TUI Deutschland

Der Schweden-Hammer

Lundgren, Clemens, Weihagen: Schwedische Touristiker geben bei TUI und Thomas Cook den Ton an. Die Hammer-News von gestern – wird die TUI Deutschland jetzt gelb-blau?

von Klaus Hildebrandt, 19.04.2012, 09:25 Uhr

Christian Clemens ersetzt den langjährigen TUI-Deutschland-Chef Volker Böttcher, der künftig für die Spezialveranstalter, Österreich, Schweiz und Polen verantwortlich ist. Und die Rochade geht noch weiter, wie wir gestern vorab auf fvw.de meldeten: Auch Finanzchef Henrik Homann soll eine neue Rolle übernehmen, zudem wird Westeuropa-Chef Bart Brackx abgelöst.

Hinter dem Umbau steckt Johan Lundgren, Vizechef von TUI Travel und europaweit verantwortlich für das bei der TUI "Mainstream" genannte Massengeschäft mit Marken wie TUI, 1-2-Fly, Thomson (UK) oder Fritidsresor (Schweden). Lundgren lernte sein touristisches Handwerkszeug bei Sam Weihagen, derzeit Chef von Thomas Cook, der Lundgren auch gerne als seinen eigenen Nachfolger beim Branchenzweiten gesehen hätte. Und Lundgren wiederum hat Clemens stets protegiert, der im Juli nach Hannover kommt.

Was hat die Schweden-Welle für Folgen? Wahrscheinlich werde es jetzt eine Mittsommernachtsfeier in Hannover geben, neue Büromöbel würden bei Ikea gekauft und die TUI-Kantine serviere nur noch Köttbollar, flachste gestern ein Kollege von mir. Doch eins ist klar: Der Ergebnisdruck dürfte weiter steigen. Schließlich lassen sich Weihagen, Lundgren und Clemens stets in ihren Konzernen als Margenkönige feiern. Im hohen Norden liegen die Umsatzrenditen, gemessen am Betriebsgewinn, zwischen sechs und neun Prozent und damit mehr als dreimal so hoch wie in Deutschland. Denn der Wettbewerb ist in Schweden, Norwegen, Finnland und Dänemark überschaubar, die Winter sind kalt und dunkel und Alkohol teuer – das treibt die Skandinavier förmlich in wärmere Gefilde. Oder haben die Konzerne im Norden das bessere (weil schlankere) Geschäftsmodell und die besseren Manager?

In Hannover muss der Schweden-Hammer wohl erstmal verdaut werden. Was erwarten Sie von dem Personalwechsel bei der TUI?

Kommentare

von Andreas Schulte, 19.04.12, 13:02
nach hiesigen Presseinformationen rumort es in Hannover hinter den Kulissen schon. Die Arbeitnehmervertreter in Aufsichtsrat fühlen sich übergangen. Sie sind der Meinung, dass London nicht einfach Geschäftsführer einsetzen und absetzen kann. Das sei Aufgabe des zuständigen Aufsichtsrats. Man erwägt daher den Gang vors Gericht. Sicherlich wird mit zusätzlichem Margendruck die Qualität leiden. Wie weit die Kunden das mitmachen, wird sich zeigen. Und ob die doch sehr unterschiedlichen europäischen Einzelmärkte so richtig unter ein Zentraldach passen, erscheint mir zweifelhaft. Schaun wir mal.

von Skeptiker, 19.04.12, 13:23
Die Konkurrenz wird zufrieden zur Kenntnis nehmen, dass sich der TUI-Konzern auch weiterhin lieber mit Machtkämpfen beschäftigt als mit Touristik. Man hatte ja schon fürchten müssen, dass das mit der Ära Frenzel zuendegeht, doch diese Gefahr scheint nun erst einmal gebannt. Interessant dabei, dass TUI mal etwas nachmacht, was Cook vormacht, sonst war das ja oft eher umgekehrt. Aber bei länderübergreifenden Strukturen zur "Synergiehebung" und beim Reichschrumpfen, also dem (absehbaren) Verzicht auf Marktanteile zugunsten der Marge, da war man bei TC schneller. Die Wettbewerber werden wohl Popcorn nachkaufen müssen.

von Wolfgang K., 19.04.12, 16:52
Oh, Gott! Gelb-Blau? Das sind doch (auch) die Farben der FDP! Ob die TUI damit nicht auch dem Untergang geweiht ist?

von Sven Bublitz, 20.04.12, 13:44
Also, als Büroeinrichter muss ich doch entschieden protestieren, dass die Büromöbel jetzt nur noch bei IKEA beschafft werden... :-)

von Fritz, 21.04.12, 23:11
Dass die Umsatzrenditen im hohen Norden höher sind, ist offensichtlich: Die Marktsituation in Schweden, Norwegen und Finnland auf der einen Seite und in Deutschland auf der anderen Seite sind allerdings völlig anders geartet! Niemand wird seriöserweise versuchen, die skandinavischen Zahlen auf den deutschen Markt umzulegen! Warum sollte ein fähiger, gut ausgebildeter, erfahrener Manager aus einem anderen Land einen Konzern wie TUI nicht erfolgreich leiten können? Frischer Wind tut immer gut und ein Blick von außen auch! Die skandinavischen Konzerne mit ihren tatsächlich schlankeren Geschäftsmodellen ließen sich in dieser Form in Deutschland oder Österreich nicht realisieren, das ist schon klar. Das weiß aber auch das neue Management, die sind ja nicht weltfremd! Aber an einzelnen Ecken und Enden kann man sich da bestimmt was von den Skandinaviern abschauen! Mittsommernachtsfeier in Hannover? Warum denn nicht: Feiern ist immer gut! Aber bevor es ans Feiern geht: Erst mal das neue Management arbeiten lassen und nicht gleich von vornherein jammern! Ob die Skandinavier generell die fähigeren Manager haben, das lässt sich so pauschal sicher nicht sagen: Was sich aber schon sagen lässt: Das Ausbildungssystem ist in Skandinavien ein sehr gutes und daher ist es kein Zufall, dass viele Manager aus diesen Ländern auch in anderen Branchen in internationalen Spitzenpositionen zu finden sind. Aus welchem Land jemand kommt, sollte in Zeiten von regionaler Integration und globalisierter Wirtschaft sowieso immer weniger eine Rolle spielen. Allein: Die bestmögliche Besetzung für eine Position zu finden, darum geht es!

von Franz-R. Larisch, 24.04.12, 20:06
@Fritz: Völlig einig, genau so ist es!

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