TUI, LTU

Das touristische Erbe der West LB

Die West LB wird zerschlagen. Die Landesbank war in ihrer guten Zeit für nicht weniger als die gesamte Neuordnung der deutschen Touristik verantwortlich. Ein Nachruf.

von Klaus Hildebrandt, 01.07.2011, 13:07 Uhr

Die West LB beherrscht heute die Schlagzeilen der Wirtschaftspresse. Die einstmals riesige, heute kurz vor der Pleite stehende Landesbank wird zerschlagen, übrig bleiben ein kleines Sparkasseninstitut und eine Servicebank. Ich war 1993 noch ziemlich frisch bei der fvw, als es ein alles beherrschendes Thema in der Branche gab: Die West LB kommt! Unter ihrem damaligen Lenker Friedel Neuber wollte die NRW-Landesbank bei der bis dahin mittelständisch geprägten TUI einsteigen. Riesige Aufregung! Neuber wollte die LTU, bei der das landeseigene Institut sich nur beteiligte, um den Standort Düsseldorf zu halten, im so genannten "roten Lager" unterbringen.

Es kam bekanntlich alles ganz anders. Aber wenn man es recht bedenkt, haben die West LB und Neuber die deutsche Touristik völlig neu geordnet: Der Einstieg bei der TUI war die Basis, damit die damalige West-LB-Beteiligung Preussag unter ihrem Chef Michael Frenzel mit dem Kauf von Hapag-Lloyd und TUI-Anteilen in die Reisebranche einsteigen konnte. Auf der anderen Seite bildete sich das "gelbe Lager" aus Neckermann und Condor – vertikale Integration war das Schlagwort der Zeit. Die LTU, mit der alles begann, ist bekanntlich über die Zwischenstation Rewe bei Air Berlin gelandet, die LTU-Veranstalter blieben bei der Rewe. Air-Berlin-Gründer Joachim Hunold war einst Verkaufschef des Düsseldorfer Ferienfliegers und wurde von Neuber persönlich vor die Tür gesetzt. Danach zog er dann seine eigene Airline auf.

Kurz vor seinem Abgang bei der West LB führte ich mit Neuber noch ein Interview für die fvw (um das Interview zu erhalten, dauerte es schlappe vier Jahre, da Neuber sich eigentlich zum Touristik-Engagement gar nicht öffentlich äußern wollte). In dem Gespräch in seinem imposanten Düsseldorfer Büro räumte er ganz offen ein, dass die West LB zufällig und auf Wunsch der Landesregierung zur LTU und damit zur Touristik gekommen war. Insgesamt sah er das touristische Bank-Engagement nach der Neuaufstellung der TUI unter seinem ehemaligen Mitarbeiter Michael Frenzel (der den Konzern ja nun bis 2014 führen wird) aber als durchaus erfolgreich an.

Auch heute noch gehen die Meinungen auseinander: Einige sehen in dem Reise-Engagement der öffentlich-rechtlichen Bank einen Kardinalfehler: Um NRW-Strukturpolitik zu betreiben, wurde mit Brachialgewalt eine bis dahin mittelständisch organisierte Branche aufgemischt. Andere Beobachter wiederum sind überzeugt, dass sich die deutsche Touristik auch ohne West LB neu in industriellen Strukturen geordnet hätte und ausländische Unternehmen wie Thomson dann stärker auf den Plan getreten wären.

Neuber, der auch in der Energie- und Montanindustrie die Strippen im Hintergrund zog, ist 2004, drei Jahre nach seinem Rückzug bei der West LB, gestorben. Nun ist auch die Landesbank, die sich bös verspekulierte, und längst auch ihre TUI-Beteiligung versilbert hat, fast Geschichte.

Kommentare

von Thorsten Amend-Schnaar, 01.07.11, 14:06
Hochmut kommt bekanntlich vor dem Fall. Zahlreiche Banken waren in der Vergangenheit einfach zu gierig. M.E. ist eine Konsolidierung u.a. der Landesbanken längst überfällig - trotz der touristischen Verdienste.

von WOLFGANG HOFMANN, 04.07.11, 21:34
Von 1990 bis 1999 war ich Vertriebsdirektor bei LTU Touristik und habe das auf und ab mitbekommen. 1. Die LTU machte immer Druck mit der Möglichkeit nach München zur LTU-Süd zu verlagern. 2. Finanziell war es wohl immer eng. 3. M.E. stimmt es, dass die West-LB ein Erfüllungsgehilfe der damaligen Landesregierung war, die von der SPD gestellt war. 4. Die Bank hat sich aber zu sehr in das operative Geschäft eingemischt, von dem sie nichts verstanden. Aber sie haben sich auch engagiert, allen voran Friedel Neuber, für neue Wege für die LTU engagiert. 5. Die Fusion mit der TUI wäre eine tolle Sache gewesen. Aber das Kartellamt hatte etwas dagegen. Heute ist die TUI sicher froh, nicht mit einer Airline dieser Größenordnung belastet zu sein. 6. Den Kardinalfehler, was ich der West-LB heute noch übel nehme, machte die Bank nach der Untersagung der Fusion. Es gab keinen Plan B. Die Bank wollte nur ihren Anteil durch Verkauf zurück haben. An sich nichts verwerfliches. Aber die LTU an die damals bekanntermassen marode Swissair zu verscherbeln, war der Todesstoß. Die LTU wurde ausgeplündert, der Swissair ging es nur um kurzfristige Liquidität. 7. Dann wiederholte sich die Industriegeschichte von NRW: Auf Druck (?) und mit erheblichen steuerlichen Anreizen wurde die REWE Gruppe als Gesellschafter der LTU und der LTU Touristik ins Boot geholt. Wobei die REWE als Händler nie ins Produktionsrisiko gehen wollte, das widersprach völlig deren Geschäftskonzept. Ohne ein Finanzexperte zu sein, habe ich die West-LB immer als die Hausbank der SPD Regierung betrachtet. Ohne die Rückendeckung der Regierung hätte die West-LB nie so expandieren können. Da liegt der eigentliche LTU-Skandal. Seitdem habe ich ein großes Misstrauen, wenn Politiker über Geld reden, davon verstehen sie nur begrenzt etwas.

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