Start-Ups

Klappt Airbnb nur mit dem Bett?

Airbnb ist der Rulebreaker im Beherbungsgewerbe. Aber wozu den kommerziellen Betrieb privater Erlebnisse nur auf das Bett konzentrieren? Ein kleiner Haufen Kreativer hat jetzt ein interessantes Geschäftsmodell skizziert. Lässt sich das überhaupt aufhalten?

von Dirk Rogl, 29.04.2014, 08:54 Uhr

Auch die stärksten Kritiker sind sich einig: Das Geschäftsmodell von Airbnb ist gekommen um zu bleiben. Das Übernachtungsportal schafft einzigartige Erlebnisse, weil es neben der Location auch den Gastgeber als authentisches Highlight der Reise in den Vordergrund stellt. Auf dem Destinationcamp in Hamburg, einem Workshop-Event eben nicht nur für Destinationsverbände, war die steigende Dominanz von Airbnb und seiner Wegbegleiter ein heißes Thema.

In diesem öffentlichen Raum hat eine kleine Arbeitsgruppe (Angela Gößwein, Oliver Melchert, Susanne Grasegger, Katharina Waschau, Bert Balke, André Karp und der Autor dieser Zeilen) am Wochenende einen Business Plan entwickelt, der schnell die Runde machte. Und da der Sieger eines virtuellen Start-Up-Wettbewerbs auf einem öffentlichen Event eben nicht im geheimen Zirkel gearbeitet hat, veröffentlichen wir das mit einem realistischen Geschäftmodell ausgestattete Konzept unseres virtuellen Erlebnis-Portals "Local Emotion" auf vielfachen Wunsch gleich einmal hier.

Was wäre, wenn auch lokale Erlebnisse nach dem Airbnb-Prinzip vermarktet werden? Geführte Shopping-Touren mit lokalen Gastgebern, die ähnlich ticken wie der modebewusste Gast selbst? Oder begleitete Besuche in der zumeist nur per übertragbarer Dauerkarte zugänglicher Fankurve eines Fußballvereins statt dem regulären Kauf eines Eintrittstickets?

Zugegeben: Wir operieren hier genauso arg an der Grenze zum Schwarztourismus wie es Airbnb bei Übernachtungen kopiert. Es wird die gleichen Probleme hinsichtlich Produkthaftung und Besteuerung geben, wie in der Hotellerie, die gegen das Airbnb-Prinzip völlig zu Recht auch rechtliche Schritte einleitet. Wir glauben allerdings, ein solches Produkt lässt sich kaum mehr aufhalten.

Die Idee, Erlebnisse vor Ort zu personalisieren ist so neu übrigens nicht. Couchsurfing und Meetup machen das sehr erfolgreich als Communities, ohne dabei ein transaktionsbasiertes Geschäftsmodell entwickelt zu haben. Getyourguide und die TUI-Travel-Tochter Isango haben auf ihren Portalen Ausflüge und Erlebnisse weltweit verfügbar gemacht, ohne dabei private Begegnungen abzudecken. Und eine Reihe von Destinationen bemühen sich um den Austausch zwischen Gast und lokaler Bevölkerung. Allerdings mit dem Risiko, dass durch die professionelle Organisation die Authentizität dieser Begegnung gemindert wird. Mitfahrzentralen sind trotz der aktuell steigenden Fernbus-Konkurrenz im Verkehrsgewerbe ohnehin eine feste Instanz.

Ein ordentliches Startkapital wäre wohl nötig, um "Local Emotion" abheben zu lassen. Genau genommen wären es etwa sechs Millionen Euro, um bereits nach einem Jahr mit rund 100.000 kommerziellen Buchungen und unendlich vielen kostenfreien lokalen Kontakten gewinnfähig zu sein.

Die Macher des Destinationscamps werden die Ergebnisse der vielfältigen Zukunfts-Workshops ohnehin in Kürze veröffentlichen. "Local Emotion" ist nur ein Teil davon, aber eben ein heiß diskutierter und offenbar sehr realistischer. Was glaubt Ihr, wird die Vermittlung privater Angebote auch jenseits der Übernachtung an Bedeutung gewinnen? Oder aus Sicht der etablierten Anbieter: Wie lässt sich die neue Konkurrenz für kommerzielle Anbieter von Stadtführungen und Ausflügen überhaupt aufhalten.

Kommentare

von Kirsi Hyvaerinen, 29.04.14, 11:32
@ Dirk et.al: "Local Emotion" wird funktionieren. Gute Gastgeber praktizieren es sowieso schon. Den wachsenden Bedarf spürt jede/r die/der in einer Destination lebt, die wegen der Sprache, Geschichte, oder auch dank der hauptsächlich paketierten, pauschalisierten und dadurch reduzierten Online-Buchbarkeit für den individuellen Traveller nicht optimal zugänglich ist. Viele suchen doch das Echte und Emotionale. Zum (gerne unbewussten) Design von Erinnerungen. Finnland hatte vor ein paar Jahren bereits das alternative Guiding-Modell unter dem Namen "City Sherpas" am Start, doch noch ohne diesen Anspruch von "anything goes". Seit dem ich in Montenegro lebe - wie oft gebe ich schon wahre Geheimtipps weiter (die in Reiseführern sind keine mehr) - helfe bei der persönlichen Begegnung mit Menschen, ihren Geschichten und Wünschen (der Reisenden und der Einheimischen) - und noch so ein Nugget aus dem Destination Camp: "auf Augenhöhe!". "Handle stets so, dass die Anzahl von Möglichkeiten wächst" (Heinz von Förster) - für beide Seiten eine gesunde Vision. Das ist auch das, was mir in Ländern wie Abu Dhabi ein gänzlich anderes Erlebnis ermöglicht hat (airbnb lässt grüßen). Und: Aus dem Destination Camp 2013 kamen wir mit einem Ergebnis raus, das zum Branding dieser Idee die Steilvorlage liefert. Bin gespannt, wer loslegt. Die URL scheint jedenfalls noch frei zu sein.

von Michael, 29.04.14, 12:14
Welch ein Zufall hab ich mir die Couchsurfing-Plattform nach längerem wieder angeschaut. Die Diskussionen in den Foren, also neben der Couchvermtllung, zeigen das enorme Potenzial, geben endlos Daten, Themen und Macher vor und bestätigen deine These: der Mindset moderner Reisender will das und also wird es kommen.

von Bernd Hellmuth, 29.04.14, 13:11
Moin, Die Idee ist ja nicht schlecht, leider gibt es aber zwei Beispiele die zeigen, dass das nicht funktionieren wird: GetYourGuides Grundidee war die "Vermittlung" von lokalen privaten Reiseführern für Reisende. Also ein Student will nach Berlin und fragt einen anderen Studenten ob er Ihm (gegen bares) die Stadt zeigt. Der Business-Plan wurde dann recht schnell auf das aktuelle Model umgeschrieben... Und...2013 schluckte GetYourGuide dann den "Erlebnismarktplatz" namens Gidsy, dessen Businessmodel dem hier geschilderten Plan ziemlich genau entsprach ;)

von Gunar Bergemann, 29.04.14, 18:21
Eine Klasse Idee und irgendeiner wird es verfeinern und umsetzen - definitiv. In der aktuellen fvw gibt´s auf Seite 44 den StartupCheck... vorgestellt wird Regiondo - wahrscheinlich auch ein möglicher Kandidat (neben Getyourguide), diese Idee als Teil seines aktuellen Portfolios aufzubauen, auszuprobieren bzw. anzubieten und mit begleitender Werbung bzw. einer Gegenüberstellung unterschiedlicher Angebote - klassisch und individuell bzw. in puncto Preis, Leistung und Inhalt - auch genügend Spielraum zum Geldverdienen haben und nutzen (pay for what you get). Siehe www.regiondo.de. Ich bin gespannt, was sich aus dieser Idee weiterhin entwickelt... Good luck!

von Rafael Enzler, 01.05.14, 07:28
Eine spannende Idee mit zweifelsohne Potential. Allerdings müsste das Produkt aus meiner Sicht einige Hürden nehmen, um sich auf dem Markt durchzusetzen zu können. Dazu gehören meiner Meinung nach der Aufbau einer kritischen Masse von Angeboten, so dass die Plattform effektiv für Reisende von Relevanz ist. Ebenso wird die Strukturierung des Angebots und die Sicherstellung der Verfügbarkeit nicht ganz einfach sein. AirBnB hat schlussendlich doch den Vorteil, dass ein Bett im weiteren Sinne ein standardisiertes Angebot ist. Bleibt zuletzt die Frage des Vertrauens, welches beim Nutzer der Angebote geschaffen werden muss. Wie gelingt es, ein solches zu entwickeln? Vielleicht müsste man den Aufbau sehr lokal vorantreiben.

von Florian Ziegler, 05.05.14, 11:47
Lieber Herr Rogl, ein interessanter "Geschäftsplan", und ohne hier Kritik und Eigenerwähnung überzustrapazieren, wundere ich mich dann doch einmal mehr sehr stark, warum mit getyourguide und isango eben wieder einmal zwei Player genannt werden, die eben eher auf größere Sightseeing-Anbieter setzen, als wir es z.B. mit rent-a-guide.de, nicht erst seit der Übernahme von localguiding.com, machen. Aber auch regiondo wurde hier in den Kommentaren zurecht genannt, im Outdoor-Bereich könnte man noch ein guiders dazu nehmen. Es gibt noch viele weitere, kleine Plattformen. Am besten abgebildet, ich möchte fast sagen nahzu perfekt (wenn ich aus ihren Zeilen den B-Plan korrekt ableite) hat das von der Arbeitsgruppe entwickelte Konzept jedoch bereits Gidsy, das wie erwähnt von Getyourguide geschluckt wurde. Im Übrigen wurde auch hier pressemäßig gerne auf das Vorbild airbnb verwiesen ;). Was aus den Produkten und dem Geschäftsmodell wurde, ist mit einem intensiven Blick auf getyourguide leicht zu recherchieren. Nicht jeder hippe Trend ist ein Geschäftsmodell, am Ende kommt es darauf, die richtige Mischung zu finden. Das macht Airbnb (nicht nur wirtschaftlich) besser als Couchsurfing, und das machen getyourguide, rent-a-guide und regiondo besser, als es Gidsy gemacht hat...

von Philipp Dostal, 28.05.14, 10:01
Hallo Herr Rogl, eine gute Idee, die hier gemeinsam entwickelt wurde! Ein Treiber dieses C2C- oder auch C2B-Geschäftsmodells werden sicherlich bestimmte Gemeinsamkeiten (z.B. eine bestimmte Herkunft) zwischen dem lokalen Experten und dem Reisenden sein, wobei ich konkret an folgendes denke: 1. Medizin-Tourismus aus Entwicklungsländern. Menschen, die sich einer medizinischen Behandlung in Deutschland unterziehen müssen, suchen gezielt Landsmänner (etwa ausländische Studenten, Immigranten) die die Reise organisieren und als Insider vor Ort zur Verfügung stehen. Ein Tourismus-Segment, das heute de facto schon existiert und mit Hilfe der sozialen Medien noch verbessert werden könnte. 2. Ältere Menschen, die der Sprache des Reiselands nicht mächtig sind, wenden sich an Expatriots im Zielland, die die gleiche Sprache sprechen. Eine wichtige Rolle könnten im übrigen auch Reisebüromitarbeiter spielen: Sie sind lokale Experten und sie kennen sich mit der Organisation von Reisen aus.

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