SEO

Wo ist noch die Nische im Longtail?

Es ist ein harter Weg, den Bergbahnen in den Alpen ein einheitliches Reservierungsssystem aufzuzwängen. Und es hat etwas von Kamikaze-Flug, alein für hübsche Videos die Strände dieser Welt per Helikopter abzufliegen. Bessere Erfolgsrezepte gibt es kaum. Für SEO´ler und Datensammler wird die Luft dünn.

von Dirk Rogl, 14.06.2012, 11:09 Uhr

Wer gewinnt wohl den Innovationspreis Sprungbrett des Verbands der Internet Reisevertrieb (VIR) im Jahr 2013? Vermutlich eine Buchungsplattform - sagen wir einmal - für Strandkörbe, Reiterferien oder Handtücher im Pool. Kurzum für ein touristisches Segment, für das es bis heute keine dominierende Vertriebsplattform gibt. Mit schöner Regelmäßigkeit würdigen die VIR-Experten jene mit dem Sprungbrett-Preis, die neue Produktsegmente buchbar machen. In den Vorjahren waren es Restaurantbesuche (Eat-The-World), Wandertouren (Komoot) und Ausflüge (Pocketvillage). In diesem Jahr waren es das Skipass-Reservierungssystem Snowbon und die Luftbilder-Datenbank Heliview von Traffics.

Beide Produkte agieren nach bisherigen Maßstäben des Reisevertriebs an der Grenze der wirtschaftlichen Vernunft. Bergbahnen machen auch ohne zentrale Buchungsplattform ein hervorragendes und äußerst margenstarkes Geschäft. Skipässe werden vor Ort gekauft. Der Preis spielt eine untergeordnete Rolle, eben weil die Preistransparenz fehlt und der alpine Winterurlaub ohne Lift schlicht keinen Sinn macht. Der aktive Wunsch der Bergbahnen nach einem zentralen Reservierungssystem dürfte minimal sein. Durchsetzen kann es sich dennoch, eben weil das Angebot im Internet schlichtweg fehlt und vom User gesucht wird. Gleiches gilt für die aufwändig produzierten Heliview-Videos von Traffics. Die Flugperspektive ist ein absolutes Alleinstellungsmerkmal für die Hotelauswahl. Reiseverkäufer, online wie offline, die ihren Kunden diese Daten anbieten, verfügen über einen echten Mehrwert, eben weil Heliview bislang nicht zum Standard-Repertoire des Reisevertriebs gehört.

Mit aller Macht sucht die Branche nach Unique Content. Gefragt sind einzigartige Produkte sowie exklusive Daten: Fotos, Bewertungen, Angebotsbeschreibungen und eben auch Videos. Nur wer exklusive Inhalte hat, kann sich von der Masse der Anbieter abheben. Auch diese These gilt für das Offline-Geschäft, aber im Internet gewinnt es an zusätzlicher Relevanz. Just in dieser Woche hat Google mit seinem Venice-Update abermals das Ranking seiner Sucherergebnisse geändert. Der Web-Gigant listet seine Suchtreffer jetzt auch nach lokaler Relevanz des jeweiligen Nutzers. Auch die inhaltliche Qualität der Web-Seiten sowie ihre Relevanz in sozialen Netzwerken spielt im Google-Ranking eine immer wichtigere Rolle.

All das ist prima für die Kunden. Es ist eine Katastrophe für jene Anbieter, die keine einzigartigen Angebote haben. Das wiederum trifft zu auf weite Teile des touristischen Vertriebs. Jene, die bislang auf die Google-konforme Optimierung ihrer Web-Inhalte und das mehr oder weniger wahllose Zusammentragen externer und austauschbarer Daten gesetzt haben, werden im Internet zunehmend unsichtbar. Das sind harte Zeiten für SEO-Experten und Content Aggegatoren. Und es ist eine Herausforderung für jene, die ihre Online-Umsätze bislang primär über eben jene Google-Optimierer und Datensammler angekurbelt haben.

SEO-Spezialisten werden nicht überflüssig, aber die Chancen im E-Commerce liegen anderswo. Einzigartigkeit ist gefragt. Der Longtail, der unendlich weite Bereich jenseits des klassischen Massenmarktes, wird in den nächsten Jahren vermutlich flächendeckend erschlossen.Aber wie groß ist das Spielfeld eigentlich? Relevante neue Märkte wie Privatunterkünfte (Airbnb, Wimdu, 9flats), Taxis (Mytaxi) und Ausflüge (Pocketvillage, Getyourguide) sind bereits gut erschlossen. Wo also sind noch neue Lücken im Longtail? Wer von Ihnen hat bessere Ideen als Strandkörbe und Handtücher? Und was sind eigentlich die Alternativen zum Longtail-Geschäft? Ich freue mich auf Ihre Meinung.

Kommentare

von Jürgen Barthel, 14.06.12, 12:10
Ich kann mich NICHT erinnern, wie viele Jahre zurück das Mantra auf ITB Kongress, wie auch beim FVW Kongress war: "Unique Content". Die Masse der Reisen sind und bleiben aber "austauschbare Ramschware", die es überall über die Massenportale (dank Traveltainment, Bistro & Co.) zu nahezu gleichen Preisen gibt. Abheben kann man sich heute wie damals, indem man "unique content" anbietet. Exklusiv buchbare Hotels ("gibt's nur bei uns"), Flüge in Ziele, die sonst keiner anbietet, Programme, die man so nicht bekommt. Im Konzert sind "Backstage-Pässe" immer noch so selten wie begehrt wie vor 20 Jahren und praktisch "unbezahlbar". Wenn dann noch die Positionierung stimmt, kommt es eben nicht mehr auf den Preis an, dann zählt der "psychologische Preis". "MIR ist es das wert". Gestern oder vorgestern berichtet: Die großen Veranstalter verlieren beim AER. Gleiches Thema. Der Nachteil: Wer einzigartige Programme anbietet trägt allein das Risiko. Und wenn man Erfolg hat, nehmen einem die Großen die Rosinen weg. Dennoch: Gerade in einem durch wenige Konzerne geprägten Markt fehlt die Individualität der Angebote. Hier können kleine Veranstalter weiter punkten. Und die Reisebüros sind gut beraten, diese kleinen Partner aktiv zu unterstützen, denn diese ermöglichen es ihnen, "unique content" anzubieten. Wo ist die Nische? Da wo sie seit Jahren dahinvegetiert: In der Nische ;-)

von Roland Delion, 14.06.12, 12:13
So "long" brauchen die "tails" gar nicht sein: Zum Beispiel belegen wir bei dem Suchbegriff Lahn Radweg (4400 Suchanfragen) seit einem Jahr mit einer Microsite Platz 1 bei Google für den Suchbegriff "Lahn Radweg". Die Microsite produziert 36 hoch interessierte Besucher pro Tag auf der Reiseveranstalterhomepage - und das für 0 Euro pro Klick. Ein besseres Kosten-Nutzen-Verhältnis gibt es nicht. Mit der Methode können noch ganz viele Nischen besetzt werden. Je länger dabei gewartet wird, zum Beispiel vor Jahren reservierte Domains ins Spiel zu bringen um so aufwändiger und teurer wird der Weg. Also besser gleich das Kosten Nutzen-Verhältnis prüfen lassen.

von Michael Koenigs, 14.06.12, 13:38
SEO ist sicherlich nicht tot, aber auch der beste "unique content" bringt nichts ohne eine entsprechende Usability oder Conversion Rate Optimierung auf der Programmierseite bzw. WebsiteLoadingTime oder Accessibility auf der technischen Seite.

von Andreas Nöthen, 14.06.12, 17:30
Ob SEO noch so wichtig ist kann ich nicht sagen wir haben keine Ahnung von SEO sind aber für die wichtigsten Suchbegriffe auf Platz 1. z.B. Ferienwohnung Köln oder Apartment Köln. Wir fragen uns warum erhalten Profis Tagessätze von 500 Euro und auf Platz eins sind andere die keine Ahnung haben.

von Dominik Sobotka, 14.06.12, 18:27
Tja, da traut sich wohl keiner was zu zu sagen... ;-) Ich glaube da sind nach wie vor genug Nischen. Die Frage ist doch wie immer: wer ist mit dem richtigen Angebot vor Ort bei der richtigen Zielgruppe? Das ein Online-Schuhshop im Jahr 2009 noch so erfolgreich werden könnte wie Zalando hätte wohl auch keiner gedacht (wobei zugegebenermaßen auch nicht viele Player mit einem solchen Startkapital den Markt aufrollen können...). Also nach wie vor Mut zur Lücke! Die Welt (ja, und auch Deutschland) ist reif für professionelle und gute Onlineangebote aller Art.

von Andreas Nöthen, 14.06.12, 18:37
Wenn man bedenkt das Zalando noch immer Verluste schreibt bleibt abzuwarten ob es ein Erfolg wird. Wimdu ist übrigens der gleiche Eigentümer :-)

von Daniel, 14.06.12, 21:58
Lieber Herr Rogl, ich bin ein großer Fan von Ihnen. Aber bitte keine missglückten Ausflüge in die SEO-Welt mehr. Bei dem obigen laienhaften (sorry dafür) Geschwurbel kommt sonst hier tatsächlich noch einer auf die Idee, Suchmaschinenoptimierung samt Kausalität und Korrelation bei Google wären so einfach nachzuvollziehen. Wie sagte einst Jens Fauldrath: "Einen komplizierten Sachverhalt kann man vereinfacht erklären. Ein komplexer Sachverhalt jedoch läßt sich nicht verkürzen, denn dies verfälscht das Ergebnis".

von Horst, 15.06.12, 09:04
Kann mich nur anschließen... Woher kommt denn eigentlich die Bezeichnung "eCommerce - Veteran"? Schon mal eine touristische oder nicht-touristische Seite richtig nach vorne gebracht? Oder immer auf die Tipps anderer angewiesen? Da kann ich Ihnen nur sagen: wir erzählen nur 20% von dem, was gemacht wird... Longtail zu optimieren war schon ein Anliegen von google in Kundenterminen vor 2,3 Jahren. Extrem zeitaufwändig und nur in Teilbereichen erfolgreich... Longtail mutiert mehr und mehr zu einer "Erfindung" von google, um a) kleine Anbieter nicht zu frustieren (ihr habt gegen die Großen keine Chance, setzt auf longtail) und b) so verscherbelt google quasi Restplätze und verdient noch den ein- oder anderen Euro...

von Dirk Rogl, 15.06.12, 11:49
Hallo Horst, Daniel, na, hab ich da einen wunden Punkt getroffen? Wenn Ihr/Sie Euren Schleier lüftet und/oder inhaltlich argumentiert, diskutiere ich gern mit. Schönes Wochenende.

von Jürgen, 16.06.12, 14:13
"Wo ist die Nische? Da wo sie seit Jahren dahinvegetiert: In der Nische ;-)" Das gefällt mir sehr. Bald sprechen alle über die faszinierenden Chancen des local business im Tourismus, was wohl auch die die Freizeit- und Reisebranche einschneidend verändern wird. Mit dem Einzug eines akzeptierten und einfachen mobile Payments wird es wohl soweit sein. SEO wird aus meiner Sicht künftig eine weniger Wichtige Rolle spielen. Ich nenne es mal "LOCAL SEO" in Kombination mit Social Media wird wohl dominieren. Weg von der Beliebigkeit der Inhalte, hin zu spontanem Buchen und erleben. Aus meiner Sicht ein künftiger Trend. Das bringt neue Modelle und ungeahnte Möglichkeiten hinsichtlich der Erstellung von Unique-Content.

von Michael, 17.11.13, 19:01
Hi Andreas, naja, die Aussage: "wir haben keine Ahnung von SEO" bringt mich zum Schmunzeln. Wer auf Platz 1 ist, dem ist doch bewusst, wie es funktioniert. Nicht umsonst werden dann Links gekauft und gesammelt :)

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