TUI AG

Ein Lob der Schifffahrt!

Die TUI will Hapag-Lloyd verkaufen und ganz auf Touristik ausrichten – ausgerechnet zu einer Zeit, in der die Container-Schifffahrt einen riesigen Boom erlebt. Ist das richtig?

von Klaus Hildebrandt, 14.12.2010, 16:56 Uhr

"Vielleicht sollten Sie lieber die Touristik verkaufen, Hapag ausbauen und den Konzernsitz nach Hamburg verlegen – da ist es eh viel schöner", sagte ich heute am Rande der Bilanz-Pressekonferenz zu TUI-Chef Michael Frenzel. Das mit der Schönheit Hamburgs hat er nicht so richtig zurückgewiesen – in der Tat gab es vor einigen Jahren eben diesen Plan, sich auf die Schifffahrt zu konzentrieren und den Sitz der Holding in die Hamburger Hafen-City zu verlegen. Und auch im abgelaufenen Geschäftsjahr stammt der Konzerngewinn im wesentlichen aus der wieder erstarkten Hapag. Bei den operativen Ergebnissen ist das etwas anders, aber wie seltsam dieser "underlying profit" bei TUI Travel berechnet wird, habe ich neulich gerade hier im Blog erläutert.

Doch Frenzel stellte auf der PK in Hannover klar, dass die endgültige Trennung von Hapag und der Ausbau der Touristik eine "strategische Grundsatzentscheidung" sei. Nun hat Frenzel es in seiner langen Karriere mit der Haltbarkeit von strategischen Grundsätzen nie so ganz genau genommen – wahrscheinlich ist er gerade wegen dieser Flexibilität noch im Amt und die TUI noch in Hannover. Aber ein Zurückrudern beim Ausstieg aus der Schifffahrt könnte er wirklich keinem Aktionär (höchstens dem inzwischen von ihm mit russischer Hilfe elegant kaltgestellten norwegischen Reeder John Fredriksen) erklären.

Außerdem ist die Container-Schifffahrt nun mal ein zyklisches Geschäft. Im vergangenen Jahr war Hapag wegen des Einbruchs im Welthandel fast pleite – wäre dies das Kerngeschäft der TUI gewesen, gäbe es auch die Holding in Hannover nicht mehr, die 2009 mit hohen Krediten aushalf. Wenn Hapag 2011 an die Börse geht, wird die TUI zum reinen Touristikkonzern. 14 Jahre lang hat Frenzels Konzernumbau, der 1997 mit dem Kauf von Hapag durch die damalige Preussag begann, dann gedauert. In der schnellebigen Touristik ist das fast ein biblischer Zeitraum.

Und wie sieht das nächste Kapitel aus? Frenzel antwortete heute sehr vage, ob mit den Hapag-Millionen die Tochter TUI Travel wieder ganz eingemeindet werden soll. Es würden "Wege gesucht, das Veranstalter- und Hotelgeschäft enger zu verzahnen". Aha. Mit anderen Worten: Es werden auch Alternativen geprüft. Ebenso vage äußerte sich Frenzel (erwartungsgemäß) zu Spekulationen, ob er auch nach seinem Vertragsende im März 2012 noch an der Spitze stehen wird. Aber so viel scheint sicher: Der Aufsichtsrat überlegt zumindest, ob die TUI bei der Rente mit 67 Vorreiter spielen kann. Zumal intern so recht kein Nachfolger in Sicht ist.

Klar ist zumindest, dass die TUI 2011 einen neuen Aufsichtsratschef bekommt. Klaus Mangold ist ein echtes Schwergewicht der Industrie und bestens mit Russland vernetzt – schließlich läuft ohne die Zustimmung von Großaktionär Alexej Mordaschow nichts mehr in Hannover. Aber bei allem Respekt vor Herrn Mangold: Eigentlich ist es ja egal, wer unter Michael Frenzel Aufsichtsratschef ist. Auch das ist Kontinuität im besten Sinne, allerdings wohl eher aus dem Blick der Touristik als aus dem der Corporate Governance.

Kommentare

von Andreas Schulte, 14.12.10, 17:47
"....Konzernsitz nach Hamburg verlegen – da ist es eh viel schöner", Das ist ja wohl nen Ding - Hamburg schöner als Hannover. Beim nächsten Hannover-Besuch ist jetzt aber Vorsicht geboten - nicht das der Klaus von den Hannoveranern im Maschsee Kiel geholt wird.

von Dietmar Pedersen, 15.12.10, 09:41
Touristik und Container-Schifffahrt sind zwei völlig unterschiedliche Geschäftsbereiche. Insofern ist es eine geschäftspolitische Grundsatzentscheidung, ob man sich von Hapag-Lloyd trennen will. Wenn man sich für die Trennung entschieden hat, ist sogar sehr sinnvoll, das jetzt zu tun. Aktuell herrscht Hochkonjunktur in der Schifffahrt - da wird man einen verhältnismässig hohen Preis für Hapag-Lloyd erzielen. In einigen Jahren geht die Schifffahrt wieder am Krückstock, da gibt es dann wieder Verluste, und man wird den Laden nicht los.

von Klaus Hildebrandt, 15.12.10, 11:27
@Andreas Schulte: Im Maschsee Kielholen – geht das überhaupt? Da ist der doch viel zu flach. Aber im Ernst: Ich bin familiär bedingt oft in Hannover – und die Stadt ist wirklich schöner als ihr Ruf. Nur eben nicht so schön wie Hamburg.

von Wolfgang Hoffmann, 15.12.10, 12:34
@Dietmar Pedersen, "Touristik und Container-Schifffahrt" gleichen sich laut unserer Kundenberichte immer mehr an. Zumindest sollen die Zustände in den Urlaubscarriern angeblich nicht mehr weit davon entfernt sein.

von Dietmar Pedersen, 15.12.10, 13:53
@ Wolfgang Hoffmann Das stimmt - die Urlaubsflieger ähneln vollgestopften Containern. Und die Beinfreiheit und die Essensportionen reichen nur für kleine Asiaten. :)

von Jens Hulvershorn, 16.12.10, 16:12
Moin, beim Streit um den künftigen des Container- und/oder Touristikriesen möchte ich als Alternative Kiel in die Diskussion bringen. Erstens können wir Schiff (Kreuzfahrthafen Nr. 1 in Deutschland). Zweitens sitzen hier ein paar (z.T. ehemalige) Konzerngesellschaften (HDW, etc.) - Platz ist also vorhanden. Und drittens mit Gebeco ein Reiseunternehmen, dass auch Erträge kann. Fazit: Nicht Kiel holen, sondern NACH Kiel holen.

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