Tunesien

Der Tunesien-Kraftakt

Rund 8000 deutsche Urlauber wurden am Wochenende aus Tunesien ausgeflogen – eine Meisterleistung der Reisebranche. Das kann man mal würdigen, oder?

von Klaus Hildebrandt, 17.01.2011, 09:35 Uhr

Als Thomas Cook am Freitag Nachmittag beschloss, die Urlauber zu evakuieren, schüttelten einige Manager der Konkurrenz zunächst noch mit dem Kopf. Schließlich waren im Laufe der Woche sogar noch neue Gäste angekommen. Doch schon wenige Stunden am Freitag später waren sie sehr kleinlaut und begannen ebenfalls, den Rücktransport für das Wochenende vorzubereiten. Dass sich die Situation am Freitag derart zuspitzte und plündernde Horden durch die Straßen zogen, hätte am Vormittag wohl noch niemand erwartet.

Hier von außen zu urteilen, wäre anmaßend: Eine derartige Situation kann jeder Krisenstab auf Basis der Informationen des Auswärtigen Amts und der eigenen Organisation vor Ort so oder so entscheiden. Wichtig ist nur, dass die Veranstalter und ihre Airline-Partner dann in den entscheidenden Stunden konsequent handelten.

Dass alle deutschen Urlauber trotz einiger Verspätungen und Unannehmlichkeiten wohlbehalten nach Hause kamen, ist eine großartige Leistung der Veranstalter. Nach der Aschewolke im Vorjahr hat die Branche damit erneut die Stärken der Pauschalreise unter Beweis gestellt und gezeigt, dass Kunden von Veranstaltern im Notfall immer besser dastehen als Urlauber, die auf eigene Faust reisen. Und wenn mehrere Hundert Urlauber nicht zurückwollen, dann ist es ihre eigene Entscheidung.

Nun hoffen die Veranstalter, dass sich die Situation in Tunesien unter der Übergangsregierung bald beruhigt. Denn sonst kann man die Sommersaison abschreiben. Das wäre auch eine Katastrophe für die tunesische Touristikbranche, zumal das Land auf dem nicht leichten Weg zur Demokratie jeden Euro aus dem Tourismus gut gebrauchen kann.

Kommentare

von Herbert, 17.01.11, 10:01
Was soll man dazu noch kommentieren? Schon wieder eine TOLLE LEISTUNG! Schade, dass die Publikumsmedien das nur als "Nachricht" berichten. Im gegensätzlichen Fall hätte die BILD-Schlagzeile sicher gelautet "Deutsche Urlauber in Todesgefahr allein gelassen". Solche Leistungen sollten zeitnah in einer aufmerksamkeitsstarken DRV-.Pro-Reisebüro-Kampagne" aufgegriffen werden. Regine Sixt und Ihrer Werbeagentur würde da sich etwas Passendes einfallen.

von Dietmar Pedersen, 17.01.11, 11:12
Die Entscheidung der Reiseveranstalter, am Wochenende alle Urlauber aus Tunesien zurückzuholen, war völlig richtig. Wer kann ausschliessen, dass die Unruhen auf die Hotelanlagen übergreifen? Das Anhalten der Transferbusse durch Demonstranten hätte auch schlimmer enden können. Für Tunesien ist die Saison damit gelaufen. Bereits gebuchte Reisen werden in andere Länder umgebucht werden. Und welcher Reisebüromitarbeiter kann jetzt noch guten Gewissens eine Urlaubsreise nach Tunesien verkaufen? Das tut sich doch kein Reisebüro an.

von Horst B., 17.01.11, 13:54
Muss doch auch nicht. Es gibt genügend andere Länder, in denen es schön UND sicher ist. "Diktatorfrau mit angeblich 1,5kg Tonnen Gold ins Ausland geflüchtet"; da weiß doch jetzt auch jeder wo die Kohle geblieben ist. Geld ist nie weg, sondern immer nur bei jemand anderen. Die Aktion der Reiseveranstalter ist normal und sollte als serviceorientierter Dienstleister Standard sein - gut, dass die Presse daraus keine überschwengliche Positiv-PR gemacht hat. Interessant wird sein, wie weit Tunesien wirklich ist und sich von möglichen extremeren Gedankengut bestmöglich distanzieren kann um sich erneut zu einem wertvollen Urlaubsland zu entwickeln. Ausländische Touristen verprügeln, die sicher anhand Aussehen, Pass + weitere Merkmale leicht zu erkennen waren, gehört nicht dazu. Erst schlagen - dann fragen?

von Stefan Werner, 17.01.11, 16:15
@Horst: Ich habe nur gelesen, dass eine Gruppe von schwedischen Wildschwein-Jägern verprügelt wurde, weil die mit ihren Gewehren unterwegs waren und deshalb nicht für "friedliche Touristen" sondern für Milizionäre gehalten wurden. Das ist bedauerlich, aber offenbar ein Einzelfall. Natürlich ist die Lage in Tunesien derzeit unübersichtlich, und die Evakuierung war richtig. Aber es gab auch viele Kunden, die nach ihrer Rückkehr die Arbeit der (tunesischen) Mitarbeiter in den Hotels und bei den Incoming-Agenturen gelobt haben. Ich hoffe jedenfalls, dass das Reiseland Tunesien bald wieder auf die Beine kommt. Wir haben jedenfalls viele Kunden, die dort gerne hinfahren. Und 500.000 deutsche Urlauber bringt man auch nicht mal schnell woanders unter.

von Bernd brümmer, 17.01.11, 16:40
Was ist zur Zeit nur los in unserer "ach so schönen Touristik-Welt" ? Unruhen in Tunesien ! Katzenberger auf Mallorca ! Land unter in Deutschland ! Rainer Langhans im Australischen Dschungel ! Da wünsch ich mich doch weit über´n Ozean und mache 2011 "Meer-Urlaub" auf dem Schiff. Abenteuer - aber sicher ! Und natürlich wünsche auch ich mir, dass Tunesien so schnell wie möglich "wieder gebucht werden kann".

von Marc Saborowski, 17.01.11, 19:26
Die Evakuierung war schon eine gute logistische Leistung der mittlerweile ja Krisen erprobten Beteiligten. Man sollte sich nun auch bei diverse Veranstaltern Gedanken machen, ob man weiterhin Verträge mit Airlines wie Karthago Airlines (landet diese Saison meinen Informationen nach planmässig nicht in Deutschland) bzw. Koral Blue abschliessen soll. Letztere fliegt ja mittlerweile für fast jeden dt. Veranstalter nach HRG,LXR,SSH und RMF. Beide Airlines gehören aber zwei Brüdern der ins Exil geflohenen Präsidentengattin (die mit den 1,5 Tonnen Gold) , denen in Tunesien auch Korruption im großen Stil nachgesagt werden, Nebenbei gehören diesen Brüdern aber auch noch Hotels, Telefongesellschaften und diverse andere Sachen.

von Carsten Kröger, 18.01.11, 15:25
Hallo Herr Saborowski, Karthago Airlines wurde bereits im Jahre 2009 von der Nouvelair übernommen, die sich seit über 20 Jahren mehrheitlich im Besitz des renommierten Unternehmers Aziz Milad befindet. In dieser Transaktion hat Nouvelair ebenfalls die Mehrheitsanteile an Koral Blue erworben. Andere Minderheitsgesellschafter der Koral Blue sind noch die ägyptische Orascom Group (Herr Samih Sawiris) sowie ein kanadischer Investmentfond. Herr Trabelsi besitzt keine Anteile bei Koral Blue. Mit freundlichen Grüßen Carsten Kröger, International Carrier Consult GSA der Koral Blue und Nouvelair in Deutschland

von Marc Saborowski, 18.01.11, 16:08
Hallo Hr. Kröger, danke für die Richtigstellung. Ich hatte meine Angabe aus der Samstagsausgabe des Berliner Kurier und war dann auf wikipedia noch zusätzlich darauf gestoßen, dass KBR als Joint Venture der tunesischen Karthago Airlines mit dem ägyptischen Mischkonzern Orascom entstanden war, über den Verkauf an BJ habe ich auf die schnelle keine Hinweise finden können. Viele Grüße Marc Saborowski

von Marc Saborowski, 21.01.11, 17:36
Hallo Herr Kröger, ich muss mich doch noch einmal an sie wenden. Ich habe doch noch ein wenig im Internet nach Herrn Trabelsi geforscht und selbst auf der Facebookseite von Koral Blue wird auf den 65% igen Anteil von Herrn Belhassen Trabelsi hingewiesen. Stimmt dieses oder wird die Facebookseite nur vernachlässigt geführt? Viele Grüße und ein schönes Wochenende! Marc Saborowski

von Carsten Kröger, 24.01.11, 10:11
Hallo Herr Saborowski, leider kann ich Ihnen nicht beantworten, wer in Facebook eine Koral Blue - Seite aufgebaut hat - auch für die Koral Blue in Cairo war das eine neue Information! Wir werden dieses prüfen! Die Karthago Group mit Belhassen Trabelsi als Anteilseigner hatte in der Vergangenheit tatsächlich ca. 65% Anteile an der Koral Blue. Seit der Übernahme durch Nouvelair ist der Hauptgesellschafter jedoch Herr Aziz Milad. Herr Trabelsi hat keinerlei Einfluß mehr auf das Geschäft von Koral Blue. Mit freundlichen Grüßen Carsten Kröger

von Wolfgang Hoffmann, 24.01.11, 15:36
und schon wieder tröten alle das hohe Lied der Airlines, der Veranstalter... vielleicht mit Recht! Können wir im Reisebürovertrieb aber nicht so recht beurteilen, weil wir am Wochende im Büro gesessen haben, besorgten Eltern Infos geben mussten, ob ihre Tochter mit dem sowieso "dubiosen" Freund noch im Hotel wären oder am Flughafen, oder wieder zurück im Hotel. Wir haben Abflüge und Ankünfte studiert, um dadurch ein Bild zu erhalten, mit dem wir unsere Kunden psychologisch supporten konnten, ...haben alte Seilschaften angezapft, bei den VAs und Airlines, die aber auch nichts genaues wussten..., haben immer wieder zwischendurch Psychologe am Telefon gespielt, die Anrufer in Tunesien informiert, denen vom verstörten Hotelpersonal immer nur "no problem, you'r welcome!" vorgebeten worden ist..., haben uns untereinander abgestimmt, "hast Du was gehört?"... Siehe: http://www.deutschepresse.de/reisebueros-mitten-im-krisenmanagement-pr85999.html Wenn wir schon innerhalb unserer Branche so wenig genannt werden, dann machen wir es uns eben selbst!

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