Travelport

Feuer frei für neue Flugentgelte

Im Jahr 2011 platzt der Knoten. Die Reservierungssysteme öffnen für den Vertriebskanal Reisebüro den Verkauf von Flugextras von der Sitzplatzwahl bis zum Klogang. Behält Ryanair-Chef Michael O'Leary doch recht mit seinen Visionen vom Null-Euro-Ticket?

von Georg Jegminat, 12.11.2010, 14:57 Uhr

Ein wenig Galgenhumor schwingt schon mit, wenn Airliner den Scherz erzählen: "Bald verkaufen wir Chips für jede Klospülung. Aber die werden nicht interline-fähig sein." Bekommen die Fluggesellschaften erst einmal das Instrument in die Hand, über den Hauptvertriebskanal Reisebüro Extraservices zu verkaufen, wächst der Anreiz, mit dem Instrument zu spielen.

Gerade hat die erste US-Fluggesellschaft entschieden, für jedes Handgepäckstück zu kassieren. Amadeus hat in Frankreich in diesen Tagen in Reisebüros den Testbetrieb für die Extras-Lösung gestartet. Sabre und Travelport (Galileo, Worldspan) scharren schon lange mit den Hufen, dass auch europäische Airlines endlich aufspringen.

Wir stehen erst am Anfang der Entwicklung, zumindest für Economy-Passagiere. Wie lange muss ich vor der Sicherheitskontrolle am Flughafen warten? Darf man während des Flugs einen Film sehen oder ins Internet gehen? Bekommt man auf dem Langstreckentrip noch eine Decke und ein Kopfkissen, oder muss man dafür zahlen. Das sind Beispiele, die bei manchen Airlines schon eingeführt sind. Wer Airliner nach weiteren Ideen fragt, bekommt kaum eine Antwort. Die kreativen Köpfe behalten ihre Innovationsideen für sich.

Denn es geht um richtig viel Geld. Man spricht schon vom Goldrausch. Eine Studie hat ermittelt, dass die Extraservices 2008 weltweit 7,7 Mrd. Euro in die Airline-Kassen spülten. 2009 waren es bereits 11,0 Mrd. und für 2010 sind knapp 18 Mrd. Euro prognostiziert. Noch läuft der Vertrieb vorwiegend über die Websites von Airlines. Der richtige Boom kommt also noch.

O'Leary hat jahrelang erzählt, er wolle die Flugtickets für null Euro weggeben und die Airline über andere Erlösquellen finanzieren. Nun scheint die einst verlachte Vision in erreichbare Nähe zu rücken, und nicht nur für Ryanair. Wird bald auch noch der Kerosin-Zuschlag nach Passagiergewicht gestaffelt? Gibt es eine Teppichabnutzungsabgabe oder einen Abschreibungsaufschlag für das Flugzeug? Man traut sich kaum, Scherze darüber zu machen. Sie könnten Wirklichkeit werden, oder?

Kommentare

von Jürgen B., 13.11.10, 16:31
Es darf da schon mal das Geschäftsmodell hinterfragt werden. Wer profitiert eigentlich wie sehr an was? Wer "schmarotzt" und wer "zahlt drauf"? Vor 20 Jahren finanzierten die Flugprovisionen die Programme vor Ort. Heute will O'Leary die 0-Tickets? Was ist eigentlich eine "Pauschalreise" (abgesehen davon, dass sie so typisch deutsch ist)? Doch ein "paketiertes Produkt". Ob wohl zuerst die Geschäftsreisebüros, oder doch die Ketten auf die Idee kommen, "pauschalierte" Pakete für die eigenen Kunden zu verhandeln und sich damit "positiv" zu differenzieren? Dann wird sowas "üblich", dann bleiben die "Abzocktickets" für die Ultra-Low-Cost-Kunden der Airline auf der eigenen Webseite, für die sowas zu berechnen aber sich nicht lohnt (auch wegen der schlechten Kundenfreundlichkeit), also wird das wieder eingestellt, womit wir wieder beim Monopoly sind: "Gehen Sie zurück auf Los".

von CAT, 14.11.10, 11:34
Bei der ganzen Diskussion um die Ancillary-Hype sollte man nicht vergessen, dass es hier um den sogenannten "Billigbereich", das Low-Yield-Segment der Airlines geht. Die Business Class ist weiterhin davon vollkommen unberührt. Besonders die europäischen Linien-Carrier stehen unverändert im Kurz- und Mittelstreckenbereich mit dem Rücken an der Wand und suchen fieberhaft nach Einnahmequellen, so wie es ihnen die Low Cost Carrier erfolgreich vormachen. Der Fluggast / Konsument entscheidet. Wenn er weiterhin einen günstigen Basispreis haben möchte, muss er die intransparenten A La Carte Lösungen der Airlines akzeptieren. Aber es geht ja auch anders: So werben einige Linien-Carrier schon wieder mit "all-inclusiv" angeboten, "wir stehen für Service". Es bleibt abzuwarten, wer hier punktet. Hoffen wir auf die Ratio, denn ein völlig intransparentes und permanent wechselndes Angebots-Chaos kann nicht im Sinne des Verbrauchers sein.

von Jack, 16.11.10, 10:27
O'Leary macht es vor und wie die Lemminge hetzen die "Etablierten" hinterher. Jeder Handschlag, jeder kleine Furz wird herausgelöst aus der Selbst-verständlichkeit einer komplexen Dienstleistung und soll künftig separat bezahlt werden. Dies hat in Summe, trotz aller Spiegelfechterei, höhere Kosten für den Verbraucher zur Folge....(was mit Sicherheits ein erneutes Lamento der Kunden über zu hohe Transaction Fees der Reisebüros nach sich ziehen wird). Wo sind die sogenannten Marketing- und Verkaufsspezialisten bei den Airlines? Ideen sind gefragt...schlechte Kopien gibt es bereits genug.

von Volker Blum, 16.11.10, 11:49
Ich verstehe die Aufregung nur bedingt, denn dem ganzen Zauber wohnt doch auch eine Chance inne. Es ist halt so, dass der Kunde nicht mehr einfach vergleichbare Produkte bekommt, weil er nicht pauschal alles kaufen muss, was zum Paket geschnürt wurde. Da wollen Kunden so und das ist auch verständlich. Dass es dadurch komplexer wird muss er damit auch akzeptieren und wird sich dran gewöhnen. Schauen wir doch mal andere Branchen an, wer ein Auto kaufen will, weiß, daß er sich durch den Konfigurator klicken muss um am Ende zu wissen, was die Mühle wirklich kostet. Handytarife sind auch kein Spaß. Wer einen Computer kaufen will muß auch erstmal die Frage beantworten, was da alles mit möglich sein soll. Und warum um alles in der Welt gibt es Versicherungsmakler? eben genau weil dieses Produkt so kompliziert ist, daß der Laie lieber den Fachmann fragt bevor er da was falsches kauft. Und genau da kann/muß das RSB als Mittler auftreten und sich als Berater positionieren. Eventuell akzeptiert der Kunde dann eher, daß er eine Service-Fee bezahlen muß, denn der Service wird dann immer deutlicher.

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