TUI AG

Mordaschows TUI-Ambitionen

Alexej Mordaschow will bei der TUI aufstocken und wird klar zum mächtigsten Aktionär. Ist das gut oder schlecht für den deutschen Konzern?

von Klaus Hildebrandt, 30.08.2010, 09:39 Uhr

"Wird die TUI russisch?", fragte ich bereits Ende 2007 in einem Blog-Beitrag. Damals hatte der russische Stahlmagnat seine Anteile an der TUI AG erhöht, nun will er über eine Sperrminorität von 25 Prozent hinausgehen. Das gibt ihm noch mehr Einfluss: Für bestimmte Hauptversammlungsbeschlüsse, wie etwa eine Änderung der Unternehmenssatzung, ist eine 75-prozentige Kapitalmehrheit erforderlich. Anders ausgedrückt: Gegen den Willen des Russen läuft künftig überhaupt nichts mehr bei der TUI.

Aber eigentlich ist das eine gute Nachricht. Denn im Umkehrschluss ist John Fredriksen endgültig kaltgestellt. Der bärbeißige Norweger hat zwar über sein Sprachrohr Tor Olav Troim auf den letzten Hauptversammlungen mit seiner Kritik an der TUI-Spitze um Michael Frenzel auch vielen Kleinaktionären aus der Seele gesprochen. Aber Fredriksen ging es nie um die Weiterentwicklung des Unternehmens, sondern nur um seine eigenen Interessen in der Schifffahrt.

Mordaschow ist in den Wirren der Privatisierung der russischen Industrie Anfang der 90-er Jahre auf etwas nebulöse Weise zur Mehrheit am Stahlkonzern Severstal gelangt, hat diesen aber nach westlichen Maßstäben modernisiert. Er gehört zu den Kreml-nahen Industriekapitänen, versucht aber gleichzeitig durch ein sehr zurückhaltendes und nüchternes Auftreten alle typischen westlichen Vorurteile gegenüber den schwerreichen Oligarchen zu widerlegen.

Frenzel hat nun freie Hand für sein großes Ziel: Den Verkauf der restlichen Anteile an Hapag-Lloyd und die "Heimholung" von TUI Travel, wie es TUI-intern schon mal ausgedrückt wird. TUI Travel, 2007 entstanden aus der Fusion von First Choice und der TUI-Touristik mit Ausnahme der Hotels und deutschen Kreuzfahrer, ist unter der Regie von Peter Long in London börsennotiert. Doch das überragende Ansehen des erfahrenen Touristikers hat zuletzt etwas gelitten: Kürzlich schockte Peter Long mit einer Gewinnwarnung die Börse und verschob die mittelfristigen Renditeziele um zwei Jahre nach hinten. Außerdem hat die verlustreiche und ziemlich undurchsichtige Pleite des türkischen Hotelpartners Joy im Frühjahr in der Türkei und auch intern am bislang strahlenden Image gekratzt. Longs langjähriger Weggefährte Richard Prosser musste schon seinen Hut nehmen, über weitere Personalveränderungen in London wird schon spekuliert.

Hat also am Ende wieder einmal der alte Fuchs Michael Frenzel die Nase vorn? Gelingt ihm dank russischer Rückendeckung (und eventuell auch finanzieller Unterstützung) nach einem Verkauf der restlichen Hapag-Anteile der Rückkauf von TUI Travel? Deren Kurs ist zuletzt ziemlich gesunken. Aber billig wird ein Kauf der überwiegend von außenstehenden Finanzinvestoren gehaltenen Anteile trotzdem nicht, weil bei TUI Travel auch noch Schulden mit übernommen werden müssen. Aber Frenzel wird wohl schon etwas einfallen – mit solchen Deals kennt sich der langgediente Vorstandschef prima aus. Eine in Hannover wiedervereinigte TUI – das wäre dann nach vielen Strategieschwenks ein furioses Finale der Karriere von Frenzel.

Kommentare

von Volker Capito, 30.08.10, 12:53
Wer Dr. Frenzel kennt, weiß das alle Schritte wohl überlegt sind und ihm dieser Schachzug mit Sicherheit gelingen wird. Mit einem finanzkräftigen Russe wird auch die Zukunft des global agierenden Konzerns langfristig sichergestellt. Ein notwendiger Schritt, die TUI wieder nach Hannover zu holen.

von Wolfgang Hoffmann, 30.08.10, 17:20
"Eine in Hannover wiedervereinigte TUI – das wäre dann nach vielen Strategieschwenks ein furioses Finale der Karriere von Frenzel." Zugegeben, ich bin ziemlich unbeleckt in derartigen Fragen, aber täusche ich mich, dass einstmals der Deal mit London nicht auch als ein genialer Schachzug von Dr. Frenzel in der Fachwelt bejubelt worden ist?

von Siegfried Egyptien, 30.08.10, 19:42
Über die politischen Hintergründe von Mordaschows TUI-Einstieg habe ich bereits auf Klaus´ Blog von Ende 2007 berichtet. Da hat sich nichts dran geändert. Und was KIaus´ Aussage: "Eine in Hannover wiedervereinigte TUI – das wäre dann nach vielen Strategieschwenks ein furioses Finale der Karriere von Frenzel." betrifft: Dem kann ich nicht zustimmen. Das klingt so positiv! Dabei hat Dr. Frenzel die Gelder seiner Arbeitgeber (=Aktionäre) in sehr großem Massstab verbrannt. Jeder Geschäftsführer eines kleinen Reisebüros oder Veranstalters, der so ähnlich gewirtschaftet hätte, wäre von seinen Gesellschaftern (zu Recht) schon frühzeitig hinausgebeten worden. Aber der Mann ist Banker, hat bei einem Banker gelernt und ein Öffentlich-Rechtlicher Banker hat ihn bei der Preussag/TUI eingesetzt. So hat die Tourismusbranche schon frühzeitig ihre eigene hausgemachte Finanz-(=Banker-)Krise weit vor der allgemeinen Finanzkrise erlebt. Es wird Zeit, daß die TUI wieder von Leuten geführt wird, die die Kernpunkte des touristischen Gedankens, auch von Seiten der "Bereisten" als Schwerpunkte sehen. Und das sind Frieden, Völkerverständigung und Wohlstand. Von letzterem darf auch mehr in die Reisebüros gelangen, die die TUI zu dem gemacht haben, was sie einmal war!

von Jürgen, 30.08.10, 20:44
Nun ja, ich habe mit Russen gearbeitet, dort meine russische Frau kennengelernt. Was mir in meiner Zusammenarbeit mit Russen immer imponiert hat: Es wird zwar viel Wert auf "Show" gelegt, es gibt "(in-)direkte Interessen", die man kennen sollte (bspw. wer hält wo die Hand auf), aber von diesen "Kleinigkeiten" abgesehen, ist es sehr durchschaubar. Und die Russen wollen etwas bewegen. Ich kann die TUI da nur freundschaftlich warnen... Wenn Mordaschow so einsteigt, dann hört er da nicht auf. Dann wird hinterfragt. Und verändert. Ob Frenzel sich und der TUI da nicht einen (Tanz-)Bärendienst erweist? TUI Moskau - das ist damit nicht mehr allzu abwegig ;-)

0
Folgen Sie uns:
Top
© 2018 FVW Medien GmbH, Alle Rechte vorbehalten
Über uns FAQ Impressum AGB Datenschutz Kontakt Mediadaten