Thomas Cook

Der Fluch der Börse in der Reisebranche

Nimmt Air Berlin Abschied von der Börse? Das wäre vielleicht eine gute Idee. Auch für andere Reiseunternehmen ist die Börse manchmal mehr Fluch als Segen.

von Klaus Hildebrandt, 21.03.2014, 08:24 Uhr

Air Berlin ist ein Unternehmen, in dem sich die ganze Dramatik eines Börsengangs widerspiegelt. Als Joachim Hunold 2006 die damals stark expandierende Airline in London an die Börse brachte, wollte er dem noch mittelständisch geprägten Unternehmen die Möglichkeit eröffnen, sich am Kapitalmarkt zu finanzieren. Und er genoss auch den Glamour, den ein Gang aufs Börsenparkett mit sich bringt. Doch nach einem kurzen Höhenflug stürzte die Aktie ab und notiert heute bei einem Sechstel des Ausgabekurses von 12 Euro. Air Berlin finanziert sich vor allem durch Anleihen und den Verkauf von Vermögen wie Flugzeugen und Bonus-Programm. Kein Wunder, dass nun darüber spekuliert wird, dass Großaktionär Etihad das Börsenabenteuer beenden möchte und jenseits der gnadenlosen Transparenz des Kapitalmarkts die Anbindung der deuschen Beteiligung vorantreiben möchte.

Für Air Berlin könnte das gut sein. Schließlich hat der Börsengang außer vielen schlechten Nachrichten und dem Druck des Finanzmarkts nicht viel gebracht. Auch andere Konzerne wie TUI und Thomas Cook wissen davon ein Lied zu singen. Wenn das Geschäft gut läuft, können die Vorstände ihre Hauptversammlungen und die Analystenkonferenzen genießen. Aber wehe, eine Aschewolke, eine über mehrere Jahre ausbleibende Dividende (wie bei TUI), gravierende hausgemachte Probleme (wie bei der Finanzierungskrise von Thomas Cook) oder politische Instabilitäten etwa in Ägypten (wie gerade bei der Gewinnwarnung von Orascom Development des ägyptischen FTI- und RT-Investors Samih Sawiris) verhageln die Zahlen. Dann wird die Luft dünn, die Kritik und die Probleme in aller Öffentlichkeit ausgebreitet, so dass es bei bekannten Marken selbst der Endkunde merkt.

Wer auf private Investoren setzt, muss auch nicht jede Mode des Finanzmarkts mitmachen. Auf Druck der Investoren trennten sich zum Beispiel fast alle börsennotierten Hotelketten in den vergangenen Jahren von ihren Immobilien. Jetzt auf einmal sehen sie, dass das Geschäft nur als Management-Company oder Franchisegeber vielleicht doch sehr ausgehöhlt ist. "Asset-light" heißt eben immer auch, dass man in Schlechtwetterphasen kein Tafelsilber mehr hat und auch weniger Zugriff auf das Produkt.

Da können nicht-börsennotierte Wettbewerber viel entspannter agieren. Sie müssen den Analysten keine auf schönen Charts formulierten "Equity-Stories" und Gewinnziele für die nächsten fünf Jahre auftischen, sondern machen einfach ihr Geschäft, das in einer Branche wie der Luftfahrt und der Touristik nun mal gute und schlechte Jahre kennt. Klar, die großen Airline-Konzerne vom Schlage einer Lufthansa, IAG, Air France-KLM oder Easyjet brauchen den Kapitalmarkt für ihre Finanzierung. Online-Portale wie Expedia und Priceline hätten ohne die Börse ihr Wachstum nicht finanzieren können, auch die Opodo-Mutter Odigeo und das Flugportal Bravofly streben gerade an den Markt. Aber wer mit schmalen Margen als Händler agiert oder in volatilen Touristikmärkten unterwegs ist, für den kann der Finanzmarkt auch mehr Fluch als Segen sein.

Kommentare

von Michael Blahm, 25.03.14, 12:35
warum auch aus den Fehlern anderer lernen, besser dieselben machen

von Robert, 31.03.14, 14:12
Das der Reiseverkauf im März diesen Jahres bei den Reisebüros fast vollständig zum erliegen gekommen ist, weis jeder selber. Ich würde gerne in meiner Fachzeitschrift lesen können,warum das so ist !

von Christiane Pilars de Pilar, 02.04.14, 13:13
Stimmt, Robert. Das Geschäft in den Reisebüros hat im März deutlich nachgelassen, das haben auch unsere Recherchen ergeben. Aber dass das enorme Wachstumstempo vom Jahresbeginn nicht zu halten war, haben viele in der Branche erwartet. Schon seit Jahren verstärkt sich der Trend zum Frühbuchen, weil die Kapazitäten, die für einen hohen Lastminute-Anteil sorgen, nicht mehr so üppig im Markt sind. Dadurch baut sich ein hohes Plus am Jahresanfang aus, das sukzessive abschmilzt. So auch dieses Jahr. Der Sommer dürfte kumuliert immer noch 6 Prozent im Plus liegen. Das ist doch nicht schlecht, oder?

von Robert, 03.04.14, 14:08
Es ist nur so, das eigentlich alle größeren Reiseveranstalter nur noch durch Wachstum existieren können und einen derartigen Verkaufrückgang der zu den sonstigen Zielgebietsproblemen noch dazu kommt, wird Auswirkungen haben. Da das keiner gerne zu gibt, werden wir die tatsächlichen Auswirkungen erst wieder sehen wenn es zu spät ist, also zeitversetzt in ca. 2 Monaten. ( ich bin kein Hellseher, aber schon 25 Jahre dabei in der Touristik )

von Robert, 12.05.14, 17:52
Mit über einem Monat Verspätung kann man nun den Umsatzrückgang auch in der Fachzeitschrift lesen ! Um Schaden abzuwenden leider zu spät !

von Klaus Hildebrandt, 14.05.14, 14:44
Hallo Robert, da haben Sie aber den Bericht auf Seite 44 der fvw Nr. 8 vom 11. April überblättert! Und auf fvw.de gab es auch mehrere Trendberichte.

von Robert, 15.05.14, 09:42
Ich muß das wirklich übersehen haben - zwischen all den positiven Meldungen vor der Europawahl ! Unsere älteren Mitbürger, auf deren Reisebuchungen wir uns im Frühjahr immer freuen konnten, beschäftigt der Krieg im Osten derzeit mehr als der Wunsch zu reisen.

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