Reiseverhalten

Ein Lob der Kundengeld-Absicherung!

Was hat die deutsche Reisebranche geschimpft, als vor 16 Jahren der Insolvenzschutz für Veranstalter eingeführt wurde. Welches Chaos sich ohne eine saubere Regelung ergibt, lässt sich derzeit in Großbritannien besichtigen. Leidtragende sind vor allem die Mittelständler.

von Klaus Hildebrandt, 24.08.2010, 09:53 Uhr

Seit November 1994 müssen sich deutsche Veranstalter gegen ihre eigene Pleite absichern und als Beleg dafür ihren Kunden einen Sicherungsschein aushändigen. Im Reiseveranstalter-Register auf fvw.de lässt sich kostenlos nachschauen, bei welcher Versicherung die Unternehmen ihre Policen abgeschlossen haben. Als die Bundesregierung damals die EU-Pauschalreise-Richtlinie umsetzte, schrie die Reisebranche Zeter und Mordio. Auf den DRV-Tagungen wurde seinerzeit heftig kritisiert, dass auf Druck von wildgewordenen Verbraucherschützern und EU-Bürokraten eine Zwangsversicherung eingeführt werde, die im Zweifel eher die Kleinen belaste, da die Konzerne durch Patronatserklärungen ihrer Muttergesellschaften ohnehin günstig davon kämen.

Doch wer diese Tage britische Zeitungen liest, kann nur froh sein, dass wir diese Regelung haben. In Großbritannien sind dieses Jahr schon mehrere kleinere und mittlere Veranstalter Pleite gegangen – teilweise in der Hauptsaison. Jetzt wird öffentlich diskutiert, ob Pauschalreisen noch sicher sind. Denn bei den jüngsten Pleiten in UK sind teilweise Kunden in den Zielgebieten gestrandet oder müssen ihre Anzahlungen in den Wind schreiben, weil Anbieter wie Kiss Flights, Sun4U und Goldtrail nicht nur Pauschalreisen, sondern auch Nurflug-Tickets verkauften. Und hier ist der Schutz des britischen Haftungssystems ATOL löchrig, ebenso bei dynamisch produzierten Reisen. Während virtuelle Veranstalter in Deutschland ganz normal unter die Pauschalreise-Gesetzgebung fallen, reklamieren in Großbritannien einige Internet-Anbieter für sich, sie seien ja nur Vermittler von Einzelleistungen.

Nachdem in England im Vorjahr bereits die XL Leisure Group eine Mega-Pleite hinlegte und zahlreiche gefrustete Urlauber zurückließ, sorgt nun die jüngste Pleiteserie für Ängste bei Verbrauchern. Dies dürfte den beiden Platzhirschen TUI UK und Thomas Cook, die bereits etwa drei Viertel des Marktes auf sich vereinen, in die Hände spielen. Thomas-Cook Chef Manny Fontenla-Novoa prophezeit (wohl nicht ganz uneigennützig) bereits weitere Pleiten kleinerer Konkurrenten: Da die Nachfrage derzeit wegen des schlechten Konsumklimas schwächelt und die Aschewolke in Großbritannien für noch mehr Luftraumsperren und Kosten sorgte als in Deutschland, sei davon auszugehen, dass am Ende der Sommersaison noch weiteren finanziell schwach gepolsterten Unternehmen die Luft ausgehe.

Gut, dass wir in Deutschland in den vergangenen Jahren von größeren Pleiten wie in den 90-er Jahren Hetzel Reisen verschont geblieben sind. Und gut, dass die damals heftig gescholtene Kundengeld-Absicherung bei den Verbrauchern Vertrauen schafft – gerade auch für Veranstalter, deren Marken dem Urlauber nicht so geläufig sind wie TUI oder Neckermann. Ob die damaligen Kritiker der Regelung das heute auch so sehen?

Kommentare

von Bärbel Kurtzahn, 24.08.10, 16:36
Wunderbar ist, dass auch "Mini-Veranstalter" ihren Kunden zeigen können, ihre Anzahlung ist bei uns in guten Händen. Wobei es hier auch eine Lücke gibt. Ich bin Veranstalter für Wein-und Gourmetreisen und habe feststellen müssen, dass z.B. Weinfachhandlungen Reisen ohne Sicherungsschein anbieten, obwohl sie Anzahlungen nehmen. Das ist wohl sogar legal, da sie dies nicht professionell machen. Schlecht wiederum für uns "Mini-Veranstalter", die Ihre Kosten auf den Reisepreis aufschlagen müssen.

von Klaus, 24.08.10, 18:39
Vielen Dank für den Hinweis, Frau Kurtzahn. Es gibt im Reiserecht eine Ausnahme für Veranstalter, die nur gelegentlich und außerhalb ihrer gewerblichen Tätigkeit Reisen veranstalten. Aber wenn Weinfachhandlungen regelmäßig und gewerbsmäßig Reisen organisieren und Anzahlungen nehmen, müssten sie eigentlich einen Sicherungsschein aushändigen. Das ist dann die berühmte "Schwarztouristik", die ja auch bei Vereinen, Kirchen etc immer noch anzutreffen ist.

von Karl-Heinz Hess, 26.08.10, 17:53
Die Kundengeldabsicherung ist auch in Deutschland leider noch sehr lückenhaft. Hunderte von versicherungspflichtige Anbieter mit und ohne Internetauftritt sind unerleuchtet oder desorientiert. Erst bei einer kostenpflichtige Abmahnung durch die Wettbewerbszentrale wird reagiert. Die zuständigen Ordnungsämter sind hofflungslos überfordert und die Reisenden gutgläubig. Die gewissenhaften Veranstalter wären gut beraten, die Kundengeldabsicherung grossflächig in den Vordergrund zu stellen und nicht in den AGB`s zu verstecken. Dies wäre die billigste Immagepflege der Touristikbranche. Karl-Heinz Hess / Travelsafe

von Wolfgang Hoffmann, 30.08.10, 12:32
@ Karl-Heinz Hess, Sie haben absolut Recht. Nicht umsonst hält die Schmetterlingkooperation schon seit Jahren ein Sortiment unterschiedlicher Versicherungen, zu in der Branche besten Konditionen bereit, damit die Kooperationsbüros im Zweifelsfall selbst Reisesicherungsscheine ausgeben können. Und wer sich die Zweifelsfälle einmal vergegenwärtigt, im Zeitalter des "Päckens" wird feststellen, dass wir uns immer mehr auf rechtlichem Treibsand bewegen. Nach dem Motto, "et hät noch immer jut jejange" päcken wir routiniert alles, was angeboten wird. Und wenn es einmal schief geht, dann wird es spektakulär schiefgehen, und dann kostet es für das betreffende Büro u.U. die Existenz.

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