Tourismus-Studenten

Der Studenten-Protest

Bundesweit demonstrieren die Studenten. Heute hatten wir bei der fvw eine Gruppe zu Gast und diskutierten über Studienbedingungen und die Touristik aus Sicht der Web 2.0-Generation.

von Klaus Hildebrandt, 25.11.2009, 15:23 Uhr

16 Studentinnen der Fachhochschule Wilhelmshaven besuchten heute die fvw in Hamburg (die männlichen Kommilitonen sind bei Tourismusstudiengängen offenbar auch an der Küste rar). Nach einem Einblick, wie heutzutage crossmedial Medien produziert werden, diskutierten meine Kollegin Christine Watz und ich mit den Tourismus-Studentinnen.

Die Studenten-Proteste sind auch in Wilhelmshaven ein Thema, wenngleich die Fachhochschule in der beschaulichen Hafenstadt nicht unbedingt im Zentrum der Aktionen stehen. Aber Studiengebühren und die Umstellung auf Bachelor-Abschlüsse machen den angehenden Touristik-BWLerinnen zu schaffen. Das Studium sei jetzt noch vollgepackter, das Praxissemester auf neun Wochen verkürzt. "Viele Firmen und Fremdenverkehrsämter wollen für so kurze Zeit keine Praktikanten einstellen", klagte eine Studentin.

Und über allem schwebt die Frage, ob der Bachelor-Abschluss wirklich genauso anerkannt ist wie das Diplom (mit dem Zusatz FH in Klammern). "Ich glaube", so eine Studentin, "dass viele Personalchefs mit dem Bachelor noch nicht so vertraut sind." Zumal die Bachelor-Bandbreite in der Touristik groß ist, von privaten Berufskademien über Fachhochschulen bis zu Unis.

Auch die Arbeitsmarktperspektive stimmt die Studentinnen nachdenklich. An einigen Fachhochschulen wie etwa Worms oder München lockten vor der Krise auch Industriekonzerne oder Banken die oft sprachgewandten und auslandserfahrenen Touristik-Studenten mit interessanten Jobs (und besserer Bezahlung!). Da ist es vielleicht gar nicht schlecht, wenn der Abschluss erst in einigen Semestern fällig wird – vielleicht ist bis dahin der fvw-Stellenmarkt auch schon wieder umfangreicher.

Die fvw ist für viele Studentinnen offenbar wichtige Lektüre, einige kennen uns auch schon aus einer Lehre im Reisebüro. Klar auch, dass es niemand in der Gruppe gab, der nicht bei StudiVZ und/oder einem anderen Netzwerk verdrahtet ist.

Nur bei Twitter war keine der jungen Frauen. "Wie kann man denn damit Geld verdienen?", fragte mich eine Studentin. Gute Frage. Aber bevor ich die beantworte, werde ich diesen Blog erst im offenkundigen Best-Ager-Medium Twitter anteasern. Bis ich die ultimative Antwort habe, freue ich mich im Blog über Ihr Feedback zum Tourismus-Studium, dem Bachelor und den Berufsperspektiven.

Kommentare

von Magda, 25.11.09, 19:44
Auch ich bin Studentin des Faches Tourismusmanagement an einer FH und die aktuelle Diskussion macht mir ein wenig Sorgen. Ich halte die Idee, die hinter dem gesamten Bologna Prozess steckt für sehr fortschrittlich und gerade für Tourismusstudenten interessant, da dadurch die Möglichkeiten zu Ausslandssemestern sehr vereinheitlicht und vereinfacht werden. Das Problem ist doch, dass jede Hochschule und Bildungsinstitution ihr eigenes Süppchen kocht. An meiner FH beispielsweise ist ein Vorpraktkum von 12 Wochen und ein Praxissemester im Ausland von 20 Wochen Pflicht, die Prüfungsordnungen und Studieninhalte unterscheiden sich also inhaltlich sehr stark voneinander. Es gibt nicht unbedingt ein besser oder schlechter, sondern man sollte sich schon vor dem Studium grundsätzlich überlegen, was einen am meisten interessiert. Was mir Sorgen bereitet ist, dass die Generation von Studenten, die keine andere Möglichkeit mehr hatte, als den Bachelorstudiengang zu wählen, aber irgendwie doch noch in die Umsetzungsphase rutsche, zu "Bildungsleichen" wird. Dass die Umsetzung und Hintergründe überdacht werden müssen ist klar, doch das "Zurückrudern" würde viele Studenten letztlich durchs Raster fallen lassen. Die große Frage ist auch in wie weit man direkt nach dem Abschluss einen Master machen sollte. Mit null Berufserfahrung, aber einem Master im Gepäck macht man sich, wie ich finde, für Unternehmen auch nicht viel attraktiver. Bachelor und Master sind meiner Ansicht nach sehr gut für Tourismusstudenten, es lohnt sich aber auch zwischen den FHs zu vergleichen und auf die Umsetzung zu achten.

von Henning Lindemann, 25.11.09, 20:12
Nun ja, man darf auch bei den Abschlüssen nach Bologna nicht vergessen, was bereits vorher galt: Ein jeder ist seines Glückes Schmied. Ob die Berufsaussichten eines Bachelors wirklich schlechter sind, als die eines Diplom (FH) Betriebswirts? Definitiv nicht, wenn man die Möglichkeiten nutzt, die einem die Bolognaisierung (schönes Wort, nicht?) des Studiensystems bietet. Ich persönlich habe meines Erachtens das Maximum der neuen Möglichkeiten ausgeschöpft. Nach meiner Ausbildung bei einem fränkischen Reiseveranstalter habe ich mich für das Bachelor-Studium in Worms entschieden. Dort war es möglich, im Ausland zu studieren und daneben in Worms eine gute betriebswirtschaftliche Tourismusausbildung zu bekommen. An der Austauschuniversität konnte ich meine Wormser Kurse einbringen und bin folglich mit einem weiteren Bachelor-Abschluss nach Hause gekommen. Zwischen Bachelor und Master-Studium habe ich noch ein sechsmonatiges Praktikum in der Pricing/Controlling Abteilung eines großen Autovermieters eingeschoben und wurde schließlich für das Master Studium Managerial Accounting and Control an der Aarhus School of Business zugelassen, also ein international anerkanntes Studium an einer Universität (!) im Ausland (!) auf Englisch (!). Wäre das auch möglich mit dem FH-Diplom? Ich wage es zu bezweifeln. Es markierte das Ende des Studiums auf Hochschulniveau. Die neue Studienwelt ermöglicht hier jedoch eine viel stärkere Akzentuierung des Schwerpunktes. Praktika sind mit Eigeninitiative auch im bolognaisierten Studiengängen möglich. Und dann ist da ja noch der Grundgedanke der Väter von Bologna: Bachelor at home, Master abroad. So kann man sich nicht nur selbst noch internationaler ausrichten, sondern seine Sprachkenntnisse erheblich verbessern. Die Möglichkeit der Promotion - für einen Diplom-FHler doch recht eingeschränkt - besteht darüber hinaus. Was kann man also festhalten? Man muss die Chancen ergreifen, die sich einem bieten. Und vielleicht nicht nur jammern, sondern anpacken. Zeichnete sich nicht gerade die Touristik dadurch aus?

von Andreas, 27.11.09, 10:13
Die leidliche Problematik mit den vollgepackten Semestern und den verkürzten Praktika höre ich als Leisure- and Tourismmanagement Student der FH Stralsund allzu oft. Genau an der Stelle aber, gehen meiner Meinung nach die Proteste in die falsche Richtung. Wie im ersten und zweiten Kommentar schon beschrieben liegt es einerseits ganz klar an der jeweiligen FH/Uni die Bologna Vorgaben umzusetzen und zweitens (wie im ganzen Leben) an einem selbst. Will sagen: Es kann ja keine Ausnahme oder Zufall sein, dass der Studiengang(akkreditiert) den ich besuche ein Auslandssemester und ein Praxis-semester als Pflichtprogramm enthält. Das heißt, wenn viele die Politik für die schlechte Umsetzung der Bachelor-Masterstudiengänge verantwortlich machen und die Politik sagt, dass dies an der schlechten Umsetzung der Hochschulen liegt, so muß ich den Politikern Recht geben. Tja, was die Frage nach Twitter und dem Geldverdienen angeht, so bin ich natürlich sehr sehr auf Ihre Antwort gespannt Herr Hildebrandt. Zeitgleich zu Ihrem Blog-Artikel brachten die Kollegen der FTD einen sehr interessanten Artikel heraus, der mein derzeitiges Empfinden darüber zum Ausdruck bringt. http://www.ftd.de/it-medien/medien-internet/:internet-ip-os-web-2-0-rennt-an-die-boerse/50042326.html

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