Tagebuch

Agadir: Kommen wir zur Sache, Herr Präsident

Unser Dank geht an die Kandidaten und Gastgeber der DRV-Jahrestagung. Haben wir etwas vergessen? Leider eine ganze Menge. Der finale Teil unseres Marokko-Tagebuchs.

von Dirk Rogl, 28.11.2010, 11:23 Uhr

Einige Orakel hatten das Gegenteil schon sicher vorausgesagt. Und auch Jürgen Büchy konnte sein Glück anfangs kaum fassen. Der DB-Manager ist neuer Präsident des Deutschen Reise-Verbands. Seine kurze Dankesrede nach Bekanntgabe des Wahlergebnisses recht unverbindlich, spontan und herzlich. Keine Frage: Auch Büchy war vom Ausgang der gestrigen Wahl überrascht.

Bevor wir uns der spannenden Frage widmen, wie lange die Freude des Jürgen Büchy anhalten mag, hier ein wichtiger Dankesblock. Mein aufrichtiger Dank geht an Ex-Präsident Klaus Laepple für den intensiven Dialog mit unserer Redaktion während seiner zehnjährigen Präsidentschaft. Und er geht an die Gastgeber vom DRV und in Marokko für einen ziemlich perfekt organisierten Rahmen Jahrestagung, die gestern mit Gala-Dinner und einem Feuerwerk am Strand seinen Abschluss fand.

Dies Dankesreden enden hier, und das ist das Fatale daran. Ganz gewiss habe ich viele Namen vergessen. Etwa die langjährigen DRV-Vizepräsidenten Hans Doldi und Ralph Osken, die auf der großen DRV-Bühne gestern nur knapp bis gar nicht gewürdigt worden sind. Dieser Fauxpas, der aus den Wirren der Amtsübergabe resultieren mag, wird umso größer, wenn man bedenkt, dass auf dieser DRV-Tagung so intensiv wie nie zuvor über Personalien diskutiert worden ist.

Die Konzentration auf das Menschliche lag wohl nicht allein an der Brisanz des Duells Jürgen gegen Jürgen. Die Diskussion über viele relevante Sachthemen ist vom DRV und seinen Lenkern nur bedingt angestoßen worden. Dazu gehört der vom DRV selbst initiierte Datenstandard für den Pauschalreise-Vertrieb ebenso wie die rasant wachsende Bedeutung Googles im Reisegeschäft oder die Herausforderungen des Direktvertriebs.

Die DRV-Gäste, die morgen wieder in den deutschen Touristik-Alltag eintauchen, kommen zurück mit einer Flut von Anekdoten über die Mehrheitsfindung an der Verbandsspitze und die etwas stolperhafte Amtsübergabe. Zum inoffiziellen Finale der DRV-Tagung nach dem großen Gala-Empfang gestern Nacht wurden übrigens weder der Amtsinhaber noch sein Vorgänger gesichtet. Die gefühlte Mehrheit der DRV-Gäste hatte sich – völlig altersübergreifend – den Weg in die megalaute Diskothek des Sofitel gebahnt.

Es hatte sich rumgesprochen, dass im Sofitel schon in den Nächten zuvor die Post abging – und dass der satte Bass der Musikanlage den persönlichen Dialog auf ein Minimum reduzierte. Auch das war sichtlich willkommen. Von Montag an sollte er wieder aufgenommen werden. Viel Glück, Herr Präsident.

Kommentare

von Rainer Nuyken, 29.11.10, 10:26
And the winner is: der DRV! Erstmals standen zwei Kandidaten zur Wahl, einer vom Vorstand im Konsens mit den Konzernen gekürt, der andere auf Druck mittelständischer Unternehmer aus den Säulen A und C nachnominiert. 45 Prozent der abgegebenen Stimmen waren für den Kandidaten des Mittelstands. Das ist einerseits ein überwältigender Erfolg, andererseits aber auch ein Armutszeugnis für den Mittelstand selbst, denn die Wahlbeteiligung betrug nur 53 Prozent! Und das trotz mehrfacher Aufforderung in DRV-Rundschreiben und Pressemeldungen zur Stimmrechtsübertragung, wenn man nicht nach Agadir reisen würde. Die Konzerne hatten ihre Stimmen vollzählig eingesammelt. Der Mittelstand aber ging nur zu einem geringen Teil zur Wahl, ja sogar einige in Agadir anwesende Mittelständler holten ihre Wahlunterlagen nicht ab und machten lieber Sightseeing oder Wellness. Trotzdem bekam Jürgen Marbach 45 Prozent der Stimmen, ein überragende Beweise dafür, dass die Stimme des Mittelstandes den Verband bestimmen könnte, wenn sie denn nur endlich mal aktiv würde und wenn die vielen Reisebüros, die immer neue Gründe für ihren Nicht-Beitritt suchen, endlich mal mitmachen statt immer nur meckern würden. Jeder wird im DRV gehört. Und ein Mitgliedsbeitrag ab 240 Euro kann kein Argument sein: das ist weniger als eine einspaltige 50 Millimeter SW-Anzeige kostet! Der DRV ist der Gewinner dieser Wahlen. Wer jetzt nicht Mitglied wird, um konstruktiv mitzureden, der soll doch bitte für immer schweigen! Angesichts von 45 Prozent Gegenstimmen können der neue Präsident und die Konzern-Vertreter im Vorstand den Mittelstand nicht ins Abseits stellen. Das ist die Chance des Mittelstands und vor allem der kleinen Reisebüros. Nie war unser Standing im DRV besser als heute. Mitmachen statt Meckern heißt jetzt die Devise. Und dann ist Jürgen Büchy mit Sicherheit auch für uns der richtige Präsident. Viel Glück und Erfolg, Herr Büchy! Rainer Nuyken, Treffpunkt Schiff / AtourO GmbH Rainer Nuyken (Marbach-Wähler)

von Rainer Nuyken, 29.11.10, 10:30
Nachsatz: der DRV-Mitgliedsbeitrag ab 240 Euro ist der Jahresbeitrag und gilt nicht etwa pro Monat! Rainer Nuyken

von Helmut, 29.11.10, 11:19
Jürgen musste gewinnen. Jürgen Büchy hat gewonnen und ist eine gute Wahl. Er muß und er wird sicher die "reisebürobranchenunfreundlichen Schatten" seiner beruflichen Vergangenheit ablegen und ein engagierter Präsident zum Wohle des DRV sein. Jürgen Marbach wäre mit seinem unbelasteten Branchenbackground und seiner absoluten Unabhängigkeit ebenfalls eine gute Wahl gewesen. Seine pointierte Wahlkampfrede hat vermutlich bei dem einen oder anderen der wenigen "freien" Wähler die Wahl auch noch zu dessen Gunsten beeinflusst. Erschreckend für mich war aber, wie offensichtlich verfeindet ehemals eng befreundete Oberprotagonisten der beiden Wahlkampflager im Vorfeld und auch noch unmittelbar danach miteinander umgegangen, fast aufeinander losgegangen sind. Manche der verbalen Freundlichkeiten waren erkennbar vergiftet. Das zeigte sich u. a. überdeutlich bei den 3 Stimmenthaltungen für die Wahl von Klaus Laepple zum Ehrenpräsidenten. Da wird Jürgen Büchy sein ganzes Geschick aufwenden müssen, um diese Lager wieder zu versöhnen. Man kann nur hoffen, dass ihm das rasch gelingt. Hätten wir noch eine investigative Fachpresse, wären sicher die Hintergründe mancher Kungeleien, die wohl nur Insidern bekannt sind, ans Tageslicht gekommen und hätten beim unabhängigen Wahlvolk für etwas mehr Transparenz, vielleicht auch für Auf- oder gar Erregung gesorgt. In der vorsichtigen Berichterstattung - siehe auch Dirk's Blog - kann man das als Außenstehender wohl nur erahnen, warum was wie abgelaufen sein muß. Aber ansonsten wird Agadir als eine der guten Tagungen im Gedächtnis bleiben. Und falls jemand den 2,0-Vortrag von Prof. Kruse nicht mitbekommen haben sollte, dem kann man nur empfehlen, ihn in der angekündigten DRV-Dokumentation nachzulesen: Allein schon für diesen augenöffnenden Vortrag hat sich die Reise nach Agadir gelohnt.

von Klaus Hildebrandt, 29.11.10, 11:54
@Hans: Zu den Kungeleien im Vorfeld empfehle ich die Titelgeschichte der jüngten Ausgabe, zum Ablauf der jetzigen Tagung die nächste Ausgabe der fvw am Freitag dieser Woche. Wir machen eben Print was anderes als Online, und verschießen auch nicht alles Pulver auf einmal.

von ghostwriter, 29.11.10, 22:37
Wir alle sind gespannt, wie viel "Wikileaks" in der nächsten fvw steckt. Es muss ja nicht gleich das Niveau des Touristik Reports sein, der zwar sehr investigativ war, oft aber auch persönlich verletzend gegenüber den Protagonisten. Der fvw würde es gut tun, die Dinge und Fakten aus Agadir beim Namen zu nennen. Auch die, dass sich die Destination sehr viel Mühe gemacht hat und positiv in Erinnerung bleiben wird - im Gegensatz zum schwachen Tagungsprogramm. PS Das würde auch die Auflage steigern, nicht jedoch die jüngste Einschränkung des Zugangs zum fvw Newsletter!

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