Ryanair

O'Learys Kehrtwende

Höhere Preise, große Flughäfen statt Pampa, Fokus auf Service – Michael O'Leary schwört dem eigenen Billigflug-Modell ab. Ist der Ire mal wieder irre oder steckt dahinter kühles Kalkül?

von Klaus Hildebrandt, 24.09.2010, 09:18 Uhr

Er gilt als der letzte Vertreter des Hardcore-Billigflugs in Europa (wenn wir Wizzair mal unter den Tisch fallen lassen). Noch heute werde ich auf seinen Auftritt beim fvw Kongress vor einigen Jahren angesprochen, als er in gewohnt zurückhaltender Art alle anderen Carrier übel beschimpfte. Nein, er werde niemals nach Mallorca fliegen, es gebe bei ihm nie Flüge über mehr als zwei bis drei Stunden. Längst steuert Ryanair schon die Lieblingsinsel der Teutonen im Mittelmeer an, ebenso das vier Flugstunden entfernte Marokko und das Mittelstreckenziel Kanaren.

Jetzt will er sogar die großen Flughäfen europäischer Städte ansteuern und statt nur auf den Preis auf Service und Kundenzufriedenheit setzen. Ungewohnte Töne von einem Mann, der Metropolen wie Hahn, Altenburg und Weeze mit Direktflügen adelte und meckernde Kunden gerne als "bloody bastards" beschimpfte. Aber ebenso, wie er auch in Sachen Mallorca oder Kanaren eine Kehrtwende machte, ist auch sein jetziger Strategieschwenk schllcht notwendig. Nur von "Nirgendwo nach Nirgendwo" zu fliegen, wie es ein Airliner mal beschrieb, langt nicht mehr, um die wachsende Flotte zu füllen.

Das Kundenvolumen hier ist weitgehend ausgeschöpft, und die Kunden wissen heute genau, dass dank O'Learys Kreativität bei Zusatzgebühren für alle möglichen Extras der Eckpreis in der Werbung wenig aussagt. Wenn Ryanair weiter wachsen will, muss die irische Airline die Konkurrenten an den großen Flughäfen angreifen. Geschäftsreisende sind im Zeitalter strikter Reisekostenregelungen ebenso wie für Air Berlin und Easyjet auch für Ryanair eine interessante Klientel. Doch die wollen eben nicht lange Transfers von Randflughäfen in Kauf nehmen und verlangen ein Mindestmaß an Service.

O'Learys neue Strategie, die er "evolutionär" einführen will, ist also cleveres Kalkül. Schließlich gibt es neben dem polternden O'Leary, den man von öffentlichen Bühnen her kennt, auch einen nüchtern denkenden (und erstaunlich normal auftretenden) gelernten Wirtschaftsprüfer. Im Grunde erinnert sein Schwenk an den von Aldi: Erinnern Sie sich noch an die spartanischen Läden vor 15 Jahren? Heute gibt es beim Discount-Vorreiter frisches Obst und Gemüse, Bio-Waren, Computer, Champagner – und sogar Urlaubsreisen. Denn allein mit billig, billig lassen sich keine vernünftigen Margen erzielen.

Was halten Sie von Ryanairs neuen Plänen? Kann der Billigcarrier, der Reisebüros strikt außen vor lässt, tatsächlich an den großen Airports und bei Geschäftsreisenden landen?

Kommentare

von kraven, 24.09.10, 10:10
Der Name "Ryanair" ist mit dem Adjektiv Billig verbunden, das ist nicht mehr zu trennen. Auch wenn er jetzt einen auf Qualität macht, wird er immer als Billigheimer empfunden.

von Herbert, 24.09.10, 10:21
Wenn O'Leary auch von großen Airports einige seiner bisherigen "Irgendwo-Flughäfen" nonstop bedient, die für manche Geschäftsreisende durchaus interessant sind, von den "richtigen" Airlines aber höchstens mit Umsteigen erreicht werden, dann durchaus. Sonst kaum, denn schon heute sind z. B. Lufthansa's 99-Euro-Europa-Tickets (die der Endverbraucher bei Expedia/Opodo sogar noch 10 Euro billiger, weil ohne Servicegebühr buchen kann) oder die Air Berlin-Tarife ohne O'Leary's Gebühren-Fallstricke oft günstiger als Ryanair. Clevere Geschäftsreisende buchen doch schon heute langfristig bekannte Terminreisen zu diesem Tarif, auch auf die Gefahr hin, dass sich Termine ändern sollten: Das verfallene Ticket kann man gegebenenfalls bei diesem Preis eher verschmerzen, als kurzfristig den vierfachen Preis zu bezahlen. Bleibt nur die Frage, ob Mayrhubers kürzliche Aussage, dass dieser Tarif auch inkl. der Luftverkehrsabgabe erhalten bleibt, unter Christoph Franz Bestand haben wird.

von Landbier, 24.09.10, 10:29
Oh welch' Drama: Wie kann man nur vielen Menschen die mühsam aufgezwungenen Billig-Werte wieder abgewöhnen? Nachdem SuperRTL, KiK, Deichmann, Bild etc. so schön das Qualitätsbewußtsein gekillt haben, zweifle ich tatsächlich an flexibler Restintelligenz bei Ryanairs Zielgruppe. Naja, wie immer wird auch hier Herr O'Leary einen Weg finden: Billigmarketing 2.0 - oder habe ich ein déjà vu - hatten wir das alles nicht schon in den 90ern? However: Retro is out - Loyalty is in!

von G. Wissen, 24.09.10, 10:56
Ich fliege schon lange nicht mehr mit Ryanair. Die Idee ist tot, denn günstig ist der Flug mit den ganzen Zusatzkosten schon lange nicht mehr... Zudem sind die "Weltreisen" zu den weit entfernten Flughäfen, die an kolumbianische Rollfelder für den Luftraumdrogenschmuggel erinnern unendlich nervig. Und auch wieder teuer, egal ob es das Taxi ist oder der eigene Sprit. Da lobe ich mir die 99,- Flüge von Lufthansa, das Geld ist es mir wert! Wobei, wie geschrieben, es ja im Endeffekt nicht mehr teurer ist als der Ryanair-Quatsch...

von Bärbel Kurtzahn, 24.09.10, 12:45
auch ich bin einmal mit Ryanair so reingefallen, das ich für mich und schon gar nicht für Kunden dieses Produkt buchen würde. Auch wenn Herr O´Leary die Kehrtwende einläutet, sollten die "Billigheimer" doch lieber auf lokale Airlines zurückgreifen bei denen der Gerichtstand in Deutschland liegt. Dann bräuchten die Medien wie z.B NDR Fernsehen nicht mehr bei "Reinfällen" Hilfestellung leisten.

von Wolfgang Hoffmann, 24.09.10, 13:43
darf ich mal fragen, was dieser Anbieter von Flugersatzleistungen hier im FVW-Blog zu suchen hat? Darf sich eigentlich jetzt jeder zur honorigen Tourismusindustrie zugehörig fühlen? Ich weiß nicht, aber früher war diese Branche mal elitärer, - zumindest bewusster ;-))))

von Herbert, 24.09.10, 14:10
Lieber Wolfang Hoffmann. Sorry, aber auf welcher (Branchen-)Wolke leben Sie (noch)? Erstens versteht sich die fvw sicher nicht als "Parteiorgan" der Traditionsreisebüros, sondern betrachtet die Tourismusbranche insgesamt. Und zweitens, wollen Sie ernsthaft negieren, dass Ryanair massiven Einfluss auf die gesamte Branche genommen - ob Sie das nun wahrhaben wollen oder nicht? Glauben Sie im ernst, dass LH 99 Euro-Tickets auf den Markt gebracht hätte, ohne den Druck der Billigheimer? Und hat Ryanair nicht doch neue Kundenkreise für's fliegen erschlossen, die erst durch deren Aggressivität feststellten, dass Fliegen nicht teur sein muß - und deshalb inzwischen vielfach zu "Normal"-Kunden geworden sind. Ihre (oft zutreffende, aber manchmal auch unverständliche) Meinung nehme ich gerne und mit Interesse zur Kenntnis, aber versuchen Sie doch nicht, den fvw-blog zu zensieren.

von G. Wissen, 24.09.10, 14:26
Sehe ich ähnlich. Man kann Ryanair mögen oder nicht, die (von vielen Reisebüros - und von Herrn Hoffmann im Besonderen) nicht akzeptierten Veränderungen am Markt bringen eben auch jede Menge Vorteile. "Elitäre", "honorig" oder "bewusste" Branche = klassische Reisebürodenke. Lufthansa hat auf den Wettbewerb gut reagiert, vielleicht schaut sich das ein- oder andere stationäre Reisebüro etwas ab im Kampf um die offline/online-Buchungen. So dolle waren dann Drinks und Häppchen auf den Lufthansaflügen wohl nicht, und auch der Kunde kann gut darauf verzichten. Er kommt trotzdem ans Ziel - und das günstiger. Ist eben nicht mehr wie in den 80ziger Jahren...

von Wolfgang Hoffmann, 24.09.10, 15:03
fast eine esoterische Erfahrung, in dem Zusammenhang mal ernst genommen zu werden, zumal niemand eigentlich vorgibt, O'Leary wirklich ernst zu nehmen. In jedem Fall nehme ich dankbar zur Kenntnis, dass man für Sarkasmus wohl die Rezeptoren gleich mitliefern sollte. Allerdings nehme ich den Verdacht mit großer Entäuschung zur Kenntnis, ich wolle den fvw-Blog zensieren. Dass man mir sowas zutraut, das muss ich erst einmal in Träumen verarbeiten. ;-))))

von Airliner, 24.09.10, 16:44
"Anbieter von Flugersatzleistungen" ... *prust ... lieber Red., unbedingt im nächsten Heft verwenden! Und lieber Herr Hoffmann, in einem Zeitalter, <ironische_uebertreibung> in dem alle Kommunikation irgendwie "...ML"-geformt ist (wie HTML und XML), werden analoge Zwinkersmileys als Humor- und Ironiekennzeichnung vielleicht nicht mehr so gut verstanden</ironische_uebertreibung>. Stellen Sie am besten auf die Verwendung von "Tags" um.

von andreas w., 24.09.10, 17:58
"Never say never" - heißt es auch in der Airline Branche - und wenn der Yield/Ertrag verbessert werden kann (siehe andere Low Cost Carrier, die den Geschäftsreisemarkt erfolgreich ansprechen), springt sicherlich auch Ryanair einmal über seinen Schatten: Denn wenn Geschäftsreisende verstärkt in die Flieger kommen sollen, muss Ryanair an seinem Geschäftsmodell qualitative Änderungen vornehmen. Das wird aber erst richtig in der Zeit nach O´Leary passieren.

von CaptainJarek, 24.09.10, 19:00
Bei Adidas gibt´s seit einigen Monaten wieder die guten "Ballonseide" Trainingsanzüge für richtig viel Geld. Alles Gute kehrt eben ab und zu wieder. Und wer weiß ... vielleicht kehr Ryanair ja wieder zum Konzept aus dem frühen 90´er Jahren zurück. http://www.youtube.com/watch?v=1WzrO3YV3LI Man beachte den Schriftzug "Businessclass" und die Szene bei 0:25 min ... ein Traum! :-)

von Ibrahim, 27.09.10, 13:05
Ich bin sehr gespannt und neugierig geworden. Rayanair im Premium Segment.Möglich ist alles, der Weg dahin interessiert mich sehr. Bei uns in Frankfurt ist das so wie : Aldi eröffnet ein Megashop für Delikatessen in die Fressgasse.... .

0
Folgen Sie uns:
Top
© 2018 FVW Medien GmbH, Alle Rechte vorbehalten
Über uns FAQ Impressum AGB Datenschutz Kontakt Mediadaten