Traveltainment

Wie gut tut frisches Blut?

Harriet Green (Thomas Cook) Carolyn Mc Call (Easyjet) sind angekommen in der Touristik, Friedrich Joussen (TUI AG) ist auf einem guten Weg. Bernhard Steffen (Traveltainment) und Andreas Prokop (Unister) werden folgen. Immer häufiger geht der Chefsessel in großen Reiseunternehmen an Branchenfremde. Warum eigentlich?

von Dirk Rogl, 27.02.2013, 15:13 Uhr

Das kann doch nicht gut gehen. Oder vielleicht doch? Immer wenn ein Branchenfremder in einem Reiseunternehmen die Leitung übernimmt, dann ist die Skepsis groß. Travel Technologie, Reise- und Handelsvertreterrecht – kaum eine Branche hat so viele Eigenarten wie die Touristik. Und die Liste der gescheiterten Quereinsteiger ist nicht gerade kurz.

Fakt ist, dass immer mehr große Unternehmen dieses Wagnis eingehen. In England haben Harriet Green (Thomas Cook) und Carolyn Mc Call (Easyjet) ihre Unternehmen in ruhige Fahrwasser geführt. Wie das TUI-AG-Chef Friedrich Joussen gelingen könnte, analysieren wir in der Titelgeschichte der neuen fvw 5/13. Fakt ist, der Mann bemüht sich sichtlich um Stallgeruch und packt die Dinge an.

Mit Bernhard Steffen (Traveltainment) und Andreas Prokop (Unister) kommen in Kürze zwei weitere Neueinsteiger hinzu. Gewiss, Steffen hat mal das Marketing für HRS geleitet. Aber das ist wie auch Personal und Finanzen eine Position mit vielen Schnittmengen. Und auf Andreas Prokop warten bei Unister weitere neue Geschäftsführerkollegen. Es wäre verwunderlich, wenn davon nicht zumindest einer tiefere Kenntnisse vom Reisegeschäft hat, so wie Steffens Co-Chef Oliver Rengelshausen bei Traveltainment

Wieso aber gibt es überhaupt Quereinsteiger im Reisegeschäft? Gegenfrage: Warum nicht? Manager-Legenden wie Jürgen Großmann (Georgsmarienhütte, RWE) oder Utz Claassen (Volkswagen, Cerberus, E-On) wechselten munter die Branche. Auch die Bahnchefs Hartmut Mehdorn und Rüdiger Grube hatten zu Amtsantritt herzlich wenig Ahnung vom Reisegeschäft.

Es ist ein Risiko, die Leitung des Unternehmens in branchenfremde Hände zu geben. Aber es ist auch eine große Chance. Frisches Blut kann gut tun, gerade in einer Branche mit erstaunlich geringer Exit-Quote. Jeder kennt quasi jeden. Das enge Netzwerk im Reisegeschäft schärft das Verständnis für das Miteinander, der perfekte Nährboden für Innovationen ist es nicht. Die darf die wachsende Schar der Neu-Touristiker gern mitbringen, aber bitte keine Blutvergiftung.

Kommentare

von Horst, 27.02.13, 18:08
Einfach mal ein paar Blogeinträge zurückblättern. Dort gibt es einige interessante Thesen, warum Branchenfremde es aktuell besser machen und es durchaus Sinn macht sich diese an Bord zu holen. Touristiker: eher schlecht ausgebildet, zu wenig Business-Fokus, wenig Management-Qualität = Studium. Touristiker = gut in Zielgebietswissen, Fachkraft, Spezialwissen = Ausbildung (um die Blogeinträge mal ganz kurz zusammen zu fassen)... ;-)

von Karl Born, 28.02.13, 00:09
Nur der guten Ordnung wegen. "Managerlegende" Utz Claassen hat nur ca. ein Jahr für Cerberus als Berater gearbeitet und für E-on hat er nie gearbeitet. In der Sache selbst hätte man erst dann ein profundes Ergebnis, wenn man wüsste, was alternativ ein qualitativer Insider in der gleichen Situation geleistet hätte.

von Skeptiker, 28.02.13, 17:51
Was man an der Spitze können muss, ist führen. Die Leute steuern und führen, die den eigentlichen Job machen. Wenn das Unternehmen externe Kapitalgeber oder gleich ganz an der Börse ist, hat man erst recht den Tag voll mit Aufgaben, die mit Saisonaufschlägen und Kapazitätssteuerung aber auch gar nichts zu tun haben. Nicht die beste Fachperson gehört auf den Chefsessel (Peterprinzip), sondern der beste Chef/die beste Chefin. Schön, wenn sich das alles in einer Person vereint. Aber wenn man mal z.B. Verhuven als Beispiel nimmt: Der war seiner zweiten Etage offenbar lange Zeit viel zu nah am touristischen Geschäft dran: Schnelle Fluktuation war die Folge. Klar geht's Alltours gut. Aber ob es denen nicht noch besser gehen könnte, kann man nicht sagen, oder? An der Spitze der TUI AG, der Holding, wird doch aktuell kein Touristiker benötigt, und bei TC doch auch nicht. Harriet Green führt "nur" die Gruppe, nicht die touristischen Betriebe (Wobei ... "in ruhige Fahrwasser geführt" ... wo haben Sie das denn bitte her?? ) Und Mantren wie "Kundenorientierung" und "mehr elektronische Prozesse" sind ja nichts spezifisch Touristisches, oder? Die Frage ist eher, ob die traditionelleren Veranstalterchefs die Produktion mit dem gleichen Veränderungswillen betreiben würden wie die "branchenfremden" Innovatoren (hat da jemand Rewe gesagt?) Nein ich rede Wanderkarrieristen, speziell den ehemaligen "Unternehmensberatern" keineswegs das Wort. Die sind überall nur drei Jahre, kennen keine Loyalität und tragen nie für irgendwas die Verantwortung. Aber die These, dass branchenfremde Führungskräfte, zumal an der Spitze, per se ein Risiko darstellen (und nur vielleicht eine Chance) und in diesem Fall touristische Fachleute nicht, halte ich für hanebüchen. Das hat nichts miteinander zu tun. Exemplarisch TC: Manny war Touristiker, Pichler nicht. Beeser war Touristiker, Green ist es nicht.

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