Schumann Reisen

Warum die Insolvenzwelle (k)ein Zufall ist

Die Wirtschaft boomt, die Reiselust steigt, aber immer mehr Touristikunternehmen geraten in wirtschaftliche Turbulenzen. Was uns die Fälle Schumann-Reisen, Olympia, Delphin und Hansa Kreuzfahrten sowie Hamburg International sagen sollten.

von Dirk Rogl, 25.10.2010, 13:44 Uhr

Es ist schon merkwürdig: Während sich weite Teile in einem absoluten Stimmungshoch befinden, kriseln immer mehr etablierte Veranstalter und Leistungsträger. Hamburg International hat ihren Flugbetrieb eingestellt, gegen den Busreiseveranstalter Schumann und die Reedereien der Delphin-Gruppe laufen Insolvenzverfahren. Und mit Olympia-Reisen stellt ein etablierter Spezialveranstalter seinen Geschäftsbetrieb ein. Ist das Zufall?

Klar ist: Mit der konjunkturellen Lage hat die wundersame Häufung von Unternehmenskrisen herzlich wenig zu tun. Am heutigen Montag schoss der Börsenindex DAX auf ein Jahreshoch. Die Arbeitslosenzahlen liegen deutlich unter Vorjahr. Gleiches gilt für die wichtigen touristischen Indikatoren, wie dem Tats-Reisebüro-Spiegel, dem Vertriebsklima-Index von Dr. Fried & Partner und der fvw sowie der Buchungsstatistik der GfK (siehe aktuelle fvw 21/10, S. 36). Woher kommen also auf einmal die schlechten Nachrichten?

Das Quintett war offenbar nicht gut für die Zukunft gerüstet. Im Falle Olympias ist es nicht einmal ein eröffnetes Insolvenzverfahren, sondern eine offenbar langfristig geplante Betriebsaufgabe. Die wirtschaftlichen Turbulenzen der Delphin-Gruppe und Schumanns-Reisen sowie ihrer jeweiligen Rechtsvorgänger sind lange bekannt und waren in den vergangenen Jahren – leider – immer wieder mal ein Thema in der fvw. Die Insolvenz von HHI kam schon überraschender. Bekanntlich fällt sie aber in eine Jahreszeit, in der es für Ferienflieger traditionell eng wird. Es spricht Bände, dass die Veranstalter den Ausfall der HHI-Flotte nahezu geräuschlos kompensieren konnten. Nach Ende der Herbstferien steht auf den Airports in Europa reichlich Kapazität zur Verfügung. So bleibt es traditionell zumeist bis zu Beginn der Osterferien.

Bleiben noch Schumann-Reisen, Delphin und Hansa Kreuzfahrten, deren jüngste Insolvenzverfahren jeweils eine lange Vorgeschichte haben. Besonders spektakulär ist der Fall von Schumann-Reisen. Firmengründer Thomas Schumann galt einst als einer der Vorzeige-Touristiker im Osten der Republik. Doch sein ehemals rasanter Expansionskurs fordert bereits seit Jahren seinen Tribut. Die Folge war die Konzentration auf das Kerngeschäft Bustouristik und im Vorjahr eine spektakuläre Kundenanleihe, die ihm zwar dringend benötigtes frisches Kapital einbrachte, ihn im Gegenzug aber zu großzügigen Reise-Discounts für seine Kapitalgeber verpflichtete. Mit dem möglichen Resultat dessen beschäftigt sich jetzt das Amtsgericht Gera.

So spricht einiges dafür, dass die aktuellen Negativ-Meldungen nicht der Beginn einer neuen Serie sind. Die Zahl der Reisebüro-Insolvenzen, die nicht laufend fortgeschrieben wird, ist nach Ansicht von Branchenbeobachtern leidlich stabil. Und im Veranstalter-Geschäft ruht die Hoffnung auf die nun einsetzenden Buchungen für das kommende Jahr. Sind das Gründe genug für Optimismus. Oder stehen uns weitere spektakuläre Marktaustritte bevor? Ich freue mich auf Ihre Meinung.

Kommentare

von Reinhard Sommer, 25.10.10, 19:42
Je größer der Unterschied ist zwischen der Realität und dem was in den Medien gezeigt wird, umso unerwarteter werden uns diese eigentlich vorhersehbaren Pleiten und die Kettenreaktionen davon treffen. Bei einer Insolvenz lösen sich die Schulden nicht in Luft auf - sondern die Schulden hat dann nur jemand anderes ! Ich denke da kommen in Kürze noch ganz andere Kaliber.

von Wiebke Harms, 26.10.10, 14:02
Ich denke nicht, daß es hier um eine verschobene Wahrnehmung von Realität und Medien-Information geht (s. Anmerkung von Herrn Sommer), die zu Insolvenzen führen. Die Medien sind ja nicht immer schuld :). Vielmehr sind es doch scheinbar vielfach Managementfehler, Fehleinschätzungen der eigenen Power und des Marktes gepaart oftmals mit ungesunden Risiken. Die Kundenzuneigung und der jährliche Buchungswille sind ein volatiles Gut, das man hegen und pflegen muß, ebenso wie den stationären Vertrieb, der diese Menschen an Buchungen heranführt. Wenn diese Verbindung jedoch von Seiten bestimmter Veranstalter zu sehr belastet wird, sei es, durch mißliche Entscheidungen in der Führungsebene oder durch übergroße Risiken, die ein Unternehmen zu schultern hat und es nicht schafft, dann wird es für alle im Markt schwierig ein Vertrauensverhältnis mit Vertrieb und Gästen zu etablieren, was für einen konstanten Geschäftserfolg wichtig ist. In sofern sind solche Geschehnisse wie jetzt ausgesprochen schädlich für das Vertrauen der Partner und Endkunden in die gesamte Branche, in der Rückschau besonders für das Vertrauen in die Kreuzfahrtbranche, die 2009 bereits zwei Insolvenzen erlebt hat (Transocean Tours und Deilmann Fluss) und dieses Jahr nun mit der Delphin Gruppe. Angesichts der überschaubaren Zahl der Schiffsreise-Veranstalter in Deutschland sind diese Ereignisse extrem ungut, da man als völlig gesundes Unternehmen mit üppigem Wachstum, sich plötzlich in Sippenhaft genommen sieht und dieser Branche unerwarteterweise ein Makel des Unkalkulierbaren angeheftet wird.

von Ammer, 26.10.10, 15:53
Neben den bekannten Managementfehlern kommt ein ganz wesentlicher Punkt hinzu: Die Produkt- und Vertriebsverantwortlichen müssen ihr Produkt ständig hinterfragen, ergänzen und regelmäßig erneuern. Nur so kann nachhaltig Erfolg mit touristischen Leistungen und Produkten erreicht werden. Alle in den vergangen Jahren (vor allem in der Kreuzfahrtbranche!) insolventen Unternehmen in der Touristik sind stehengeblieben und haben ihr Produkt nicht ständig überdacht und den Produktlebenszyklus entsprechend konsequent verkürzt. Dieser Zyklus beginnt bereits am Tag des Produktlaunch und endet nicht. Viele touristische Marken, häufig Tochtergesellschaften von renommierten und großen Reiseveranstaltern haben genau das gleiche Problem - sie sind einfach schlecht gemanagt, werden nicht erneuert und überleben letztlich nur auf Grund anderer Unternehmen die noch einen vernünftigen Deckungsbeitrag erwirtschaften.

von Ludwig, 05.11.10, 10:52
Another One Bites The Dust: " . . .EUROCYPRIA aufgrund von betrieblicher Insolvenz ihren Flugbetrieb eingestellt hat" http://www.businessweek.com/ap/financialnews/D9J9EVGG0.htm

von Christa Adler, 23.11.10, 00:05
Zur Insolvenz von Schumann Reisen möchte ich anmerken: Die Begründungen, die Thomas Schumann für seine wirtschaftlichen Schwierigkeiten gegenüber der Thüringer Landeszeitung am 15.10.2010 angegeben hat, sind nicht nachvollziehbar. Zitat: "Schumann belasten Altforderungen in Höhe von über drei Millionen Euro noch aus dem Jahr 2006. "Mit der Vogelgrippe ist das China-Geschäft zusammengebrochen", erklärt der Reiseunternehmer. Er konnte weniger Touristen aus Fernost nach Europa bringen, blieb auf Rechnungen in Höhe von 1,4 Millionen Euro sitzen." Ich habe in den Jahren 2001 bis 2003 für Schumann Reisen das Incoming-Geschäft aus dem Quellmarkt China aufgebaut. Dieses Geschäft bestand ausschließlich aus Kleingruppen von chinesischen Businesstravellern, welche stets sehr kurzfristig (d.h. innerhalb weniger Tage vor Einreise) gebucht wurden. Jede dieser Gruppen wurde erst nach definitiver Zusage aus China durchgebucht und jede war, zumindest in den Jahren, in denen ich dafür verantwortlich war, definitiv hochprofitabel. Dass es bei diesem Super-Last-Minute-Geschäft zu offenen Rechnungen in der genannten Höhe gekommen sein soll, ist schlicht unglaubwürdig und vorgeschoben. Vielmehr scheint es sich um eine Mischung aus betriebswirtschaftlichen Fehlern, verbunden mit einer falschen Preispolitik und untragbaren Ausgaben z.B. für Motorsport-Sponsoring, das Hobby von Thomas Schumann, zu handeln. Mit Sicherheit spielt auch der äußerst autoritäre Führungsstil von Herrn Schumann eine Rolle. Die bekannte "Gutscheinaktion" (verbunden mit dem Versprechen von hohen Rabatten bei künftigen Buchungen) aus 2009, die nichts anderes war als eine äußerst blamable Anleihe bei seinen Kunden und die rechtlich zumindest in einer Grauzone stattfand, zeigt dies beispielhaft. Geradezu zynisch mutet da die Aussage von Herrn Schumann in dem o.g. Interview mit der TLZ an: "Thomas Schumann sieht die vorläufige Insolvenz als eine Chance, den Zopf der Altlasten abzuschneiden." Ich hoffe, Herr Schumann meint damit nicht die offenen Lohnforderungen seiner Mitarbeiter (z.T. bis zu 15 Monatsgehälter !!!), von denen mehrere schon vor Gericht ziehen mußten, um ihre berechtigten Forderungen durchzusetzen. Christa Adler

von kev, 25.11.10, 17:12
Ich denke es hat definitiv etwas mit einer schlechten Geschäftsleitung zu tun, dass immer mehr Reisebüros und Reiseveranstalter Insolvenz anmelden. Oft sind es Fehlentscheidungen die langfristig gesehen, den RV oder das RB in den Ruin stürzen.

von Alexander Creutzfeldt, 29.11.10, 12:07
Ich kann mich den Kommentar von kev nur teilweise anschließen, es hat sicherlich was mit einer schlechten Geschäftsführung zu tun, allerdings bin ich auch der Meinung das man das nicht so pauschal sagen kann. Vielleicht liegen die Gründe ganz wo anders zum Beispiel in einer schlechten online Vermarktung. Was meint Ihr dazu?

von Ehemalige, 03.12.10, 11:59
Ich danke Frau Adler für die offenen Worte.Endlich spricht mal jemand die Wahrheit und weiß die Falschaussagen von Thomas Schumann ins richtige Licht zu rücken.Leider ist es tatsächlich so, dass mit den Altlasten auch die offenen Lohnforderungen gemeint sind.Und trotz Klage und Titel bleibt man nun auf seinen Loehen und Reiseauslagen sitzen.Ich selbst war bis vor kurzem für dieses Unternehmen taetig und habe offenen Lohnforderungen von 16 Monaten.Schade ist es nur, dass solchen Leuten wie Thomas Schumann nichts rechtlich angelastet wird.Durch das eingeleitete Insolvenzverfahren ist er der lachende Gewinner.Er ist mit einem Schlag seine Schulden los.Hoteliers, Personal und andere Leistungstraeger bleiben auf ihren Aussenstaenden sitzen.Und im neuen Jahr wird das Untenehmen unter neuem Namen und der alten Führung weitergeleitet und es werden erneut Leute um ihr Geld betrogen.Ein wirklich "sonniger Tag" Herr Schumann.

von CHINA REISEN, 28.12.10, 06:14
Wir haben eine Gruppe von Schumann Reisen im Sep. 2010 aus 12 Personen empfangen. Jeder Gast hat über 2000 Euro an Schumann Reisen bezahlt, aber Schumann Reisen hat für diese Reise gar nicht an uns bezahlt, ich selber bezahle alles für diese Reise. Bis heute(28. Dez. 2010) hat Thomas Schumann meine Rechnung in Höhe von 15.601 Euro nicht beglichen. Thomas hat gesagt, seine Firma sei in Insolvenz. Wann kann ich mein Geld bekommen? Die Reise ist "Faszination China" vom 28.Sep bis 13.Okt.2010.

von beck, 02.01.11, 16:45
zum schumann-fall !!!!!!!!!!!!!!! im jahr 2008 war ich selbst teilnehmer einer sehr teuren kreuzfahrt, an der schumanns und ein halbes dutzend wichtigtuer aus dem wintersport und dem erfurter umkreis teilnahmen. nachdem ich beobachten musste, dass schumann selbst der beste kunde im lokal war und tag für tag "saufrunden" mit seinem spezies auf höchstem niveau abhielt, kamen mir schon zweifel an seiner persönlichen qualifikation und integrität. dieser "kleine hinterwäldler" dreht ein solch grosses rad ? wer glaubte, dass sowas gutgeht. offenbar wollte man im tiefen thüringen auch mal monopoly-kapitalismus spielen. die von schumann angebotene negründung ist einfach lächerlich und hält sachlich keiner prüfung stand. der laden ist wegen grenzenloser überheblichkeit, unfähigkeit des selfmademan und beratungsresistenten schumann gegen die wand gefahren worden. mein mitgefühl gilt den vielen tüchtigen ex-mitarbeitern,die opfer dieser großmannssucht wurden und die schon ziemlich besch.... dran sind. in dieser ecke deutschlands gibt es sonst nur Mücken und kein mensch verläuft sich freiwillig dahin.

von Thomas Götten, 06.01.11, 11:11
Zum Fall Schumann Reisen Wir haben im Sommer 2010 kurzfristig mehrere Kabinen für eine Flusskreuzfahrt für Kunden von Schumann Reisen zur Verfügung gestellt. Wir selbst (Anton Götten Reisen) sind auch Busunternehmer und vermitteln im Auftrag der Reederei CroisiEurope aus Frankreich Kabinenkontingente u.a. an Busunternehmen in Deutschland und Österreich (aktuell ca. 120 Busunternehmen). Herr Schumann gab an, dass sich die Reederei AROSA überbucht hätte und seine Gäste nicht reisen können. Wir haben kurzfristig Kabinen zur Verfügung. Als es dann um die Bezahlung ging reihten sich Lügen an Lügen. Die Dreistigkeit und Art und Weise von Herrn Schumann ist nicht zu überbieten! Wir waren der Überzeugung einem Kollegen zu helfen, wurden allerdings vorsätzlich betrogen. Nachforschungen haben ergeben, dass Herr Schumann die Kabinen bei AROSA nicht bekommen hat, da er sie nicht bezahlen konnte. Was bleibt ist eine Erfahrung mehr und dass der nächste Kollege der Hilfe braucht es schwerer haben wird diese zu bekommen. So ist es mit vielen Erfahrungen, die man im Leben macht. Am Telefon kann man leider die Farbe der Schafe nicht erkennen. Geschäftspartner, die mit A-Z Touristik in Zukunft arbeiten, bitten wir daher um Vorsicht, denn hier wirkt hinter den Kulissen Herr Schumann.

von Dietmar Perzel, 28.01.11, 10:17
Schumann Nachfolger so ist der Titel für einen Beitrag in der OTZ vom 28.01.11. Wer dies liest und mit Herrn Schumann schon einmal zu tun hatte, dem geht der Hut hoch.Da wird aus Mitleid mit Herrn Schumann eine Firma gegründet, weil Zitat: Schumann-Reisen hat Potential, so etwas lässt man nicht sterben", und an anderer Stelle:"Thomas Schumann ist für uns unverzichtbar". Ich habe mit meinem Taxibetrieb viele Jahre für Herrn Schumann gefahren und kann die vieler Gläubiger gut nachvollziehen. Auch habe eine größere Summe eingebüßt. Herr Schumann hat seine Mitarbeiter und viele Unternehmen, die für ihn gearbeitet haben betrogen und belogen.Spielt das für die Nachfolger denn keine Rolle? Kann man mit dem Namen solch eines Mannes eine Firma weiterführen? Der Kommentar von Beck vom 02.01.11 bringt alles auf den Punkt. Leid konnten einem nur die Kollegen der Firma Schumann tun, sie mussten oft noch zur Kundschaft freundlich sein, obwohl sie lange Zeit nicht einmal Lohn für ihre Arbeit bekamen.

0
Folgen Sie uns:
Top
© 2018 FVW Medien GmbH, Alle Rechte vorbehalten
Über uns FAQ Impressum AGB Datenschutz Kontakt Mediadaten