Umsatzsteuer, Hotellerie

Noch nicht ganz ausgeschlafen

Nun wackelt sie also wieder, die Umsatzsteuer-Reduzierung für die Hotellerie. Wieso eigentlich jetzt erst?

von Dirk Rogl, 23.11.2009, 11:17 Uhr

Es ist nicht gerade ein Wunder, dass ein finanziell gebeuteltes Bundesland wenig Interesse an sinkenden Umsatzsteuer-Einnahmen hat. Es ist aber nicht allein Schleswig-Holstein, dass die Umsatzsteuersenkung der Hotellerie ins Schwanken bringt.

Das Projekt der schwarz-gelben Koalition ist gut gemeint, echten Jubel hat es aber kaum hervor gerufen. Die Liste der Probleme ist lang. Einige Beispiele:

Erstens: Der einflussreiche Hotel- und Gaststättenverband Dehoga etwa jubelte pflichtgemäß über die Umsatzsteuersenkung, muss diese nun aber der Mehrheit seiner Mitglieder erklären. Das sind nicht etwa Hotels, sondern Gastronomen. Die Unterscheidung dieser Sparten vor dem Fiskus stellt den Dehoga vor eine kleine Zerreißprobe. Die Neiddebatte ist im vollen Gang.

Mehr noch: Auch der Fiskus weiß noch nicht, wie er das Steuergeschenk sauber trennen soll. Dabei geht es nicht nur um die heute in den Tageszeitungen genüßlich zitierten Mehrwertsteuersätze für Frühstück, die Minibar und die Erdnüsse auf dem Zimmer. Im Vergleich zum Geschäftsbereich Meetings und Events sind das für die Hotellerie wahre Peanuts. Denn gerade im Tagungsgeschäft laufen die Leistungen Übernachtung und Gastronomie quasi nahtlos zusammen.

Zweitens: Auch der Geschäftsreise-Verband VDR hielt sich mit offemherzigen Jubel bislang zurück. Die Hotellerie hatte früh genug Signale gegeben, dass man die gesenkte Umsatzsteuer lieber in die eigenen Häuser reinvestieren wolle, statt das Geld über sinkende Bruttopreise an den Kunden weiter zu geben. Das würde aber heißen, dass die Nettopreise vor Steuern unter dem Strich steigen. Und nur der Preis vor Steuern interessiert den Firmenkunden. Für die auf Sparsamkeit getrimmten Travel Manager wären steigende Hotelraten eine Horrorvorstellung.

Noch ist in Sachen Hotelbesteuerung nichts entschieden. Einiges deutet darauf hin, dass dieser schwebende Zustand noch einige Zeit andauern wird. Was meinen Sie? Wird die Umsatzsteuersenkung für die Hotellerie ein Rohrkrepierer? Oder macht sie Sinn und führt letztendlich doch zu einer spürbaren Belebung des Geschäfts?

Kommentare

von Wolfgang, 23.11.09, 13:05
Man darf gespannt sein, wie die FDP aus diesem von ihr selbst provozierten Schlamassel herauskommen wird: Weil sie ihr Maul - nicht nur in dieser Frage - vor der Wahl viel zu weit aufgerissen hat, die Union aber mangels Masse strikt dagegen war, hat sie sich mit dem, wie sich jetzt herausstellt, stinkfaulen, unüberlegten, realitätsfernen MwSt-Kompromiss der Beschränkung auf die reine Übernachtung zufrieden geben müssen, um kurzfristig ihr Gesicht gegenüber ihren stark FDP-geprägten Wählern der Hotel- und Gastsstättenbranche zu wahren. Wenn dieses "Ding" jetzt aufgrund der Macht des Faktischen platzt, dann darf man gespannt sein, wie sie sich herausredet. Das wird nur die erste politische FDP-Pleite sein, der - ich wette darauf - noch weitere Peinlichkeiten des neuen Berliner Kuriositäten-Kabinetts folgen werden. Für die Dehoga bzw. ihre Branche ist jetzt jedenfalls das Chaos, vielleicht auch schon der Schaden perfekt: Namentlich die VDR-Mitglieder fordern, mangels Inflation konsequenterweise eine volle Preisreduzierung von 12% auf die bereits für 2010 verhandelten Preise; die Hoteliers hatten wohl selbst nicht daran geglaubt, dass die FDP sich (schein)durchsetzt, und sie agieren jetzt völlig unvorbereitet wie aufgescheuchte Hühner. Catch as catch can ist dort jetzt wohl angesagt, denn dass in dieser Branche jetzt eine einheitliche Linie gefahren werden wird, das halte ich für ziemlich ausgeschlossen.

von Markus Luthe, 23.11.09, 14:07
Der Tourismusstandort Deutschland hat die im schwarz-gelben Koalitionsvertrag enthaltene Aufwertung mehr als verdient. Die deutsche Hotellerie wird endlich auf Augenhöhe mit ihren Wettbewerbern in Europa konkurrieren können. Davon wird nicht nur der Deutschland-Tourismus in seiner Gesamtheit profitieren, es wird auch ein spürbarer konjunktureller Impuls induziert. Natürlich erwartet die Hotellerie, dass Zusagen eingehalten werden und der Koalitionsvertrag umgesetzt wird. Schließlich sind in der öffentlichen Debatte auch keinerlei neue Argumente aufgetaucht. Die Hotellerie hat ferner volles Vertrauen, dass Politik und Verwaltung zu den aufgeworfenen Detailaspekten rechtssichere Umsetzungsvorschriften vorlegen werden. Selbstverständlich sichert die Branche bei temporären Umstellungsproblemen mit bewährten Vertriebspartnern auch partnerschaftliche Lösungen zu.

von Rick, 23.11.09, 14:27
Beim Argument Wettbewerbsfähigkeit frage ich mich immer, warum Deutschland im Moment in Europa so gut dasteht. Platz 1 bei den Übernachtungen (vor Spanien), Platz 2 bei der Entwicklung der Übernachtung mit einem klitzekleinen Minus (danach geht es steil bergab...). Die Ungleichbehandlung in der Gastronomie ist da deutlich größer, da sie im Inland gegenüber dem Lebensmittelhandel besteht. Aber war da nicht sowieso mal was, das der ermäßigte MwSt-Satz nur das soziokulturelle Minimum freistellen soll? Da fallen Hotelübernachtungen und Restaurantbesuche meiner Ansicht nach nicht rein. Großreinemachen wäre eher angesagt beim Umsatzsteuersystem, aber das traut sich dann doch keiner... P.S.: Hat jemand darüber nachgedacht, dass such viele Deutschlandreiseveranstalter, Tourismusorganisationen und Incoming-Agenturen Probleme bekommen? Die kaufen für 7% ein und müssen für 19% verkaufen...

von Wolfgang, 23.11.09, 16:14
Hallo Rick: natürlich hat da keiner über die Folgen nachgedacht - es musste irgendwie der Koalitionsvertrag bei Nacht und Nebel unter Dach und Fach gebracht werden. Und Markus Luthe: Was sollen Sie als Hotelverbandsvertreter schon anderes sagen? Sie gehen natürlich davon aus, dass es die FDP schon noch richten wird. Nicht nur die Zeichen aus Schleswig-Holstein (CDU/FDP-Koalition) deuten in eine ganz andere Richtung. Ich würde Ihnen bzw. den Hoteliers ja eine Lösung von ganzem Herzen wünschen. Aber ich sehe dafür nur noch schwarz(gelb)!

von Wolfram Schneppe, 23.11.09, 17:47
Es fällt wirklich schwer, das monotone Geblubber irgendwelcher Interessensverbände und Lobbyistengruppen wie der ach so sehr gebeutelten pharm. Industrie, unserer leidenden Ärzte oder eines Hotel- und Gaststättenverbandes zu ertragen. Richtig, Rick, das klitzekleine Deutschland ist nicht nur Exportweltmeister, sondern hat erstaunlicherweise selbst Spanien im Tourismus überholt. Bravo! Wer hätte das gedacht. Dennoch tönt sogleich dumpf der Ruf nach Gleichberechtigung, höre ich heute morgen in irgendwelchen Nachrichten von gemeiner Ungleichheit zwischen Deutschland und Nachbarn wie Österreich, der Schweiz oder Dänemark. War da nicht etwas? Sind wir bisher tatsächlich zum Billigurlaub nach Österreich gefahren, weil unsere MwST-Sätze zu hoch sind? Deregulierung sollte es heissen und nicht in keiner Weise nachvollziehbare Bevorzugung einzelner Wirtschaftsgruppen!

von ike, 23.11.09, 20:30
@Rick: Volle Zustimmung! Sie haben es erkannt: Der eigentlich aus "sozialen" Gründen bestehende ermäßigte Mehrwertsteuersatz wird hier von der Lobby-Partei FDP für politische Zwecke mißbraucht - um EINE einzige Branche zu fördern. Wenn sich diese Lobby-Partei durchsetzt, werden wir demnächst die paradoxe Situation haben, dass auf für das Existenz-Minimum dringend nötige Leistungen wie eine Übernachtung im Ritz-Hotel nur 7% Mehrwertsteuer anfallen, während auf das Luxusprodukt "Aldi-Wasser in Flaschen" 19% zu zahlen sind... Dabei verträgt sich eine derartig einseitige sektorale Wirtschaftspolitik doch gar nicht mit den Grundsätzen liberaler Wirtschaftspolitik. Aber na gut: Wer glaubt, dass die deutschen Liberalen liberal sind, glaubt auch, das Zitronenfalter Zitronen falten...

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