Reiseverbot

Wenn Propheten den Überblick verlieren

Max Otte gilt als Crash-Prophet und Krisen-Guru. Mit seiner Forderung nach einem Reiseverbot hat er sich mächtig verhoben.

von Dirk Rogl, 27.04.2009, 11:57 Uhr

Professor Max Otte ist ziemlich in. Zwei Interviews am Tag soll der Wirtschaftsexperte laut

geben, seit die Finanzkrise die Medien bestimmt. Die hatte er nämlich schon 2006 vorhergesehen. Dafür meinen Respekt. Weniger respektabel ist ein heutiges Kurz-Interview des Professors mit dem

. Der "ungeheuer starken Belastung der Sozialkassen" müsse man "durch Abschöpfung und Einsparungen" begegnen, fordert Otte dort. Einziger konkreter Vorschlag des Professors im O-Ton: "Wenn die Deutschen 40 Milliarden Euro jedes Jahr durch Reisen im Ausland ausgeben, könnte das durch ein Reiseverbot beschränkt werden." Punkt. Möglicherweise hatte Otte vor lauter Interview-Streß weder Zeit noch Muße, sich an seiner heimatlichen FH Worms etwa mit den versierten Professoren-Kollegen Adrian von Dörnberg oder Roland Conrady über Sinn und Unsinn einer solchen Forderung auseinanderzusetzen. Den Unsinn macht folgende Rechnung deutlich: 1. Die Deutschen geben laut Reiseverkehrsbilanz der Dresdner Bank nicht etwa 40 Mrd. Euro sondern 61,5 Mrd. Euro im Ausland aus. Dem gegenüber stehen Einnahmen ausländischer Gäste von 26,5 Mrd. Euro. Im konsequenten Fall eines Reiseverbots auch auf der Gegenseite bleibt eine Ersparnis von 35 Mrd. Euro. 2. Dumm nur, dass ein Verbot von Auslandsreisen wohl den in 2008 äußerst positiven Ausfuhrüberschuss von 157,9 Mrd. Euro weitgehend auffressen würde. Denn die Reiseverkehrsbilanz unterscheidet nicht zwischen Geschäfts- und Freizeitreisen. Und ein Verbot von Auslandsreisen würde selbstredend auch ein Verbot von Geschäftsreisen bedingen – mit einer Kette fataler Folgen für die globale Konjunktur, die für Wirtschafts-Professoren auf der Hand liegen sollte und die den Rahmen dieses Posts sprengt. Ich gehe davon aus, dass der Herr Professor im Interview-Stress mit seiner Reiseverbots-Forderung über das Ziel hinausgeschossen ist. Klar ist: Krisen-Guru ist kein Titel auf Lebenszeit und irren ist menschlich. Dass ein bislang recht angesehener Wirtschafts-Professor allen Ernstes einen Reisestopp fordert, befremdet aber doch sehr. Oder was meinen Sie?

Kommentare

von michael Buller, 27.04.09, 15:39
Urlaubsverbot ist ja auch keine neue Forderung (vor etwa 3 Jahren hat Herr Steinbrück ähnliches gefordert). Die größe dieser Touristikindustrie ist wohl den Herren nicht ganz bekannt. Dabei könnte man fast schon von Systemrelevantheit sprechen damit auch auf Hilfen vom Staat rechnen. Auch wäre eine Abwrackprämie (natürlich etwas höher als für ein Auto) auch ein Konzept für die Auswirkung. Gruß Buller (immer noch am Kopfschütteln)

von Prof. Dr. Max Otte, 27.04.09, 17:40
Sie haben mit Ihrer Vermutung völlig recht, Herr Rogl - es war "Interviewstress" und ich habe das Interview leider vor der Veröffentlichung nicht mehr zur Autorisierung gesehen. Natürlich halte ich ein Urlaubsverbot für Quatsch, und "fordern" würde ich es schon gar nicht. Ich forder also nicht "allen Ernstes" einen Reisestopp - und noch nicht einmal im Scherz! Aus Gründen der Nachhaltigkeit sehe ich lediglich den Ferntourismus etwas kritisch. Vielleicht hilft hier die Krise beim (gemäßigten) Umsteuern.

von Siegfried Egyptien, 03.05.09, 19:07
Sehr geehrter Herr Otte, ich finde es gut, daß Sie ihre Kernaussage revidiert haben. Ihre Kritik am Ferntourismus aus Gründen der Nachhaltigkeit muss ich allerdings bewerten wie die Ablehnung von Fieberthermometern um einer Grippeerkrankung vorzubeugen - grünistischer Nonsense im Stile der Ideologie eines PolPot. Im Prolog des Abschlussdokumentes der "Nachhaltigkeitskonferenz" von RIO 1992 (auch UN-Umweltgipfel genannt, auf dem u.a. das Kyoto-Protokoll vorbereitet wurde) steht: Politik muss dem Menschen dienen. Und Tourismus, auch Ferntourismus, dient dem Menschen - selbst dann wenn Großkornzerne wie LH und TUI mitspielen. Vergleichen Sie einfach nur mal die Umsetzung der einfachsten Menschenrechte im Zeitraum von 1992 bis heute in Relation zu den Tourismuszahlen (bei den Zahlen ist Ihnen die FVW-Readaktion sicherlich gerne behilflich) von verschiedenen Zielgebieten. Ich empfehle dazu den ehemaligen Ostblock, die Nachbarländer Rep. Südafrika und Zimbabwe, Thailand und Myanmar oder Dom.Rep. und Haiti. Ich denke, diese Liste läßt sich fast beliebig fortsetzen, incl. Kuba und Florida, wobei hier ein besonderes "Nachbarschaftsverhältnis" berücksichtigt werden muss.

von Wolfgang Hoffmann, 04.05.09, 11:40
Das Buch "Der Crash kommt" habe ich damals sofort gekauft und gelesen. Es war genauso faszinierend, wie die Analyse des Club of Rome 1972 oder das Buch Nieten in Nadelstreifen. Auch ein Prof. Dr. Otte wurde selbstverständlich von denen überhaupt nicht wahr genommen, die heute panisch die Mrd. ins System blasen und mit hängendne Mundwinkeln medienwirksam daherreden. Aber der Geologe, der angeblich vor dem Erdbeben in Italien gewarnt hat, wurde auch als vernachlässigenswerte Meinung unter vielen erachtet. Was Sie, geschätzter Herr Prof. allerdings im aktuellen Zusammenhang außen vor halten, das ist die Abhängigkeit vieler Menschen in den Urlaubsdestinationen, in Übersee vom Tourismus. Ein Asiate z.B. dürfte wenig Verständnis für Ihre Differenzierungen jetzt und hier haben, wenn er sich seine persönliche Situation anschaut. Ich befürchte - vermutlich mit namhaften Doktoren und Professoren gemeinsam -, dass dieser Asiat derartige Verweigerungen ausländischer Touristen eher als Aufforderung versteht, sich radikalen, politischen Bewegungen anzuschließen. Wir haben das globale, touristische Geschäft angefangen, Herr Professor, wir stehen da auch in der Verantwortung, wir können jetzt nicht einfach den Sack zumachen, weil wir uns angeblich nur noch ein kleines Schnitzel leisten können.

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