Reverse Auctions

Die Kinder der Revolution

Mit seinen "Reverse Auctions" hat es Priceline zu weltweitem Ruhm gebracht. Doch der monetäre Erfolg kam erst als klassischer Hotelhändler. Warum Preisgebote Existenzgründer und Investoren offenbar mehr faszinieren als Hoteliers und Reisende.

von Dirk Rogl, 27.08.2010, 11:15 Uhr

Einst hießen sie Tallyman und Ihrpreis.de, heute Vadingo und – wie heute auf fvw.de berichtet – Hotelsnapper.de. Immer wieder versuchen Internet-Portale, den Weg der Hotelbuchung auf den Kopf zu stellen. Wieso auch nicht? Hotelpreise sind eine verderbliche Ware. Viele Zimmer stehen leer. Da ist Spielraum für Nach-Verhandlungen über die Preisvorstellungen der Kunden. Diese zu kanalisieren verspricht Marge. So einfach lässt sich das erklären. Und so einfach kann man Investoren für seine Idee begeistern.

Spätestens beim Hinweis auf das US-Portal Priceline sollte der gemeine Venture Capitalist dann am Haken zappeln. Schließlich hatte Priceline bereits 1998 die "Reverse Auctions" für Hotelübernachtungen erfunden, mit einem Patent belegt und im Internet etabliert. Aktuell gehört Priceline zu den drei größten Online-Reisebüros in den USA und will in diesem Jahr deutlich über Markt wachsen.

Sollten Sie gerade an einem Business-Modell für einen europäischen Priceline-Wettbewerber arbeiten, so sollten Sie interessierten Heuschrecken die folgenden Absätze nicht vorlegen. Nachhaltige Rendite erzielt Priceline nämlich erst, seit das hauseigene "Name-Your-Own-Price-Prinzip" durch ganz klassische Booking Engines für Hotel, Flüge und Mietwagen ergänzt wurde. Außerhalb Amerikas und Großbritanniens traute sich Priceline mit seinen Reserve Auctions gar nicht auf den Markt. Diesen räumt nun die konventionell arbeitende Konzerntochter Booking.com auf, die bei Priceline aktuell die größten Wachstumsraten hat.

Und: Selbst auf Priceline.com spielt "Name Your Own Price" keine große Rolle mehr. Die Dialogfelder für die Gebotsabgabe sind weit nach unten gerückt. Wichtiger ist da schon die Rolle des "Negotiators". Unter diesem Namen tritt Star-WarsTrek-Legende William SChatner ("Captain Kirk") als Testimonial auf. "No one deals like we do", sagt er und lobt eine Best-Price-Garantie für alle Fest-Buchungen aus. Bei solchen Verlockungen gibt es kaum mehr einen Grund, eine eigene Reverse Auction zu starten. Denn so etwas kostet Zeit und Nerven, bei Kunden und Leistungsträgern. Und das Hotelschnäppchen, das den eigenen Präferenzen entspricht, wird halt auch gern spontan gebucht, so es denn endlich im Web gefunden wurde.

In Europa hat sich meines Wissens nach bislang keine Hotelkette aktiv zu solchen Preisfindungsmodellen bekannt. Das wiederum muss nicht heißen, dass die neuen Priceline-Nachkömmlinge sich nicht etablieren könnten. In Zeiten von Dynamic-Packaging und X-Produktion sind die Hoteliers ohnehin viel aktueller in die Gestaltung von Tagespreisen eingebunden, als dies zu Zeiten längst insolventen Tallymans und Ihrpreis.des üblich war. Doch dieses Geschäft läuft heute stark automatisiert über die Betten-Datenbanken von Mittlern und Veranstaltern, in die die Herbergen ihre Preise einpflegen. Bleibt da noch Raum für "Reverse Auctions"? Ich freue mich auf Ihre Meinung.

Kommentare

von Bianca Spalteholz, 27.08.10, 15:22
Bin absolut Ihrer Meinung Herr Rogl, glaube einfach, das Modell hat sich überholt! Vielleicht gibt es ja aktuellere Ideen, wie man solche Modelle attraktiver machen könnte, z. B. durch Bewertungskomponenten oder gepaart nit Portalen wie tripsbytips, die Reiseerfahrungen unter Freunden austauschen?!

von Trekkie, 27.08.10, 18:53
Voellig off-topic, aber dennoch wichtig: William Shatner (nicht Chatner) war Captain Kirk in Star Trek (nicht Star Wars).

von Klaus Swoboda, 28.08.10, 11:14
Hallo Herr Rogl, erst einmal ein Lob für die tolle Recherche und den tollen Bericht. Ich selbst bin Hotelier und kann Ihnen nur sagen das ich doch glaube das Plattformen wie Vadingo und CO Ihre Berechtigung haben. Wirklich Aktuelle Preise können wir Hoteliers nur auf unser eigenen Webseite platzieren. Alle Chanelmanager oder Reiseveranstalter sind nie mit den Aktuellen Preise bestückt. WIr selbst erhalten täglich eMails von Kunden die gerne mal an der Preisschraube drehen möchten. Von " kann man am Preis noch etwas machen" bis u " ich möchte nicht mehr als..... ausgeben" bekommen wir täglich neue Mails. Letztendlich macht Vadingo denke ich nichts anderes nur eben gebündelter für den Kunden. Ich kannte diese Seite vor Ihrem Bericht noch nicht, muss aber sagen das ich dort sehr wohl auch Ketten gefunden haben. Marriott, Arabella, oder Iberostar kann man dort genauso buchen wie auch kleinere Hotels. Ich kenne zwar nicht die Konditionen von Vadingo aber irgendwie gibt es wohl auch eine Not bei grossen Ketten. Ich bin gespannt wie das wohl mal weiter geht. Ich werde es jedenfalls verfolgen. Weiter so.

von Dirk Rogl, 28.08.10, 22:14
@Trekkie. Da haben Sie mich aber wirklich auf meiner dunklen Seite des Mondes erwischt. Ich korrigiere in Demut, beame mich voller Scham auf´s Raumschiff Orion und gelobe was die Sterne anbelangt aus Gründen der Qualitätssicherung vorerst allenfalls über die Star Alliance zu bloggen.

von Manuel Apitzsch, 01.09.10, 17:29
Hallo lieber Herr Rogl, lieber Kommentatoren. Vielleicht darf ich mich kurz vorstellen als Geschäftsführer der Hotelsnapper GmbH. Ich habe Ihren Artikel und die Diskussion um das Thema Daseinsberechtigung der Preisverhandlung aufmerksam verfolgt. Hotelsnapper.de geht Ende September ans Netz und natürlich glaube ich fest an das Konzept. Aber entscheiden muss es letzten Endes der Markt. Bislang konnten wir recht zahlreiche positive Feedbacks sowohl von der Hotellerie als auch von potenziellen Buchungskunden sammeln. Worin wir uns von Vadingo im Wesentlichen unterscheiden, ist sicherlich die Anonymität der Hoteliers bis zur fixen (und bezahlten) Buchung. D.h. der Kunde erfährt erst nach der Angebotsannahme durch den Hotelier, wohin für ihn die Reise geht. Dies ermöglicht dem Hotelier, punktuell seinen Preis zu senken, ohne sein Listing zu gefährden oder seinem Image zu schaden. Dem Kunden geben wir gleichzeitig eine Qualitätsgarantie dahingehend, dass wir nur Häuser mit mindestens 75% positiver Gästebewertungen ansprechen. Ich habe in den letzten Wochen mit vielen Geschäftsreisenden gesprochen, die mir bestätigten, dass es ihnen nicht so wichtig ist, ob auf dem Hotel nun "Steigenberger", "Maritim" oder "Interconti" steht. Wichtig seien der Preis, die Qualität und die Lage. Weiterhin sprechen wir jedes Haus an - nicht nur Vertragshotels. Mit diesen beiden Punkten unterscheiden wir uns sicherlich auch ein Stück weit von Priceline. Einen Investor haben wir übrigens noch nicht im Boot und es ist noch nicht entschieden, ob wir überhaupt einen benötigen werden. Gern würde ich mich der Diskussion und natürlich auch Ihren kritischen Fragen oder Einwänden stellen.

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