Social Media

Sind auf Facebook lauter Schizophrene unterwegs?

Facebook polarisiert mehr denn je. Auf der einen Seite gibt es einen unheimlichen Sog, selbst dort mitzumischen, auf der anderen Seite tauchen regelmäßig Meldungen über mangelnden Datenschutz und sogar Datenlecks auf. Eine objektive Auseinandersetzung mit „The Social Network“ fällt zunehmend schwerer.

von Arndt Aschenbeck, 22.10.2010, 15:46 Uhr

Wenn ich mir die derzeitige Diskussion über Facebook so anschaue, kommt mir ein alter Bürospruch in den Sinn: „Muss man bekloppt sein, um hier zu arbeiten?“ – „Nein, aber es erleichtert die Sache ungemein ...“

Für das hippe Netzwerk könnte man die Frage in etwa so umformulieren: „Muss man schizophren sein, um bei Facebook Mitglied zu werden?“ Die Antwort wäre dieselbe. Denn es erleichtert die Sache in der Tat ungemein, wenn man in der Zeit, wo man sich in Facebook bewegt, das gesamte Thema Datenschutz ausblendet und aus seinem Bewusstsein verdrängt. Ansonsten würde man wahrscheinlich umgehend sein Profil löschen. Wenn das nicht schon die ersten Anzeichen einer beginnenden Schizophrenie sind ...

Nun ist das Thema Datenschutz schon ziemlich ausgelutscht. Die Meinungen sind seit langer Zeit verfestigt. Es gibt die Hardcore-Datenschützer, die Facebook, Google und Co als Vorhof zur Hölle des vollkommen gläsernen Bürgers sehen. Und dann gibt es den Rest, der von Zeitgeist spricht und davon, dass die Leute es ja wohl selbst wissen müssen, wie weit sie ihren persönlichen Daten-Striptease treiben wollen. Schließlich seien wir ja alle erwachsen und mündige Bürger.

Zwischen diese recht klar abgegrenzten Diskussionslinien schiebt sich in jüngster Zeit allerdings immer mehr eine dritte Sichtweise. Die man so zusammenfassen könnte: „Ich will eigentlich nicht bei Facebook mitmachen, aber ich muss irgendwie und mach’s dann doch.“ Die Politiker reden in solchen Fällen übrigens nicht von Schizophrenie sondern von „Sachzwängen“ (wenn sie zum Beispiel vor der Wahl etwas versprochen haben und hinterher das genaue Gegenteil tun).

Man hört diesen Satz immer öfter von Menschen, die sich beruflich mit Social Media und dabei vor allem mit Facebook auseinander setzen müssen. Zwölf Millionen Deutsche, die sich mittlerweile in Facebook tummeln, kann man aus Marketing-Sicht nicht mehr so einfach ignorieren. Also sehen sich selbst überzeugte Internet-Zugeknöpfte zunehmend genötigt, ein Facebook-Profil anzulegen, um zu sehen, wie das mit dem "social Networken" so funktioniert. Der Sog aus dem Freundeskreis und der berufliche Druck, auf Facebook aktiv zu werden, hat aus meiner Sicht seinen Höhepunkt erreicht.

Beliebter macht das Facebook allerdings nicht. Und wenn man dem Meinungsforschungsunternehmen "YouGovPsychonomics" glaubt, verschärft der Facebook-Film diesen Trend noch. So erreicht Facebook aktuell Minus 20 Brand-Index-Punkte und damit etwa zehn Punkte weniger als noch zu Beginn des Monats. Im Jahresverlauf waren die Werte zum Teil sogar auf Minus 40 angelangt – nicht zuletzt wegen der von Verbraucherschutz-Ministerin Ilse Aigner angezettelten Diskussion.

Sieht also alles schwer nach einer kollektiven Schizophrenie-Welle aus, die nach und nach alle Bevölkerungsgruppen überrollt. Und, sind Sie noch über Wasser?

Kommentare

von Christa Hebestreit, 22.10.10, 16:15
In Facebook noch über Wasser? nein, aber auf der Farm. :-))) Und bitte: Wer ist Frau Aigner? Ist das die, die außer Google kein anderes Thema kennt?

von Burkhardt Schmidt, 22.10.10, 16:42
Erst war nur Zuckerberg schizophren (und beziehungsgestört). Jetzt sind es schon eine Dutzend Million Deutsche ... ;-)

von Hans, 22.10.10, 16:44
ich lese immer von den aktivitäten vieler veranstalter in den social networks - konkrete beispiele kenne ich bisher keine. Wo sind die seiten für den austausch von gedanken, beschwerden, ideen? Das gilt ja nicht nur für RV, sondern genauso für parteien und alle anderen gruppierungen. Hat obama in den usa im letzten wahlkampf nicht vorgemacht was social media erreichen können? Das allermeiste was ich in fb finde / lese ist (leider) mehr als belanglos. Mein 22 jähriger jüngerer patensohn dazu: das ist eine generationsfrage, das verstehst du nicht...

von Thorsten Lehmann, 22.10.10, 17:19
Die Frage sollte man mal auf Facebook stellen: "Halloooooo, gibt es hier jemanden der hier eigentlich gar nicht sein will? Hallooooo?" Irgendwie mag ich daran nicht glauben. Und wenn es diese 3. Gruppe gibt, dann sind das vielleicht die Facebook-Spanner die nichts von sich preisgeben oder einfach nur unsicher oder neugierig sind. Und für diese Gruppe dürfte der mangelhafte Datenschutz wohl eher auch keine Rolle spielen. Stimmt ja eh nicht was da geschrieben steht... Anlegen eines Facebook-Profil durch gesellschaftlichen Druck? Mh. Ich erlebe es in meinem privaten Umfeld ganz anders: "Wie, Du hast ein Facebook-Profil? Spinner!!! OK, ein bisschen "total-bekloppt" muß man wohl sein. Darüber bin ich übrigens sehr froh und lebe sehr gut damit - trotz mangelnhaften Datenschutz.

von Thorsten Lehmann, 22.10.10, 17:58
@Hans: Seiten zum Austausch von Gedanken, Beschwerden und Ideen gibt es reichlich. Und wenn Ihnen das nicht reicht, dann werden Sie selbst aktiv. Web 2.0 wird nicht umsonst als Mitmach-Web bezeichnet. Gerade in Facebook wird nichts für, sondern von uns gemacht. Die Social Networks sind lediglich ein Tool um etwas zu gestalten... Und, ich kenne zwar Ihr Alter nicht, aber einige der Touristiker z.B. auf FB sind schon über die 30 oder die 40 hinaus. Die verstehen die Social Networks sehr gut...

von uwe frers, 22.10.10, 22:28
nur wegen sozialem druck der anderen bei facebook? quasi ungewollt? verstehe die grundfrage nicht. wer es persoenlich will, soll es machen, wer nicht, eben nicht. und wer meint, sein business damit bereichern zu koennen, soll es machen. wer nicht, eben nicht. es aber zu machen und sich gleichzeitig zu beschweren, verdient nur einen titel: schizophren.

von Sebastian Winkelmann, 23.10.10, 15:35
Ich habe mich Facebook lange erwehren können – eben weil man damit noch ein Fass aufgemacht hätte –, mich seitdem aber nur daran erfreut. Die Aktivität und Teilnahme kommt zuerst, das Gewöhnen und Erklärungsbedürftiges danach. Die Technik rennt hier sehr viel schneller, als man hinterkommt, geklickt ist schneller als verstanden. Zumindest im Twitter-Wahnsinn sehe ich keinen Sinn, zumindest nicht wenn der Tag nur 24 Stunden hat oder man nicht auch noch in der und über Nacht über hunderte vorangegange Tweets nachdenken möchte. Egal wie Facebook, wann oder warum: Wenn, dann richtig!

von Götz A. Primke, 23.10.10, 18:08
Moin Arndt, ein guter Beitrag. Doch sollte man immer, egal, wo man sich bewegt, aufpassen, welche Daten man wie freigibt und veröffentlicht. Die Datenkrake Guuugel hat eh schon eine Menge über jeden Einzelnen gesammelt. Facebook macht das jetzt noch besser, intensiver über den Einzelnen, dafür nicht gestreut für alle. Sinnvoll ist es also, je nach Grad der eigenen Schizo-Veranlagung, mehrere Identitäten anzulegen, wie etwa eine private und eine berufliche. Und dann die Schnittmengen jedesmal ordnen... Oder eine Fake-Person für sich aufbauen, mit der man die Tätigkeiten im Web macht, die nicht mit dem eigenen professionellen Profil verbunden werden sollten. Und eben möglichst keine privaten Details rausrücken. Oder aber sich einen Job suchen, bei dem man nichts im Internet zu suchen hat. Servus, Götz

von Babak Zand, 24.10.10, 12:01
Der Trend des "sozialen Netzwerkens" ist mittlerweile (abhängig davon, wo man seine berufliche zukunft sieht) verbindlich. Wer in der Kommunikation- und Marketingbranche arbeiten möchte, muss sich in den Bereichen einen Namen und somit auch ein Profil anschaffen. Wer sich später im Online-Marketing Bereich bewerben will, kann davon ausgehen, das er sicherlich überprüft wird. Dazu ein interessanter Artikel: http://www.hrinside.de/2010/10/wie-finde-ich-den-richtigen-social-media-experten/ Schöne Grüße Babak

von Götz A. Primke, 24.10.10, 16:24
@babak: Der verlinkte Artikel enthält zwar durchaus viel wahres. Doch wird hier überhaupt nicht auf den Punkt Security eingegangen. Ausserdem sollte es kein Kriterium sein, jemanden nach der puren Anzahl seiner Follower zu beurteilen. Dann schon - ähnlich wie der Autor bei den Facebook Friends fordert - eine qualitative Auswertung der Follower. Doch welcher HR'ler nimmt sich die Zeit, > 1.000 Follower und Friends durchzuklicken? Ausserdem sollte auf die Relation Follower zu Following geachtet werden. Und auf die Qualität der Follower bzw Verfolgten. Denn man kann einer Menge Schrott folgen oder lauter verstummten Testern. Es ist imho wichtiger, mit ein paar wenigen guten Entscheidern, Beeinflussern, Social Media Experten gute Diskussionen, Gespräche zu führen, sich auszutauschen etc.

von Babak Zand, 24.10.10, 20:29
Natürlich gibt es die Methode auf Twitter, wer vielen folgt, dem folgen auch andere. Für den qualitativen Inhalt bzw. der nützliche Follower, der auch einen Nährwert für sich und andere hat gibts es keine Garantie. Das wird nur durch die eigene qulitative Arbeit ins rollen gebracht. Dieser Artikel ist allerdings ein erster Orientierungsfaden, an dem man sich entlanghangeln und weiterbilden kann. Für Leute, die neu auf dem Gebiet sind, und sich später in diesem Bereich etablieren wollen, ist dies sicherlich eine Hilfe. Auf diesen Artikel gab es auch eine Reaktion: http://www.hrinside.de/2010/10/social-media-experte-einstellungskriterien/

von Ludwig & Ludwig, 25.10.10, 18:01
Für alle die noch nicht wissen, um was es bei FB geht ("Wir wollen dich doch nur kennenlernen" sehenswert!): http://www.youtube.com/watch?v=XvhVlPh6N3s PS: Wir gehören auch zu den Schizophrenen ;-)

von Arndt Aschenbeck, 26.10.10, 10:52
@Ludwig & Ludwig: Schönes Video. Und der Claim ist super kuschelig: "Wir wollen dich doch nur kennenlernen." Wer kann dazu schon nein sagen ... Übrigens greift auch ein aktueller Artikel der Welt den von mir geschilderten Gegensatz auf: http://tinyurl.com/394dzk2 Tenor: Die Unternehmen machen mit, obwohl sie Angst vor Geheimnisverrat haben ...

von Michael Buller, 27.10.10, 12:03
Social Web ist doch längst in unserem Alltag (Foren, Bewertungen, Blogs, Social Web) angekommen.....nur die Hauptseite (heute Facebook) ...ändert sich von Zeit zu Zeit! Das was wir noch lernen müssen ist der Umgang damit aufgrund seiner noch nicht all zu langen Existenz! Dabei wäre es so einfach: Sage bzw. Schreibe nichts was du nicht auch von Angesicht zu Angesicht sagen würdest! Das Web vergisst nichts ( und manche Menschen auch nicht!)

von Wolfgang Hoffmann, 28.10.10, 16:29
tja, seit ein paar Wochen bin ich auch dabei. Zum Test habe ich mich als junge, langbeinige Blondine ausgegeben, unter falscher Adresse natürlich, die von meinem Nachbarn. Na, bei dem vor dem Haus war ja vielleicht was los. Und der Guggelwagen hat es dann auch noch gefilmt. Im Prinzip macht mein Nachbar jetzt das Geschäft, weil ich mich denn doch zurückgezogen habe. Jetzt bin ich in Echt bei FB, habe Freunde aus dem RL wiedergefunden, die ich Jahre nicht gesehen habe und habe sogar neue "Freunde" gefunden. Tja, und wenn mir das auch zuviel wird, dann lösch ich alles von mir und geh lieber mal wieder in meine Stammkneipe.

von Michael Buller, 28.10.10, 16:32
so kann man es natürlich auch nutzen ;-)

von Thorsten Lehmann, 28.10.10, 16:35
Hört sich irgendwie vernünftig an...

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