TUI

BGH-Urteil aus einer anderen Zeit

Urlauber mögen erfreut sein, dass Reiseveranstalter künftig ihre Flugzeiten verbindlich festlegen müssen. Reisebüros wird es freuen, dass ihr Angebot verbindlich ist. Kleiner Schönheitsfehler am Rande: Was der Bundesgerichtshof hier entschieden hat, wird in der Praxis nicht funktionieren.

von Dirk Rogl, 11.12.2013, 08:37 Uhr

Es kann nicht per se schlecht sein, wenn ein Gericht im Sinne des Verbraucherschutzes urteilt. Und zugegeben: Was manch Reiseveranstalter seinen Kunden und den diese betreuenden Reisebüros in jüngeren Jahren an Umroutungen und Flugzeitenänderungen zugemutet hat, mag das Maß des Nötigen gesprengt haben. Allerdings: Das gestrige BGH-Urteil zur Bindung der TUI – und damit der gesamten Veranstalter-Branche – an seine bislang "vorläufigen Flugzeiten" greift ins Mark des Veranstalter-Geschäfts.

Aus gutem Grund haben bislang viele Veranstalter eine Klausel in ihren Reisebedingungen, dass sich Flugzeiten kurzfristig ändern können. Es lässt sich kaum verheimlichen, dass dies manchmal aus rein wirtschaftlichen Gründen erfolgt. Stimmt die Auslastung nicht, werden einzelne Charterketten aufgelöst und dafür Kontingente auf anderen Fliegern zugekauft. Das ist eine der Kernaufgaben der Flugdisponenten der Veranstalter. Und dieser Job ist nun merklich in Gefahr. Allerdings: Es sind nicht immer die Effizienzbemühungen der Veranstalter, die eine Änderung der Flugzeiten nötig machen:

Auch Airlines neigen unterjährig zu massiven Änderungen ihrer Flugpläne, und zwar ohne Runde mit den Veranstlatern. Ganze Flüge können verlegt oder gecancelt werden. Auch dies geschieht nicht aus purer Effizienzgier. Landerechte können sich ändern oder Nachtflugverbote verhängt werden. Oder Naturkatastrophen wirbeln die Flugpläne durcheinander. Und in traurigen Fällen, siehe die Insolvenz von Sky Airlines in diesem Sommer, stellt ein Carrier seinen Betrieb ohne vollwertigen Ersatz ein.

Es ist völlig utopisch, dass ein Reiseveranstalter all diese Risiken bereits bei der Veröffentlichung seiner Angebote im Blick hat. Das BGH-Urteil bringt die klassische Produktion von Veranstalter-Angeboten erheblich unter Druck. Und nicht nur das: Selbst bei der dynamischen Produktion, der Bündelung verfügbarer Hotel- und Flugkomponenten in Echtzeit, kann es bislang zu nachträglichen Änderungen kommen. Wenn Veranstalter nicht mehr die Freiheit haben, die zum Zeitpunkt der Buchung verfügbaren günstigsten Flüge in ein Angebot zu packen, so ist dies nicht im Sinne des Kunden.

Was die exakte Konsequenz des BGH-Urteils ist, muss genau ergründet werden. TUI kündigt bereits Preiserhöhungen an. Möglicherweise gibt es aber auch andere Optionen, etwa auf die Nennung von Flugzeiten zum Zeitpunkt der Buchung ganz zu verzichten. Und das BGH erkennt in seiner Urteilsbegründung auch an, dass Flugzeiten "nicht unter allen Umständen exakt einzuhalten" sind. "Ohne sachlichen Grund" sei dies nicht mehr möglich.

Das ist mehr als ein juristisches Hintertürchen, es ist der Wink mit dem Zaunpfahl für die Rechtsanwälte der Veranstalter. Sie werden sich nun daran machen, klopffeste Reisebedinungen zu entwickeln, die komform mit dem BGH-Urteil sind. Ob nun teurere Preise, neue Paragraphen oder intransparente Angebote, im Sinne der Verbraucher ist all das nicht. Das BGH-Urteil ist nicht zeitgemäß. Das Urteil produziert nur Verlierer, inklusive des klagenden Verbraucherzentralen-Bundesverbands.

Kommentare

von Jan-Frederik, 11.12.13, 10:27
Mal unabhängig von den höheren Kosten, die hier prognostiziert werden - es ist ein Unding, dass Urlauber 2013/14 auf deutschen Webseiten bei der Auswahl ihres Urlaubs immer noch weitgehend keine Kontrolle über den Fluganteil haben. Schnäppchen mit dem (bei Zeitpunkt der Buchung unbekannten) Nachteil des Abflugs um 5.30 morgens: nicht zeitgemäss.

von Timo Iserlohe, 11.12.13, 10:38
Es ist ja durchaus legitim Flugzeiten im gewissen Rahmen anzupassen, aber mittlerweile ist es ja schon Usus das der Kunde regelmäßig von morgens hin und abends zurück auf abends hin und morgens zurück umgebucht wird, um die frei werdenden Kapazitäten noch mal schön verkaufen zu können. Ich gehe mal davon aus, dass sowas mit einem wundersamen Automatismus funktioniert!

von Andreas Schulte, 11.12.13, 12:43
Warum ist es nicht im Sinne der Verbraucher, dass, was man kauft, auch zu bekommen ? Wenn man etwas bestimmtes gekauft hat, erwartet man auch genau das und nicht etwas, von dem der Verkäufer meint, dies ginge ja auch. Alle reden immer von Qualität und von auf die Kunden hin optimierten Produkten, meinen anderseits dann aber, die Kunden wie eine Kiste rostiger Nägel behandeln zu können. Das Urteil des BGH ist SEHR zeitgemäß und seit Jahrzehnten überfällig. Der Krug geht halt immer solange zum Brunnen, bis er bricht.

von Jürgen Barthel, 11.12.13, 15:03
Eine Frage, wie sich "Veranstalter" definiert. In der guten, alten Zeit (seufz... ach jaaaa) bekam der Veranstalter günstigere Flugpreise, weil er Garantien abnahm. Planungssicherheit nannte sich das. Dann wurden Flüge "in Teilen" verkauft, aus ausnahmsweisen Rückgaben einzelner Plätze wurde organisierte Überproduktion, die dann bei den Airlines abgeladen wurden, die dann dynamisch Restplätze in den Einzelverkauf stecken mussten... U.s.w. Als Kunde buche ich einen teuren Flug morgens hin, abends zurück um diese Tage "vor Ort" zu geniessen. Und werde dann auf den (jetzt natürlich nicht mehr billigeren) miesen Flug abends/nachts hin und (frühst-)morgens zurück (minus zwei Urlaubstage) gebucht, den ich schon Anfangs nicht wollte... Mit Kindern nochmals ärgerlicher, da sucht man sich nämlich eher einen "passenden" Flug mit gutem Grund... Und das wurde so zunehmend die Regel, dass ich mich selbst (als "Profi") auch schon gefragt habe, ob diese "optimalen Flüge" überhaupt je geplant waren... Oder ein "Wunschkonzert" darstellten: Wer schnell am meisten bucht gewinnt...?

von Martin Pundt, 12.12.13, 13:28
Natürlich bleibt die detaillierte Begründung abzuwarten, aber die Formulierung, dass "ein sachlicher Grund" vorliegen müsse, ist m.E. nicht nur ein Ausgangspunkt für die Rechtsanwälte der Veranstalter solche "sachlichen Gründe" hieb- und stichfest zu formulieren - er sollte auch Anlass für die Veranstalter sein, ihre Produktpolitik dahingehend zu überprüfen, ob sie noch zeitgemäss ist: Es hat möglicherweise der eine oder andere die kurzfristigen wirtschaftlichen Erfolge zu sehr über langfristige Kundenzufriedenheit gestellt. Noch drastischer gesagt: Das Mindesthaltbarkeitsdatum mancher touristischer Qualitätsversprechen ist inzwischen so niedrig, dass wir uns nicht wundern müssen, wenn Gerichte das regeln, was Veranstalter und Kunden im direkten Miteinander so offensichtlich nicht mehr zur beiderseitigen Zufriedenheit geregelt bekommen. Wie andere hier schon kommentierten, besteht ja der Verdacht, dass hier bisher eine Grauzone immer stärker dahingehend ausgenutzt wurde, Kunden einen Mehrpreis für eine Leistung bezahlen zu lassen, die dann nicht erbracht wurde. Na, dann packen wir doch mal ein paar Zahlen auf den Tisch, denn als Anbieter von Flughafenparkplätzen und -hotels sind wir direkt betroffen: Der Anteil unserer Buchungen mit Flugzeitenänderungen liegt heute dreimal so hoch wie noch vor zehn Jahren. Und eine kurze Stichprobe zeigte, dass z.B. im Juli knapp 60% aller uns gemeldeten Änderungen in die Gruppe "alte Abflugzeit VOR 12 Uhr, neue Abflugzeit NACH 12 Uhr" fielen. Vorverlegungen des Abfluges vom Nachmittag auf den Vormittag, sowie Änderungen innerhalb des Nachmittags oder innerhalb des Vormittags kommen dabei jeweils nur auf 10 bis 15%... Ein Schelm, wer Böses dabei denkt... Der obligatorische Hinweis "Reisebüros sollten für die Mehrarbeit in der Kommunikation und Unterlagenerstellung bezahlt werden!" erfolgt in diesem Zusammenhang gerne, ebenso wie der genau so obligatorische Hinweis darauf, dass eine geringere Flexibilität der Airlines und Veranstalter, nachfrageschwache Flüge zu konsolidieren, natürlich wieder mal zuerst die Regionalflughäfen trifft - oder wer glaubt etwa, dass z.B. Frau Muller in Kassel-Calden das Urteil rückhaltlos begrüßt... Ich denke, hier ist nicht nur der DRV betroffen, auch der ADV wird sich dazu Gedanken machen.

von emmdee, 12.12.13, 23:33
Die Überschrift dieses Artikels hier macht nachdenklich. Es erweckt den Eindruck der Urteils- und Richterschelte unseres höchsten deutschen und unabhängigen Gerichts.

von Andreas Schulte, 13.12.13, 00:27
Nicht nur die Überschrift lässt einen Grübeln. Auch den Inhalt finde ich grenzwertig, weil er - zwischen den Zeilen - die legitimen Rechte und Ansprüche des Kunden abwertet, wenn nicht sogar negiert, um den vermeintlich wertvolleren Profit des RV oder der Airline.

von Jürgen Barthel, 13.12.13, 09:12
Um Dirk in Schutz zu nehmen... Es ist die Aufgabe des Blogs, kontrovers Themen aufzugreifen. Und aus den Antworten ergeben sich ja Denkanstöße und ggf. Korrekturen der eigenen Meinung/Wahrnehmung. Für alle die zustimmen oder widersprechen Es ist der Austausch von Ideen der all unser Wissen erweitert [Richard Eastman] P.S.: Ich habe auch nicht immer recht, aber ich bemühe mich und lerne.

von Dietmar Pedersen, 13.12.13, 19:22
Als Kunde kaufe ich einen Urlaub. Der besteht aus Anreise am Morgen, sieben Übernachtungen und der Rückreise am Nachmittag. Da habe ich sechs volle und zwei halbe Tage am Urlaubsziel. Wenn dann die Hinreise auf den Abend und die Rückreise auf den Morgen verschoben wird, dann fehlt mir 1,0 der insgesamt 7,0 Tage. Für 6/7 der erbrachten Leistungen will der Veranstalter aber trotzdem das volle Geld. In jeder anderen Branche bekäme der Verkäufer Prügel, wenn er seinen Kunden nach Vertragsabschluss um 1/7 der Ware betrügen würde. Warum soll das in der Reisebranche anderes sein?

von Peter Hense, 16.12.13, 21:14
Manch einer begreift das Urteil als Chance. Wenn Veranstalter nicht kundenfreundlicher denken, sind sie bald obsolet. Ihre Leistung übernimmt dann die Technik. http://www.wilde.de/aw/home/Referenzen/Kunden_nach_Branchen/swoodoo/Pressemitteilungen_5805872/~lzt/swoodoo_3367443/

von Hans Steiner, 30.12.13, 16:59
als Yachtvermittler habe ich auch mit der leidigen Flugzeitenproblemati zu tun, und komme nach einigem Nachdenken bei allem Verständnis für Renditeüberlegungen der Veranstalter schon zu dem Schluss, dass man als Kunde sich auf das verlassen können muss, was man gekauft/gebucht hat. Dann sollen die Veranstalter halt fixe Flugzeiten anbieten, die kosten dann halt in Gottes Namen ein paar Eur mehr, dafür verbindlich, und wer es billig bllig haben will, soll halt dafür das Risiko tragen oder die ungünstigen Flugzeiten. Warum also nicht Qualität auch an dieser Stelle einfordern?

von Micha, 19.04.14, 17:09
Ich bin in diesem Jahr selbst von Flugzeiteinänderungen betroffen. Von Nachmittags um 15 Uhr Abflug nun 22 Uhr. Rückflug vorverlegt von 11 Uhr auf 03 Uhr. Der Reiseveranstalter tut so als ob es kein BGH Urteil gäbe, auch mein Einwand das ich mit einem Kleinkind reise ist Ihn Wurst. Wird wohl eine Sache in der ich einen Anwalt brauche...

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