Umwelt

Wer zahlt für Nachhaltigkeit?

Wir Deutschen lieben Müll trennen, saubere Natur, erneuerbare Energien und Bio-Lebensmittel. Aber warum verkaufen Reisebüros kaum nachhaltige Urlaubsreisen?

von Klaus Hildebrandt, 01.06.2011, 12:04 Uhr

Viele kleine Veranstalter, die sich im Forum Anders Reisen zusammengeschlossen haben, sind in der Nische mit umwelt- und sozialverträglichen Reisen aktiv. Die Großen mischen ebenfalls mit: So zeichnet die TUI schon seit Jahren Hotels als Umweltchampions aus und hat sogar eine eigene Beratungsfirma für Hotels, die Energie sparen und etwas für die Umwelt tun wollen. Auch andere Veranstalter punkten mit einem aktiven Umwelt-Management, dazu kommt Futouris als übergreifende Nachhaltigkeitsinitiative.

Doch viele Deutsche sind offenbar kaum bereit, für Nachhaltigkeit einen Aufpreise zu bezahlen, so zumindest das Fazit einer Diskussion auf dem Deutschen Skål-Tag in Darmstadt. Auch die Möglichkeit zur freiwilligen CO2-Kompensation bei Flugreisen wird kaum genutzt. Und während selbst Hardcore-Discounter wie Aldi und Lidl fröhlich Bio-Produkte verkaufen, ist die Kompetenz der Reisebüros auf diesem Gebiet oft gering, wie etwa ein "Mystery Shopper" der fvw im vergangenen Jahr zeigte und die Umweltbeauftragten der Veranstalter selbst beklagen.

Ein bisschen ist es wie mit der Henne und dem Ei: So ist DRV-Präsident Jürgen Büchy, wie er in einem fvw-Interview sagte, absolut überzeugt, dass der Megatrend Nachhaltigkeit in der Reisebranche in den nächsten Jahren viel stärker zum Tragen kommt. Aber Reisebüros hätten zu wenig Informationen und keine Orientierung über ein Gütesiegel für den Verkauf. Da könnte vielleicht das geplante CSR-Siegel (CSR steht für corporate social responsibility) für Reisebüros helfen, dass das Forum Anders Reisen zusammen mit der Organisation Tourcert schon für Veranstalter eingeführt hat (fvw 10/2011, S.14).

Rund 20 Prozent der Kunden seien an dem Thema Nachhaltigkeit auf Reisen interessiert, sagt Forum-Geschäftsführer Johannes Reißland. Das Problem: "Viele Kunden haben heute gar nicht die Erwartung, dass es derartige Angebote im Reisebüro gibt", sagt Futouris-Vorstand und Gebeco-Manager Jens Hulvershorn. Aber vielleicht gelingt es ja mit vereinten Kräften, daran etwas zu ändern. Immerhin vertreibt Derpart jetzt aktiv den "Reiseperlen"-Katalog des Forums Anders Reisen und will sich damit profilieren. Schließlich sind diese Reisen längst aus der Öko-Ecke heraus, die bionadetrinkenden "Lohas" mit einem nachhaltigen und genussorientierten Lebensstil eine kaufkräftige Kundschaft.

Kommentare

von Herbert, 01.06.11, 13:51
Wohl kein Kunde lehnt nachhaltiges Reisen explizit ab, sondern er erwartet einfach zunehmend, dass die Reiseangebote heutzutage entweder schon einigermaßen nachhaltig sind, oder sich zunehmend auf dem Weg dorthin befinden. Nur wenige sind aber wohl bereit, ihr "Nachhaltigkeitsbewusstsein" aktiv in einem Beratungsgespräch zu artikulieren und dann womöglich noch einen höheren Preis, oder, deutlicher noch, explizit die Zahlung eines "Nachhaltigkeitszuschlags" zu akzeptieren; er könnte sich ja sonst als "Oeko-Freak" outen, und das will er nicht, wenn er nicht gerade in gammeligen Shorts und Birkenstock-Sandalen zur Buchung erscheint. Und: warum muß Nachhaltigkeit gleich teurer bedeuten? Könnte es nicht auch umgekehrt sein? Weil man nicht umgekehrt - wie das früher durchaus noch üblich war, auf teure, nachhaltigkeitsschädigen Komfort Zuschläge verlangen. Ich könnte mir vorstellen, dass das angesichts des veränderten Nachhaltigkeits-Bewusstseins vieler Menschen heutzutage durchaus zum Nachdenken führen könnte. Oder man lässt Kunden ganz subtil Nachhaltigkeit spüren, wie zum Beispiel Oberstaufen mit seiner DTV-prämierten OberstaufenCard, oder auch die Orte der Alpine Pearls, durch die selbst ein "nicht-nachhaltig" anreisender Gast vor Ort spürt, wie angenehm ein für jedermann nachhaltig gestaltetes Produkt sein kann. Und übrigens: Seit 1987 bereits vergibt der DRV jährlich seinen Umweltpreis, die Ecotrophea, allerdings stets an einzelne Projekte, nicht leider nicht immer "massentourismustauglich" sind, also vom Kunden nur selten bemerkt werden.

von Klaus Hildebrandt, 01.06.11, 14:21
@Herbert: Die Beispiele aus den Alpen sind gut. Nachhaltigkeit im Urlaub soll ja Spaß machen und ist m.E. längst aus der Ecke der gammeligen Shorts und Birkenstock-Sandalen heraus. Die Alpine Pearls haben auf dem Welt-Tourismusgipfel sogar einen der renommierten Tourism-for-Tomorrow-Awards gewonnen : http://www.fvw.de/vorzeigeprojekt-alpine-pearls/393/89228/11180

von Christopher Schreiber, 01.06.11, 14:21
Nachhaltigkeit nehmen wir, volkswirtschaftlich betrachtet, als Gemeingut wahr. Es ist und sollte vorhanden sein, wir verhalten uns typisch als Trittbrettfahrer. "Es bezahlt schon jemand diese Nachhaltigkeit und setzt sich dafür in unserem Sinne ein, warum soll ich das denn auch noch bezahlen" Warum sollte der Kunde das bezahlen? Er nutzt es ja bereits oft passiv. Wenn Go Green Pakete oder Briefe von der Deutschen Post oder DHL verschickt werden, dann nimmt der aufmerksame Kunde das ggf. positiv auf, vielleicht sieht er einen kleinen Mehrwert, aber auch keinen kaufentscheidenden. Wie oft wird diese Emissionszulage auf freiwilliger Basis bei Flugbuchungen von Kunden angeklickt? <1% ?! Der Kunde ist und wird auch in den kommenden Jahren nicht dazu bereit sein im Tourismus für Nachhaltigkeit zu zahlen, ja, eher drauf zu zahlen. Er wird es mehr und mehr als selbstverständlich betrachten und der Veranstalter wird seine Ausgaben für Öko-Projekte entsprechend umlegen, oder wie werden sonst Projekte wie Futouris finanziert? Bestimmt nicht über Spenden der Führungsriege ... Also, der Trend geht zur CSR, aber der Kunde geht nicht gewollt mit, er wird einfach mitgenommen und bekommt es vielleicht mal irgendwann mit!

von Herbert, 01.06.11, 14:48
@ Klaus: Alpine Pearls hat auch die DRV-Ecotrophea 2008, die hierzulande vielleicht noch eher wahrgenommen werden sollte - wenn, ja wenn darüber mewhr geschrieben und geredet würde...

von Klaus Hildebrandt, 01.06.11, 15:30
Auch wenn der Kunde wenig zahlen möchte, für Hoteliers zahlt sich Umweltschutz aus. Hier zwei aktuelle Pressemitteilungen: Für das Heizen der 70 Zimmer und Suiten und die Gewinnung von Heißwasser gewinnt das Hotel Barceló La Bobadilla in Andalusien den Brennstoff aus Kernen der hoteleigenen Olivenbäume. Und im Iberotel Sarigerme Park in der Türkei wird nun die innovative Klimatisierungstechnologie "Variable Refrigerant Volume“ genutzt, die in dem mehrfach als Umweltchampion ausgezeichneten Hotel den Energieverbrauch weiter reduziert.

von Robert, 01.06.11, 15:47
Das Umweltbewusstsein der deutschen Kunden existiert nur in den Medien. Bestes Beispiel: Benzin E10 gut für den Umweltschutz - niemanden interressiert der Umweltschutz - es will niemand haben ! In anderen Ländern ist dies übrigends gar kein Thema - Frankreich hat schon seit vielen Jahren E10 und keiner regt sich dort auf !

von Roland Delion, 01.06.11, 16:35
In erster Linie wollen die Menschen, die ins Reisebüro gehen oder einen Veranstalter Kontaktieren, eine Reise buchen. Nachhaltigkeit ist ein Verkaufsargument von vielen und eher am Ende der Argumentationskette angesiedelt. Sehr gut verkaufen sich Reisen, wenn sie in den Produktleistungen implementiert sind. Miller Reisen geht da mit gutem Beispiel voran: http://www.miller-reisen.de/Reisen.Brasilien.Kleingruppen-Reisen.13595.html (letzter Punkt der Leistungsbeschreibung)

von Petra, 01.06.11, 16:43
Wer heute noch denkt, dass Nachhaltigkeit kein Thema ist und auch die Kunden so einschätzt, dass Sie nicht bereit sind in angemessenem Rahmen dafür zu bezahlen hat wohl den Zug der Zeit versäumt. An meiner Universität gibt es eine Wissensinitiative (fachlicher Schwerpunkt) der das Thema Nachhaltigkeit aus der unterschiedlichsten Perspektiven beleuchtet. Allein hierfür gibt es 25 Professorinnen und Professoren. Auch Stelle ich in meiner Vorlesung zum Tourismusmanagement immer wieder fest, dass Studierende dieses Thema mit hoher Priorität belegen. Das ist die nachwachsende Generation und auch heute schon wichtiger Kaufentscheider.

von andreas, 01.06.11, 17:00
Solange sich Reisebüroketten, Veranstalter oder auch Reisefachblätter 1-3 Tagestouren für Treffen hochklimatisierten Hotelkonferenzräumen leisten (diese uU kaum verlassen) ist diese ganze Debatte ein großer Lacher !

von andreas, 01.06.11, 17:03
...und zu diesen Konferenzen FLIEGT man selbstverständlich ! Wirklich bedauerlich, dass wir keine geeigneten Hotels in Deutschland haben...(?)

von Christopher Schreiber, 01.06.11, 17:04
@Petra: Ich genieße seit sechs Semestern auch in meinem BWL/Tourismus-Studium zahlreiche Vorlesungen zu CSR und Nachhaltigkeit, aber dennoch weiß ich auch, wie die Praxis im touristischen Vertrieb aussieht und bislang schätzt der Kunde diesen Mehrwert, aber wie gesagt er schätzt ihn. Er wird ihn nicht freiwillig bezahlen und den einen Leistungsträger dem anderen nicht vorziehen nur aufgrund seiner Bemühungen im ökologischen Sinne. Diese Vorstellung existiert bislang nur in der Wissenschaft und Lehre, in der touristischen Praxis sind wir davon noch weit entfernt!

von thomas, 02.06.11, 13:48
Wir denken "Nachhaltikeit" sollte sich selbst rechnen, allensfalls einen zusätzlichen Marketingeffekt haben. Wir denken die Investionen muessen sich direkt betriebswirtschaflich rechnen. "Moralisch und visionaere Ansaetze" wuerden nur eine zu kleinen Interessentenkreis ansprechen. Nachhaltigkeit muss sich rechnen und dadurch zur Sebstverstaendlichkeit werden. Dies finden wir eine gute Bussinesidee, die wir in den naechsten 3 Monaten abchecken werden Frage an die Community: Wer hat Kontakt zu entsprechenden Produkten? Wer hat Kontakt oder Ideen zu den potetiellen Nutzern (Hotelinvestoren)? Wer hat Kontakt bzw Ideen zu Mulitplikatoren, wie Presse, Verbaende etc? Gespannt auf Euer Feedback Gruss Thomas

von Wolfgang Hoffmann, 04.06.11, 11:39
ein hohler Begriff, dieses "Nachhaltigkeit". Ich bringe das mit Wellness- oder Kururlaub in Verbindung. Denn die Nachhaltigkeit sollte schon den Verbraucher betreffen. Einen Kunden kann man nur überzeugen, dass das Geldausgeben ihm persönlich nutzt. Alles andere ist Gutmenschengedusel. Bei der QTA Tagung in Salzburg Freitag, 30.September bis Sonntag, 2. Oktober 2011 wird - jedenfalls seitens der teilnehmenden Schmetterling Kooperation - dieser Aspekt in Verbindung gebracht mit den zur Neige gehenden Energieressourcen, werden Wege erarbeitet, wie die Reisebüros sinnvolle Angebote verwalten können und wie der Verbraucher sich selbst als Dreh- und Nabelpunkt einer neuen touristischen Idee sieht..., und das nachhaltig!

von Ute Linsbauer, 06.06.11, 12:14
„Ist der Kunde bereit, mehr zu zahlen?“ Letztlich geht es bei dieser Diskussion wieder um die Frage, ob es sich für das Unternehmen lohnt, in Nachhaltigkeit zu investieren. Dabei bleibt auf der Strecke, worum es eigentlich geht: nämlich darum, zukunftsfähige, langfristig ökologisch, ökonomisch und sozial tragbare Produkte und Unternehmen zu schaffen. Die Frage ist doch: Was lernen wir aus den Krisen, die uns in immer kürzerer Frequenz überrollen: Klimawandel, Wirtschaftskrise, Umweltkatastrophen. Angesichts dieser Entwicklungen ist die Frage nach dem finanziellen Nutzen nachhaltiger Produkte kurzsichtig. Und selbst ohne ganzheitliche Betrachtung lohnt es durchaus häufig, nachhaltig zu wirtschaften. So belegen die Wirtschaftszahlen der forum anders reisen-Veranstalter ein Wachstum von durchschnittlich 11% im Jahr 2010 – deutlich höher übrigens als bei far-externen Veranstaltern vergleichbarer Größe (vgl. Pressemitteilung vom April 2011, http://forumandersreisen.de/presseartikel.php?id=6128). Es gibt also ganz real zahlreiche Kunden, die umwelt- und sozialverträgliche Reisen buchen möchten, sofern ihnen die Nutzen bekannt sind. Und der Markt wächst weiter an. Es lohnt sich also, auf Nachhaltigkeit zu setzen. Als Unternehmen, als Mensch, als Reisender. Freundliche Grüße aus Freiburg Ute Linsbauer Presse- und Öffentlichkeitsarbeit forum anders reisen e.V.

von Sina, 06.06.11, 14:52
Oft schliesst die Inkludierung eines Fluges die Nachhaltigkeit einer Reise von vorne herein aus. Dennoch sind nachhaltige Reisen moeglich und v.a. wichtig. Und ich bin fest davon ueberzeugt, dass diese frueher oder spaeter auch vermehrt nachgefragt werden - auch gegen einen Aufpreis. Die komplette Tourismus-Branche wird endlich erkennen muessen, dass die Produkte bzw. der Service der verkauft wird, langfristig nachhaltig gestaltet werden muessen, um zukuenftig Gewinne zu erwirtschaften. Ein zerstoertes Korallen-Riff oder ein mit Muell-beladener Trekking-Pfad laesst sich langfristig nicht kommerziell vermarkten und wird mit sinkender Nachfrage bestraft. Und ich selbst ertappe mich dabei, meine sonst Bio-orientierten Konsum-Gedanken ueber Bord zu werfen, sobald ich meine naechste Reise plane. Die grosse Mehrheit der Konsumenten verbindet Urlaub mit Sorgenfreiheit und Alltags-Abstand. Die relativ grosse Menge an Geld die dabei aufgewendet wird, traegt leider nicht dazu bei, sich NOCH NICHT auf Nachhaltigkeitsdebatten einzulassen. Der Erfolg der FAR-Mitglieder ist erfreulich, auch wenn v.a. die grossen Veranstalter endlich in eine ehrliche und nachvollziehbare Nachhaltigkeits-Debatte einstimmen muessen. Freundliche Gruesse, Sina

von Danica, 14.06.11, 11:47
Dass das Thema „Nachhaltigkeit“ auch in den Reisebüros immer wichtiger wird, demonstriert die große Nachfrage seitens der Expedienten nach den green travel bridge Online-Schulungen. Die green travel bridge stellt den Reisebüros seit März diesen Jahres monatliche Lernmagazine zu den Themen „nachhaltiges Reisen“ und „CSR“ kostenlos zu Verfügung. Wir selber sind von den hohen Anmeldungszahlen für die Schulungen überrascht. Auch wenn der Reisebürokunde momentan vielleicht noch nicht direkt im Reisebüro nach nachhaltigen Produkten fragt, so kann er doch meist von gut ausgebildeten Expedienten vom Mehrwert einer nachhaltigen Reise überzeugt werden. Wichtig ist, das Thema den Expedienten nahe zu bringen und zwar praxisorientiert, so dass sie ihr Wissen in ihren täglichen Verkaufsgesprächen nutzen können. Nachhaltigkeit ist kein Trend, sondern eine Lebenseinstellung, die sich in den kommenden Jahren auch in der Reisebranche ihren Platz schaffen wird. Mehr Informationen zur green travel bridge sowie ein Link zu den Schulungen findet sich auf www.greentravelbridge.de Weitere Fragen zur Initiative bitte gerne an: huesken@greentravelbridge.de Herzliche Grüße, Danica Hüsken green travel bridge

0

Informativ, spannend, subjektiv: Abonnieren Sie den RSS-Feed für den fvw Blog und bekommen Sie ungewöhnliche Einblicke in die Touristik.

 
Folgen Sie uns:
Top
© 2018 FVW Medien GmbH, Alle Rechte vorbehalten
Über uns FAQ Impressum AGB Datenschutz Kontakt Mediadaten