Urheberrecht

Der Anfang vom Ende der Panoramafreiheit

Die EU erwägt eine Änderung des Urheberrechts. Die so genannte Panoramafreiheit soll eingeschränkt werden. Fotos, auf denen Gebäude oder Kunstwerke zu sehen sind, sollen danach nur noch mit Genehmigung der Rechteinhaber kommerziell genutzt werden dürfen. Das könnte Folgen für Reisende und Touristiker haben.

von Philipp Dudek, 29.06.2015, 16:50 Uhr

„Nicht fotografieren! Das ist ein Kunstwerk.“ Vor etwa zehn Jahren hat mir eine Bekannte in Paris mit diesen Worten den Fotoapparat aus der Hand gerissen. Gerade hatte ich noch auf den nächtlichen Eifelturm angelegt. Jetzt musste ich mir einen Vortrag über die Panoramafreiheit anhören.

Panoramafreiheit bedeutet: Was im öffentlichen Raum steht, darf fotografiert werden – eine vom Gesetzgeber verankerte Einschränkung des Urheberrechts. Architektonische Highlights, Kunstwerke in der Fußgängerzone, beleuchtete Wahrzeichen: Darf alles abgelichtet und zu privaten und gewerblichen Zwecken genutzt werden. Zumindest in Deutschland ist das selbstverständlich. Nicht so in Frankreich.

Da gilt der nächtlich erleuchtete Eiffelturm als Kunstwerk, eine gewerbliche Abbildung ist grundsätzlich genehmigungspflichtig. Und mit Zahlungen an die Betreibergesellschaft Sete verbunden. Insofern hatte meine Bekannte damals natürlich nicht Recht. Zum Privatvergnügen darf ich auch in Frankreich alle öffentlichen Gebäude fotografieren. Eine Panoramafreiheit wie in Deutschland gibt es bei unseren Nachbarn aber trotzdem nicht. Genauso wenig übrigens wie in Italien, Belgien und Griechenland.

Das Europaparlament arbeitet derzeit daran, das Urheberrecht in ganz Europa zu vereinheitlichen. Aus einem Bericht des EU-Parlaments zur anstehenden Reform geht hervor, dass diese Freiheit eben nicht einheitlich wie beispielsweise in Deutschland und in Polen gewährt, sondern wie in Frankreich eingeschränkt werden soll.

Für alle, die privaten Fotos im Internet teilen, könnte eine solche Reform des Urheberrechts Folgen haben. Betroffen wären also nicht nur Medienschaffende, professionelle Fotografen oder die Macher und Unterstützer der Wikipedia, sondern auch ganz normale Urlauber. Und eben auch viele Touristiker.

Wer etwa ein Foto bei Facebook hochlädt, stimmt automatisch einer kommerziellen Nutzung zu und erklärt, alle erforderlichen Rechte am Bild zu besitzen. Fotos vom letzten Fam Trip auf der Reisebüro-Fanpage? Selbst geschossene Bilder eines Hotels auf der eigenen Homepage? All das wäre rechtlich zumindest problematisch.

Noch dramatischer wären die Auswirkungen unter Umständen für Reiseveranstalter und Destinationen. Sie müssten für Kataloge und Werbebroschüren erst herausfinden, ob die abgebildeten Objekte urheberrechtlich geschützt sind, und anschließend entsprechende Nutzungslizenzen aushandeln. Auch Reiseblogger hätten an dem neuen Urheberrecht zu knabbern. Nur ein Werbebanner auf der Seite, schon zählen sie zu kommerziellen Nutzern der Fotos.

Müssen wir nun also fürchten, dass uns Architekten und Künstler wegen eines harmlosen Urlaubsschnappschusses zur Kasse bitten? Eher nicht. Aber alle, die Fotos teilen oder veröffentlichen wollen, sollten auf der Hut sein. Massen-Abmahnungen wegen Urlaubsfotos bei Facebook werden zwar nicht im Sinne der EU sein. Aber der Druck, die Urhebergesetze der Mitgliedsstaaten zu reformieren und im Sinne eines digitalen Binnenmarktes zu vereinheitlichen ist groß. Der Bericht, der in den vergangenen Tagen so für Wirbel gesorgt hat, ist noch kein Gesetz. Am 9. Juli wird das Plenum des Europaparlaments darüber abstimmen. Er soll der EU-Kommission Richtlinien für Vorschläge zur Urheberrechtsreform vorgeben – und könnte das Ende der Panoramafreiheit einläuten.

Kommentare

von Judith Hoppe, 29.06.15, 17:16
Auf Change.org gibt es eine Petition zu dem Thema, die das Ende der Panoramafreiheit in der EU noch verhindern wwill: https://www.change.org/p/european-parliament-save-the-freedom-of-photography

von Siegfried Egyptien, 09.07.15, 19:03
Vor etlichen Jahren habe ich mit dem brasilianischen Architekten Oscar Niemeyer genau das Thema der Panoramafreiheit besprochen. Da verschiedene seiner Werke öfters in Reiseprospekten auftauchen, möchte ich hier seine damalige Meinung dazu, die sich sicherlich nicht gewandelt hat, wiedergeben. Fast wörtlich sagte er: " Ich wäre doch mit Stacheldraht und Pflastersteinen gepudert, wenn ich Leuten verbieten wollte, Bilder meiner Werke zu veröffentlichen. Jedes Foto, was von meinen Werken gemacht wird, ist Werbung für mich! Und Profifotografen machen die besten Fotos - sind die besten Werber!" Und zu guter Letzt: Das Thema Beschränkung der Panoramafreiheit ist erfreulicherweise vom Tisch. Das europäische Parlament hat der Einschränkung der Panoramafreiheit eine deutliche Absage erteilt. Mehr dazu von Julia Reda: https://juliareda.eu/2015/07/eu-parlament-verteidigt-die-panoramafreiheit-fordert-urheberrechtsreform-2/

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