Tourismusgipfel

Digitaler Weckruf

Jetzt redet auch der alt-ehrwürdige BTW-Tourismusgipfel über die Herausforderungen des digitalen Wandels. Der gelungene Weckruf kommt ausgerechnet vom Axel-Springer-Verlag. Mangels Alternativen aus der eigenen Branche?

von Dirk Rogl, 02.12.2013, 15:21 Uhr

Großer Saal im Berliner Hotel Adlon. Der Internet-Zugang kostet hier neun Euro für zwei Stunden. Dafür locken ein feudales Ambiente, erlesende Gaumenfreuden und exzellenter Service. Deutschlands führende Touristiker kommen heute hier zum Tourismusgipfel des Bundesverbandes der Deutschen Tourismuswirtschaft (BTW) zusammen. Es ist nicht gerade der klassische Ort, um ungehemmt und kreativ über digitale Innovationen zu reden. Heute, in der 17. Auflage des BTW-Gipfels, war es aber soweit.

"Wer nicht en detail die digitale Wertschöpfungskette versteht, wird keinen Platz in ihr haben", sagt Christoph Keese, Executive Vice President des Axel Springer Verlags, einer von vier führenden Springer-Köpfen, die in diesem Jahr in Jeans und T-Shirt eine intensive Reise durch das Silicon Valley gemacht haben. Jetzt trägt er wieder Anzug und ist mit prall gefüllter Kasse auf der Suche nach zukunftsträchtigen Investitionen. "Wir müssen früh verstehen, was passiert", sagt Keese. Das Geschäftsmodell im Silicon Valley sei es, etablierte Teile der Wertschöpfung abzuschaffen: Verlage, aber auch Veranstalter und Reisebüros. Sein Signal: Springer ist gewappnet. Andere wohl weniger.

Noch ist der Media-Multi nur verhalten in der Touristik unterwegs. Doch das könnte sich ändern. Keese verriet nicht, wo und wie der Axel-Springer-Verlag sich im Reisegeschäft stark machen will (siehe auch E-Blog über Axel Springer und Unister). Doch wenn es soweit ist, wird es wohl kurz nach der Gründungsphase eines Anbieters sein. Eine Community wie Pinterest sei heute 2,5 Mrd. US-Dollar wert, ohne dass sie einen Cent verdient hat, sagt er. "Als börsennotiertes Unternehmen verbietet es sich, dort zu investieren", erklärt er.

Und was macht die Touristik. "Der Nutzen des Internets ist in der Lage, bestehende Branchen mit Stumpf und Stiel auszuhebeln", sagt Sören Hartmann, Chef der DER Touristik in Köln. Und Michael Buller, Vorstand des Verbands der Internet Reisebüros (VIR), drängt dazu, auch deutsche Start-Ups ähnlich wie im hoch gelobten Silicon Valley mit ausreichend Risikokapital auszustatten und so Innovation zu fördern.

Wie der digitale Wandel nun genau funktionieren kann, passt dann doch nicht ganz zum BTW-Gipfel. Reisebüros haben Zukunft, sagt DER-Touristiker Hartmann. Kataloge auch, für einen Teil der Zielgruppe, fügt Accor-COO Peter Verhoeven hinzu. Und doch muss der Wandel her. Es geht für alle darum, Mehrwerte zu schaffen, sagt VIR-Mann Buller und lobt die Taxi-App MyTaxi als Beispiel, vermutlich auch in Ermangelung guter Beispiele aus der Kernsprache. Und genau deshalb ist wohl auch der Axel-Springer-Verlag für den wichtigen Weckruf für den digitalen Wandel zuständig.

Die richtigen Fragen seien gestellt, sagt Axel-Springer-Manager Christoph Keese zum Abschluss einer Podiumsdiskussion auf dem BTW-Gipfel artig. Aber wie sieht es mit den Antworten aus?

PS: Heute Abend geht es beim BTW-Gipfel dann wieder über die Themen, die den BTW stark machen: Die Zusammenarbeit mit dem neuen Parlament und der neuen Regierung, die freilich noch niemand kennt. Und das wiederum ist wohl so ähnlich wie mit der künftigen Positionierung klassischer touristischer Anbieter in der digitalen Wertschöpfungskette. Alle Nachrichten vom BTW-Gipfel lesen Sie live auf fvw.de.

Kommentare

von Horst, 02.12.13, 17:23
Nur Verlage können auf Touristik-Veranstaltungen Tipps zur Digitalisierung der Welt geben... Der Einäugige berät den Blinden. Beide haben keine richtig guten Antworten auf den digitalen Wandel, auf die mobile Veränderung (special interest Plattformen für Autos, Immobilien etc. haben heute schon 50% mobilen Traffic, Tendenz steigend). Wenn die Touristik so richtig "digital" daherkommt ist bereits die Musik weitergezogen in den mobilen Bereich - und das Leiden beginnt von Neuem. Genau: mytaxi app als "gutes" Bsp. und 2h surfen für 9€ :-) Schlimmer geht's nimmer...

von ak, 02.12.13, 22:05
Alles eine Frage der Menatlität und Moral. Der entscheidende Wortbestandteil bei Risikokapital ist Risiko nicht Kapital. Wer nur auf Zahlen schaut ohne dahinter zu schauen wird das Ziel nicht erreichen. Umgekehrt übrigens genau so. Ich glaube nicht, dass wir das Silicon V. Modell nach Deutschland holen können. Sorry irgendwie scheint Herr Keese auf dem USA Trip das wesentliche nicht verstanden zu haben. Sonst würde er die Aussage Zitat: "Als börsennotiertes Unternehmen verbietet es sich, dort zu investieren" nicht tätigen.

von Martin, 04.12.13, 17:12
Lieber Dirk, wärst Du so nett und würdest VIR in Verband Internet Reisvertrieb e.V. ändern? Danke!

von Dirk Rogl, 05.12.13, 09:34
Lieber Martin, hiermit bestätige ich, dass der Verband der Internet-Reisebüros VIR offiziell "Verband Internet Reisevertrieb e. V." heißt. Und um korrekt zu bleiben: Peter Verhoeven (Accor) ist COO von Ibis Brands Europe und Christoph Keese ist nicht Executive Vice President des Axel Springer Verlags sondern der im rasanten Wandel befindlichen Axel Springer AG. Manchmal neigen wir zur Verständlichkeit.

von Gunther Holzschuh, 05.12.13, 17:07
Im Gegensatz zu ak hatte ich sehr wohl den Eindruck, dass Herr Keese das Wesentliche auf seinem Trip verstanden hat. Im SV denkt man komplett "out of the box", verändert radikal Wertschöpfungsketten. Alte Strukturen und Modelle sind dort kein Hemmschuh. Man nutzt die vorhandenen technischen Möglichkeiten um neue Wege zu gehen. Natürlich erfährt man immer nur von den großen Erfolgen. Die deutlich größere Zahl von Flops geht einfach unter. Und Herrn Keeses Zitat "als börsennotiertes Unternehmen..." ist für mich nachvollziehbar. 2.5 Mrd. USD für viel Phantasie zu bezahlen sprengt unsere betriebswirtschaftlichen Vorstellungen natürlich total.

von Jürgen Barthel, 09.12.13, 17:53
Versteht denn FVW genug vom e-Commerce? Ich jedenfalls bedaure den Wechsel vom FVW-gefällt-mir hin zu Google+, Twitter und Facebook. Ich bin doch in einem "internen" Fachforum, warum sollte ich NSA&Co. meine Vorlieben für FVW-Artikel mitteilen? Wenn's von allgemeinem Interesse ist "like" ich dort öffentliche Artikel zum Thema. Oder ist jetzt alles in FVW in Googbook öffentlich? Digitaler Weckruf: Facebook & Co sind eine Ergänzung, kein Ersatz für eigenes Like. Oder soll ich künftig nicht mehr in FVW.de kommentieren sondern in den Sozialen Medien??? Nein. Gefällt mir gar nicht.

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