Social Media

Digitale Duftmarken

Der neue Handy-Ortungsdienst Foursquare hat das Zeug, einen neuen Social-Media-Hype auszulösen. Die Grundidee ist einfach: Menschen teilen der Plattform mit, wo sie gerade sind. Zusätzlich gibt es einen Wettbewerb darum, wer am meisten rumkommt und seine Umtriebigkeit digital breit dokumentiert.

von Arndt Aschenbeck, 12.01.2010, 18:04 Uhr

Wenn ein neues Social-Media-Angebot im Netz aufpoppt, gibt es eigentlich immer die gleichen Reflexe. Die eine Fraktion stürzt sich voller Leidenschaft in eine Entdeckungsreise des neuen Internet-Territoriums und ist begeistert von den Möglichkeiten. Die Anderen kriegen erst mal ziemlich lange nichts mit. Und wenn das neue Webspielzeug dann auch auf ihrer Landkarte erscheint, gibt es die immer gleichen Kommentare: "Wer braucht denn sowas? Und wie soll man damit jemals Geld verdienen?"

So ähnlich dürften die Reaktionen wohl auch bei der neuesten Sau, die gerade durch das Social-Media-Dorf getrieben wird, ausfallen. Foursquare ist Vorreiter für eine Reihe von Geolocation-Diensten, die wie eine Mischung aus Microblogging-Tools wie Twitter, lokalen Branchenbüchern wie Qype und Googles Ortungsdienstes Latitude daherkommen. Anders als bei Twitter heißt die Frage aber nicht: "Was tust du gerade?" sondern "Wo bist du gerade?" Ähnlich wie Hunde ihr Revier markieren, setzen Foursquare-Nutzer digitale Duftmarken an ihrem momentanen Standort. Egal, ob sie eine Bar, ein Kaufhaus oder ein Klo betreten: Der erste Griff geht zum Handy, um die Location bei Foursquare (in der Szene nur 4SQ genannt) zu „unlocken".

Richtig lustig wird es aber erst dadurch, dass die schnöde Standortbestimmung mit einem Spiel verknüpft wird. Es geht darum, wer wo am öftesten war und überhaupt am meisten digitale Duftmarken verteilt hat. Dafür bekommt man dann Abzeichen oder einen Status wie „Bürgermeister", mit denen man sich in der Nutzergemeinde profilieren kann. Und natürlich gibt es auch Menschen, die diesen Wettbewerb richtig ernst nehmen. Nach dem Motto „Blau machen für das Bürgermeister-Amt". Spätestens an dieser Stelle gibt es auf die Frage, wer denn das braucht, eine ziemlich gute Antwort: Der Chef, den brennend interessiert, wo sein Mitarbeiter so alles digitale Duftmarken hinterlässt, während er angeblich krank das Bett hütet.

Kommentare

von Frank, 14.01.10, 18:34
Das Tool interessiert auch andere: Zum Beispiel Leute, die die Treue ihres Partners anzweifeln. Wahrscheinlich gibt es auch noch Seitenspringer/innen, die ihre Location mitteilen, obwohl sie doch heute abend gaaanz lange noch wichtige Termine im Büro haben.

von Netzreisender, 15.01.10, 10:01
Gut, dass Du das Thema aufgreifst. 4SQ, Gowalla & Co. ist momentan wirklich nur Spielerei für uns Geeks. Aber eben auch Ausdruck von neuen, sich entwickelnden Interaktionsmustern, die durch das mobile Internet und die Social Media möglich werden... Und mal ehrlich: was zum Spielen haben ist doch super ;-)

von Arndt, 15.01.10, 12:08
Ja, das stimmt. Mein etwas ironischer Umgang mit dem Thema soll nicht darüber hinweg täuschen, dass ich das Thema für sehr wichtig halte und interessiert verfolge. Spätestens die Titelgeschichte des Spiegel über Google zeigt, wohin die Reise geht. Jeder, der ein Handy benutzt, ist quasi heute schon gläsern...

von Uwe Frers, 18.01.10, 13:00
Es gibt seit längerer Zeit diverse Tools, um via Handy oder im Netz zu sagen, wo man war und wie es einem dort gefällt, wie zum Beispiel http://www.qype.de oder http://www.tripsbytips.de. Beachtenswert an den neuen Services ist die unglaubliche Einfachheit, mit der User geführt wird. DAS ist das für mich Entscheidende. Und davon können wir alle lernen: Erfolg bei Usern hat, wer komplexe Vorgänge einfach darstellt. Und wer Erfolg bei vielen Usern hat, sollte es langfristig auch schaffen, ein sauberes Modell der Monetarisierung zu schaffen.

von Bernd Schray, 18.01.10, 21:25
@ Arndt und andere. Dein etwas ironischer Umgang mit dem Thema trifft eben doch den Kern. Ich sag es mal ganz deutlich: Inzwischen geht es mir voll auf den Zeiger, jedem mein Innerstes und Äussertes zu offenbaren, mitzuteilen und zu veröffentlichen. Ich bin mir relativ sicher: Diese ganze Positionierung und Zurschaustellung, fast möchte ich sagen Prostituierung wird bald eine gewaltige Gegenbewegung hervorrufen. Jede Menge Leute wollen dann genau das Gegenteil, wieder Privates, für sich Gekehrtes, etwas Persönliches behalten. Der Trend wird irgendwann kippen. Jedenfalls geht es mir so. Ich blogge, aber in Zukunft mehr und streng thematisch. Dabei gebe ich schon genug von mir preis. Mehr will ich nicht. Und es interessiert mich nicht, ob jemand sich gerade in New York die Hände wäscht oder traurig ist und ich weiss, wo er sich genau befindet. Denn die Gefahr ist tatsächlich Die Totale Überwachung. Wer das nicht kapiert ist weder Geek noch Nerd sondern einfach fortschrittsgläubig dumm. Ganz allgemein gesprochen.

von Bernd Schray, 18.01.10, 21:48
ps: Ich hätte eine Idee für alle Geekprogrammierer und Nerddesigner: Das Spurenverwisch-Tool Catter. Wie man sich am geräuschlosesten im Netz bewegt und dabei so wenig wie möglich Spuren hinterlässt.

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