Travelport

Auf dem Rücken der Reisebüros

Sie dreschen wieder aufeinander ein. American Airlines und GDS-Betreiber Travelport kämpfen einen Stellvertreterkampf. Die Reisebüros drohen erneut die Leidtragenden zu sein.

von Georg Jegminat, 23.11.2010, 14:09 Uhr

American Airlines will bei den Reisebüros ab 20. Dezember fünf US-Dollar pro Buchung über Galileo und sogar 9,50 Dollar pro Buchung über Worldspan kassieren. Das gilt auch für Reisebüros in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Die Alarmglocken dürften aber auch bei einem Reiseveranstalter schrillen: Dertour ist seit vielen Jahren größter Worldspan-Kunde in Deutschland. Das GDS von Travelport ist hinter das Buchungssystem Phoenix geschaltet, um Linienflüge zu buchen. Bei Dertour in Frankfurt heißt es kurz und ernüchternd: "Wir haben bei American interveniert." Dertour ist ein Spielball in diesem Konflikt geworden.

Erneut startet eine Airline den Versuch, Großkunden von den GDS weg hin zur Direktanbindung zu bewegen. Dem US-Internet-Reisebüro Orbitz hat American sogar gekündigt, weil es nicht mitzieht. Doch Großaktionär bei Orbitz ist Travelport, also konnte American von der Abwehr nicht überrascht gewesen sein. Daraus lässt sich nur der Schluss ableiten, dass American ein Exempel statuieren wollte. Ein Richter in Chicago hat die Kündigung erst einmal auf Eis gelegt.

Nun hat sich der Konflikt über die Grenzen der USA ausgeweitet. Travelport hat nämlich außerhalb der Heimatmärkte von American die GDS-Entgelte für deren Buchungen aufgestockt. Offizielle Begründung: Neue Funktionalitäten zum Vertrieb von Extraservices der Airlines. American schlägt zurück und droht nachträglich per ADM bei den Reisebüros zu kassieren. Das sind harte Bandagen. Darüber gibt es nur noch eine Eskalastionsstufe, den totalen Boykott. Travelport in Deutschland trifft das schwer. Denn gerade hatte man sich bei den Flugbuchungen auf das Niveau von Sabre hochgearbeitet. Und nun das.

Aber American ist nicht der einzige Carrier, der sich über die Extrakosten für die Extraservices aufregt. Zwar haben die GDS die Funktionalitäten auf ihre Anforderung hin entwickelt, doch die Airlines wollen die Kosten nicht in die eigenen Aufwendungen aufnehmen. Die sollen dem Vertriebskanal GDS/Reisebüro zugeordnet werden. Wird das durchgesetzt, lässt sich eine Preisdifferenz zwischen Direktbuchung und Agenturvertrieb durchsetzen. Seit Jahren versuchen die Fluggesellschaften auf diese Weise nicht die Agenten, aber die GDS zu umgehen und zu schwächen. Das von den Airlines selbst geschaffene GDS-Oligopol ist ihnen zu mächtig geworden. Wir stecken mitten in einer never ending story.

Kommentare

von Jürgen B., 23.11.10, 19:48
Ach, da kommt der Meister! Herr, die Not ist groß! Die ich rief, die Geister, Werd ich nun nicht los. (schön wenn da noch ein "Meister" ist...) Noch etwas älter: Herr vergib ihnen. Sie wissen nicht was sie tun. Und noch etwas älter: http://de.wikipedia.org/wiki/Büchse_der_Pandora

von barthel.eu, 22.01.11, 13:01
Zum Bericht in der aktuellen FVW Printausgabe sei angemerkt, dass schon der Wechsel zu e-Ticket vielen kleinen Fluggesellschaften die Lage deutlich erschwert hat. Es wird kein "Interline-Agreement" mehr geschlossen und die Flugcoupons einfach weiterbelastet, es muss für teures Geld (man redet von ~15-50 Tsd € pro Interline Agreement) das entsprechende e-Ticket-Interface realisiert werden. Selbes Problem bei Direct Connect. Ist es keine reine AA-Abfrage, muss das Portal (egal welches) muss die Daten neben dem GDS auch über Direct Connect abfragen, interpretieren und dynamisch mit den GDS-Daten mischen und präsentieren. Und natürlich ist die gleiche Thematik bei "Zusatzleistungen" zu bemerken, die einen direkten Vergleich häufig unmöglich machen. Aber auch 5cm mehr Sitzabstand können relevant werden, wenn der Flug nicht Low Cost in zwei Stunden vorbei ist, sondern Long Haul mehrere Stunden dauert... Die GDS haben gute Suchkriterien, Allheilmittel sind (und waren) sie auch nie - viele Linienfluggesellschaften, bspw. in Afrika oder Asien, aber auch Russland, haben gar keinen GDS-Zugang. Oder nur einen. Als Internet aufkam hinterfragten die Experten den Sinn des GDS (Stichwort "Cloud Computing". So einfach war es offenbar doch nicht. Zu lange haben sich die Reisebüros aber zurückgelehnt - nun testet American mal wieder - als Erfinder der GDS erneut eine Vorreiterrolle. Vielleicht ist die Zeit reif für American, sich wieder neu zu erfinden - und ich sehe gute Erfolgschancen. Das "Ende der GDS" aber daraus abzuleiten - das sehe ich als kurzsichtig an. Auch diese erfinden sich ständig neu, passen sich an, entwickeln sich weiter. Als etablierte Konzentratoren von Datenströmen, Anbieter von Backend-Lösungen sind sie ja zur Zeit unschlagbar. Aber ihre (oft marktbeherrschende) Dominanz, die werden sie wohl verlieren.

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