Reisekonjunktur

Showdown der Auguren

Wird es schlimm, schlimmer oder gar nicht mal so schlecht? Die Tourismusforscher sind sich nicht einig.

von Klaus Hildebrandt, 06.02.2009, 08:42 Uhr

Die allgemeine Wirtschaftslage und die Prognosen für 2009 – grausam. Über einen "furchtbaren Abwärtsstrudel" berichtet heute die FTD aus der Industrie. Aber die Touristik, wie sieht es da aus? Zur aktuellen Messe Reisen Hamburg, die übrigens wie zuvor die CMT in Stuttgart vom Publikum gut besucht ist, laufen die Tourismusforscher zur Hochform auf. Der ebenso smarte wie umstrittene Prof. Horst Opaschowski war diesmal ziemlich düster unterwegs und rief das Reiseziel Deutschland zum Krisengewinnler aus. Bei einem Abendessen des Corps Touristique im hanseatisch-noblen Anglo-German Club machte dagegen Reiseanalyse-Forscher Prof. Martin Lohmann den Chefs der ausländischen Fremdenverkehrsämter mit einer ziemlich optimistischen Prognose wieder Mut (in unseren News berichten wir über Opaschowskis und Lohmanns Aussagen). Interessant war ein Einblick in die Werkzeugkiste der Marktforscher, die Lohmann gewährte. Wenn man die Deutschen fragt, ob sie die Finanz- und Wirtschaftskrise besorgniserregend finden, sagen fast alle ja. Aber "persönlich betroffen" fühlt sich nur ein kleiner Teil – nicht alle Deutschen zittern um ihren Arbeitsplatz (Rentner und Beamte schon gar nicht), nur wenige haben sich tatsächlich an den Aktienmärkten verspekuliert. Fragt man die persönlich nicht betroffenen Menschen, dann sieht deren Urlaubsplanung ganz normal aus. Und ein Marktforscher wie Lohmann sieht es ganz nüchtern: Selbst wenn in Deutschland die Arbeitslosenzahl von drei auf fünf Millionen steigen sollte, wäre das zwar politisch und menschlich schlimm, aber für die Tourismusnachfrage nicht so gravierend. Denn schon in den letzten Jahren sind die einkommensschwachen Schichten der Gesellschaft kaum verreist, solvente Best Ager dafür um so mehr. Nun, ob das alles eintrifft ist noch nicht klar. Allerdings: Den Mitgliedern des Corps Touristique und mir schmeckte nach diesem Vortrag zumindest das Dessert und der Digestif besser. Das ist doch auch schon mal was in diesen Zeiten.

Kommentare

von Andreas Schulte, 06.02.09, 11:12
Es ist halt so, die Kaffeesatzleser geben nicht so schnell auf. Nur mit konträren Deutungen des Kaffeetassenbodensatzes werden sie wahrgenommen. Wenn also der eine seine Deutung in die eine Richtung lenkt, muss der andere konsequenter Weise die entgegen gesetzte Richtung besetzen, sonst druckt ihn keiner. Insgesamt beweist doch die vermeintlich schwere Krise, dass alle "Wirtschaftswissenschaftler" nicht den richtigen Plan haben. Denn wären die Erkenntnisse der Wirtschaftswissenschaften, die ja in der realen Wirtschaft tatsächlich gelebt werden, belastbar richtig, dürfte es eigentlich keine Krise geben, denn alles wirtschaftliche Handeln wäre ja "richtig" gewesen. Und wenn etwas wissenschaftlich wirklich richtig ist, sollten die praktizierten Schlussfolgerungen aus diesem "richtig" ganz sicher nicht in eine Krise führen. Man sollte also die vorgetragenen Prognosen eher gelassen sehen.

von barthel.eu, 06.02.09, 18:04
Das Beste hoffen ... Das Schlimmste erwarten ... Das Beste draus machen! «» Heute berichtet FVW von 30% Einbruch im Geschäftsreisemarkt. In ARD und ZDF befürchten Wissenschaftler Inflation, da nur Geld "rausgepumpt" wird, ohne produktiven Mehrwert zu schaffen. Was im Umkehrschluss wieder höhere Preise nahe legt. Was mir fehlt sind öffentliche, positive und kreative Visionen und Strategien der Meinungsmacher (Manager der Reisebüroverbände, -konzerne, Politiker), ich sehe leider bisher nur "wird schon nicht so schlimm": St. Florian's Prinzip? Wo bleibt unser eigenes "Ja, wir können"??? "Ich bin Deutschland" wurde nur verrissen - denn wir können nur motzen...? Nein. Wir können mehr! Also: Ärmel hochkrempeln und nicht unterkriegen lassen!

von Felix, 08.02.09, 19:59
Was uns in diesen wilden Zeiten fehlt, dass sind u.a. auch (Wirtschafts)politiker, die allein schon aufgrund ihrer persönlichen Ausstrahlung und Kompetenz (!)halbwegs glaubhaft Optimismus verbreiten. Stattdessen verkündet unser Michel Glos - als Minister zuständig auch für Tourismus !!! - dass ihm sein Amt noch nie Spass gemacht habe und er doch bitteschön (jetzt in der Krise endlich) abgelöst werden möchte. Bravo! Der Bundesbeauftragte für Tourismus (ja, den gibt es, und er ist - wen wundert's - bei Michel Glos "angesiedelt"!) ist völlig auf Tauchstation gegangen und bereitet sich vermutlich auf seine (meist eher peinlichen) ITB-Auftritte vor. Da haben es die Tourismusforscher leicht, gerade weil und wenn sie konträr argumentieren, Gehör zu finden. Man kann ihre Aussagen glauben (heißt bekanntlich: nix wissen), oder es auch bleiben lassen - oder sich auf seine eigenen Erfahrungen verlassen, denn für Fehlentscheidungen kann sie ohnehin kein (Reise)Unternehmer verantwortlich machen: Merke: "Die Hoffnung stirbt zuletzt".

von Siegfried Egyptien, 15.02.09, 18:58
Die Krise des Tourismus ist eine Krise des Tourismusmanagement und deren Politik. Um die Krise zu meistern, muss sich Tourismus nachhaltig neu erfinden. Nachhaltig in einem Sinne, der sich abhebt von der existierenden fortschrittsfeindlichen grünistischen Nachhaltigkeit, die sich an den Idealen eines Pol Pot zu orientieren scsheint. Und dabei mit einem Ablasshandel der "Klimasünder" die Methoden der korruptien Borgia-Päpste anwendet. Tourismus muss sich besinnen auf seine Eigenschaften als dem Schutz der bereisten Natur verbunden, der Förderung des interkulturellen Austausches sowie der Bereicherung der Bereisten. Viele werden jetzt sagen: das sind doch staatliche Aufgaben. Dann muss Tourismus eben Staat werden. Das als Erweiterung der Aufgaben der Vereinten Nationen im 21.Jahrhunder.Die UN haben Ihre Forderungen und Erwartungen bereits 1992 in Rio de Janeiro veröffentlicht. Da sind die Wachstumspotentiale einer friedlichen und vom Tourismus geprägten Zukunft zu finden.

von Wolfgang Hoffmann, 17.02.09, 13:40
das geniale an so einer Krise ist, man kann schreiben und rede, was man will. Alles stimmt, nichts ist übertrieben genug, als dass es neben der Realität nicht wie Grimm's Märchen wirkt. Ist eigentlich bekannt, dass in London auf der Frog TUI Wonderworld Corporation Millionen von Fröschen gezüchtet werden, die dann beizeiten in unseren Reisebüros, mit einem goldenen Krönchen auf dem Haupte, angeliefert werden sollen? Man munkelt, dass sich jeder zehnte Frosch bei einem intensiven Zungenkuss in einen Buchungserfolg verwandelt. In Oberursel geht man übrigens andere Wege: Es werden massenhaft Esel geklont, deren Urmutter man nachsagt, dass sie vor vielen Jahren mal etwas glänzenderen Stuhlgang produziert habe. Und in Duisburg gibt es Experimente mit Fesselballons. Es hapert noch etwas mit der Tragfähigkeit, aber die heiße Luft pfeift schon gewaltig in die Höhe!

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