TUI

TUI ohne Krawatte

Christian Clemens' großer Auftritt in Dubai: Wie der neue TUI-Deutschland-Chef eine Kulturrevolution von oben plant.

von Klaus Hildebrandt, 08.11.2012, 10:03 Uhr

Revolutionen beginnen in der Politik auf der Straße, in Unternehmen muss der Chef vorangehen. Das meint zumindest Christian Clemens. In einer Titelgeschichte Anfang September hatte die fvw bereits aufgezeigt, wie der Schwede so tickt und dass allzu starre Konzernstrukturen und Förmlichkeit nicht sein Ding sind. Auf der Vorstellung der Sommerprogramme in Dubai wurde das nach außen sichtbar: Clemens betrat in einem Dubai-T-Shirt (das ihm Dubai-Werberin Mara Kaselitz geschenkt hatte) die Bühne und redete (begleitet von einigen Charts) 45 Minuten frei und in inzwischem sehr guten Deutsch über seine Strategie (hier der ausführliche Bericht).

Clemens, dessen Vater aus Österreich stammt und der als Kind lange in Spanien lebte, schilderte ausführlich seinen Lebenslauf inklusive der beiden Kinder (fünf und acht Jahre), wegen der er nach Hamburg gezogen ist, denn nur dort gibt es eine schwedische Schule. Er stellt ganz klar den Kunden in den Mittelpunkt, will die TUI beim Service in die Weltklasse führen (gemessen an der Frage, ob man das Unternehmen seinen besten Freunden empfehlen würde) und legt auf Statussymbole wenig Wert.

Mit seinem frischen Blick stellt er Dinge in Frage: Warum müssen Mitarbeiter in der Kantine den Kaffee bezahlen, Geschäftsführer aber nicht? Sollten die Parkplätze direkt vor der Zentrale in Hannover nicht lieber für umweltfreundliche Autos statt den dicken Karossen der Geschäftsführung reserviert werden? Er bietet allen Mitarbeitern an, ihn nach schwedischer Art beim Vornamen zu nennen, respektiert aber auch, wenn Kollegen lieber beim "Sie" bleiben wollen. Und man müsse einen Plan zur Karriereförderung von Frauen entwerfen, denn diese stellen über 70 Prozent der Mitarbeiter, die Geschäftsführung ist aber rein männlich

Bei den Journalisten kam der Auftritt prima an, die Krawatte scheint in der TUI-Zentrale nahezu abgeschafft zu sein. Doch bei aller schwedischer Lockerheit darf man sich nicht täuschen: Clemens, der manchmal etwas gedanklich abwesend wirkt, ist kein Smoothie, sondern ein erfolgreicher Manager, der auch für harte und schnelle Entscheidungen bekannt ist. Sein Chef, TUI-Travel-Vize Johan Lundgren, hat in einem Video-Interview der fvw deutlich gemacht, dass Clemens den Anteil von differenzierten Produkten und Online-Buchungen hochschrauben soll. Und mindestens drei Prozent Umsatzrendite sind die Messlatte. Doch das bereitet ihm keine Sorgen, mit begeisterten Kunden könne man auch höhere Margen erzielen.

Zumindest hat Clemens in Dubai bei den Publikumsjournalisten, die ihn vorher noch nicht kannten, einen guten Eindruck hinterlassen. Und das neue Touristikjahr ist für den Marktführer gut angelaufen - aber das ist noch der Verdienst von Vorgänger Volker Böttcher.

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