bleibt keine Zeit mehr, den goldenen Zeiten nachzutrauern. Die (wirtschafts)liberale FDP - ich verweise dazu auf meinen kürzlichen Nachwahl-Beitrag an dieser Stelle - wird's ganz bestimmt nicht richten, auch wenn sie wohl auch den künftigen Tourismusbeauftragten der Bundesregierung stellen dürfte.

von Dirk Rogl, 06.11.09, 13:41
Spannender Punkt, lieber "Herbert". Wenn ich Sie richtig interpretiere, dann sehen sie in dieser vordergründig so liberal und monetaristisch daherkommenden deutschen Tourismuswirtschaft doch eher protektionistische Züge - zumindest in den verbalen Wunschkonzerten ihrer Wortführer? Das war zwar nur am Rande das Thema meines Blogs. Dennoch würde ich mich zu diesem Punkt über mehr Meinung freuen.

von Herbert, 06.11.09, 14:02
Hallo Dirk, "nur am Rande" Ihres blogs? Ich empfand diesen Blog eher als einen "Weckruf" für die (Mittler)Branche. Die Verbandsoberen können ja bekanntlich nicht anders, als nach Protektion zu rufen (siehe ganz aktuell der "Mauer-Tarif der DB") - das erwarten schließlich noch immer (!)ihre Mitglieder: sachlich-logisch vom DRV, plump-marktschreierisch vom ASR. Nur wenn diese glauben, dass Schein-(Fall)Rückzieher (wie z.B. beim TUI-Malus) strategische Umkehr bedeuten, dann dürften sie sich kräftig getäuscht haben. Das ist doch wie bei der Echternacher Springprozession: zwei Schritte vor, einer zurück. Die Globalisierung zwingt sie dazu.

von Wolfgang Hoffmann, 12.11.09, 11:32
seitens der Politik wäre doch schon viel geholfen, wenn entsprechende Verantwortliche einsehen würden, dass jegliche von Brüssel verordnete Trockenlegung, vorher für die Gesamtnatur wichtiger Kuschelbiothope unseres Marktes, zu einer katastrophalen Gesamterosion einer kompletten Volkswirtschaft führt. Da dieses allerdings aus Gründen der Befähigung nicht zu erwarten ist, werden wir Reisebürofossilien uns anpassen müssen. Im ex Verkkaufsraum 12 Selbstbedienungsautomaten zum selbstbestimmten Best-price daddeln gegen Münzeinwurf, und im Hinterzimmer nostalgische Besichtigung für kleine Gruppen, eines human besetzten Counters. "Bitte nicht berühren", "lasst doch mal die Kinder nach vorne, die kennen sowas doch gar nicht mehr!", "Papi, was macht der Mann dort?" - "Er schaut sich den Malus an, mein Sohn!" - "Was ist ein Malus, Papi?" - "Daumenschrauben für Fossilien, mein Sohn."

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