Tunesien

Das Image der Revolutionäre

Während in Kairo neue Gewalt ausgebrochen ist, meistert Tunesien friedlich den Übergang zur Demokratie. Sollten die Erfinder des arabischen Frühlings dies offensiver für die Tourismuswerbung einsetzen?

von Klaus Hildebrandt, 05.02.2012, 11:41 Uhr

Bei Tourismusgipfeln ist es wie in der Politik: Konkrete Ergebnisse oder gar neue Erkenntnisse sind nicht zu erwarten. Wichtig ist aber die Symbolkraft. Insofern war das Gipfeltreffen der tunesischen Regierung mit hochrangigen Managern von europäischen Veranstaltern am Wochenende ein wichtiges Signal (ausführlicher Bericht hier). Dem Sieger der ersten freien Wahlen, der islamischen Ennahda-Partei, ist bewusst, dass sie in diesem so wichtigen Wirtschaftszweig Vertrauen schaffen muss.

Ich war beeindruckt von dem Auftritt von Ministerpräsident Hamadi Jebali. Er ist so eine Art Nelson Mandela Tunesiens: Unter Diktator Ben Ali saß er 15Jahre im Gefängnis, musste Folterungen und Einzelhaft ertragen. Aber er ist nicht zum Fanatiker geworden, sondern gilt als moderater islamischer Politiker. Vor den Touristikern bekannte er sich klar zu demokratischen Grundwerten und zur Religionsfreiheit.

Aber trotz aller Aufbruchstimmung in Tunis atmete der Gipfel, zu dem viele Top-Manager und die Präsidenten von europäischen Branchenverbänden angereist waren, noch den Geist vergangener Tage: Auf dem Podium eine Riege von Herren mit langatmigen Vorträgen, eine Diskussionsrunde, in der es nicht auf alle Fragen Antworten gab, und ein Begleitprogramm, das organisatorisch verbesserungsfähig gewesen wäre.

Amerikaner hätten das ganz anders inszeniert: Als ein hochemotionales Event, dass die Gäste aus aller Welt vom Geist der Revolution und des „neuen Tunesiens“ inspiriert und selbst nüchtern rechnende Veranstalterchefs und Hotelinvestoren begeistert hätte, alles dafür zu tun, damit der Tourismus wieder auf die Beine kommt. Sören Hartmann, dessen Rewe Touristik größter deutscher Tunesien-Anbieter ist, hat eine klare Meinung. Nach der Facebook-gestützten Revolution müsse das Land seine Imagewerbung verändern „Nicht Steine und Strand, sondern Lifestyle und Emotionen sollten im Mittelpunkt stehen", sagte er mir in Tunis.

Was meinen Sie? Sollten Tunesien und andere arabische Länder offensiv mit ihrer Revolution umgehen? Oder kann die Erinnerung an Straßenschlachten (wie jetzt leider wieder in Ägypten) und Diktatoren eher kontraproduktiv für das Image sein?

Kommentare

von Horst, 06.02.12, 09:05
Solange in einigen norsafrikanischen Ländern die "Partei" Muslimbrüder die Mehrheit erlangt würde ich mich als Touristikverantwortlicher (egal ob vor Ort oder in D.) stark zurückhalten. Urlaub bedeutet Freiheit, Selbstbestimmung, Gleichberechtigung, Offenheit und Toleranz - in einigen Ländern ist diese Bewegungsfreiheit (körperlich & geistig) aufgrund Gefahren und Kriminalität (stark) eingeschränkt. Religiöse Schranken und Barrieren werden m. E. keine Zündkerzen für einen Tourismusboom sein...

von Konstantin Herber, 06.02.12, 15:05
Wie sagt Jebali: Lieber die Hölle der Freiheit als das Paradies der Diktatur! Welch Nachhall, welch Paukenschlag. Wenn Reisen Solidarität wäre, könnte man sie jetzt üben. Aller Anfang ist schwer sagte der Dieb als zuerst den Amboss stehlen wollte. Wir hatten uns an paradisische Zustände gewöhnt.

von Simone Fischer, 06.02.12, 16:57
Wollten wir nicht freie Wahlen in Ägypten? Dort hat man hat frei gewählt und sich entschieden - für die Muslimbrüder... Jetzt entspricht die Wahl nicht den deutschen Vorstellungen - muss sie auch nicht - es ist nicht unser Land. Die Muslimbrüder müssen sich beweisen, denn der Tahir Platz bleibt und die Ägypter ihre Wünsche, Träume, Hoffnungen. Geben wir Ihnen die Chance und steigen herab von unserem hohen Ross, dass alles was anders ist - auch schlecht sein muss.

von Christoph Biallas, 13.02.12, 11:45
Die arabischen Länder sollten ruhig offensiv mit Ihrer neuen Freiheit und dem Aufbruch in eine neue Zeit werben. Aus zwei Gründen: Erstens wird der Druck für die Machthaber stärker, dass es auch dann ein solches Land wird und zweitens teile ich die Meinung von Herrn Hartmann, dass Tourismus auch Lifestyle und Emotionen verkauft. Menschen reisen gerne in Länder, wo Sie Veränderungen sehen und erleben können. Wenn diese Länder dann noch zusätzlich über schöne Strände und Oasen der Erholung verfügen, um so besser: Dann kann man Kultur und Erlebnis noch mit ein paar Tagen am Strand abrunden.

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