Reisekonjunktur

Massiver Rückgang oder Silberstreif?

Das war nur eine Frage der Zeit: Die Wirtschaftsmedien berichten über "massive Rückgänge" bei den Tourismusbuchungen.

von Klaus Hildebrandt, 28.01.2009, 08:58 Uhr

TUI erwarte kumuliert für Winter und Sommer ein einstelliges Minus im laufenden Touristikjahr, Thomas Cook verzeichne für die Sommersaison zweistellige Rückgänge, berichten heute Zeitungen auf Basis einer Meldung der Nachrichtenagentur

. Auch andere Veranstalter wie Alltours verzeichneten wegen der ungewissen wirtschaftlichen Lage Rückgänge. Jedem Reisebüro sind diese Zahlen bekannt, und uns natürlich auch – da reichen ein paar Gespräche mit großen Vertriebsorganisationen, um einen einigermaßen repräsentativen Überblick zu bekommen. Wir haben uns in unserer Berichterstattung allerdings bisher mit der Nennung von allzu konkreten Minuszahlen zurückgehalten: Erstens hilft dies keinem in der Branche weiter, zweitens lesen auch die Wirtschaftsjournalisten – wie etwa die Kolleginnen und Kollegen von Reuters - intensiv die fvw. Und da sind wir in einer Zwitterrolle: Andererseits können auch wir nichts beschönigen, andererseits wollen wir mit unseren Insiderkenntnissen auch der Publikumspresse keine Steilvorlagen für Katastrohengeschichten liefern. Ich sprach dieser Tage mit dem Sprecher eines Reisekonzerns, der selbst sagte, es sei nur eine Frage der Zeit, bis auch die Wirtschaftsmedien die verhaltenen Sommerbuchungen aufgriffen. Andererseits ist die Branche da aber auch gelassener geworden: Angesichts der Horrormeldungen aus einigen anderen Branchen – etwa die Absatzmeldungen der Autobauer – findet das Touristikminus in der Öffentlichkeit weniger Beachtung als bei früheren, rein touristischen Krisen. Außerdem: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Der Januar hat zwar nicht den erhofften Schub an Buchungen gebracht. Aber die Veranstalter hoffen nach wie vor auf kurzfristige Buchungen. Auch jetzt buchen viele Kunden mit kurzem Vorlauf. Die Einkäufer der Veranstalter sind unterdessen fleißig in den Zielgebieten unterwegs, um mit den Hoteliers nachzuverhandeln. Die sind durchaus zu Zugeständnissen bereit, weil andere Quellmärkte wie Großbritannnien, Russland und Spanien noch schlechter als der deutsche laufen. Angesichts der deutlichen Preiserhöhungen für den Sommer zählt jeder Zwanzig-Euro-Betrag, den die Einkäufer noch rausholen. Für Familien summiert sich das. Und zumindest gibt es drei gute Nachrichten: Nach dem Ifo-Geschäftsklimaindex sind erstmals seit einem Dreivierteljahr die Unternehmen wieder leicht zuversichtlicher. Zweitens hat sich das Konsumklima in Deutschland in der aktuellen GfK-Prognose für den Februar besser als erwartet entwickelt und nicht weiter eingetrübt. Die sinkenden Energiepreise stimulieren die Verbraucher, meinen die GfK-Marktforscher. Und drittens sind Reiseforscher nicht allzu pessimistisch. So rechnet die FUR mit "Stabilität auf hohem Niveau" und die sonst gerne pessimistische Dresdner Bank geht in ihrer alljährichen Reisesstudie gerade mal von einem Rückgang der Reiseausgaben um 1,8 Prozent aus (ausführlicher Bericht in der aktuellen fvw, Seite 22). Dennoch: Auch viele Touristikunternehmen haben Sparpläne in der Schublade. In der nächsten fvw geben wir Reisebüro-Unternehmern Tipps, wie sie ihr Unternehmen sicherer durch die Krise steuern können. Und auch Ihre Einschätzung, wie die nächsten Monate werden, würde mich interessieren. Und natürlich Ihre Meinung, was Veranstalter, Airlines, Zielgebiete und Verbände jetzt tun müssten, um die Reisekonjunktur anzukurbeln (ohne dass die Reisebranche gleich verstaatlicht wird.)

Kommentare

von Wolfgang Hoffmann, 28.01.09, 10:30
die Reisebüroinhaber stehen selbstverständlich unter Schock. Bei diesem massiven Getöse seitens der Politik und Wirtschaft ist das kein Wunder. Ich meine allerdings nicht die Fakten, die sind ja zumindest unbestreitbar, ich meine die Psychologie, die hat eine Schockstarre bei uns ausgelöst. Aber statt im Büro herumzulaufen und sich anzuschauen, was man tun muss, um wettbewerbsfähiger zu sein, rennt man durchs Büro und streicht wichtige Katalysatoren für den Erfolg. Daran sieht man wieder einmal, wie wenig wir in unserer Branche noch ins Unternehmertum gefunden haben. Wir sind immer noch zu sehr Abhängige, die jeden Tag darauf warten, dass jemand das Sittichtrill auffüllt. Gerade jetzt ist es wichtig, raus zu gehen, sich dort aufzuhalten, wo die Kunden herumlaufen oder vor den medien sitzen. Indikatoren sind die Möbelbranche, da brummt es. was heißt das? Dass sich die leute mehr zu Hause aufhalten wollen. Die richten sich ein! Dort müssen wir sie wecken, da müssen wir hin, zu denen zu Hause. Wir dürfen jetzt blos nicht dem Internet oder dem TV-Verkauf die Lufthoheit überlassen, wir müssen uns selbst aufmachen und beim Verbraucher zu haue sein. Anrufen? Nö, lästig und nicht nachhaltig genug. Zeitungsanzeigen? Kosten ./. Nutzen! Wurfzettel? Aber hallo, wie unbeliebt will man sich denn noch machen? Qualifizierung? *ironiemodus* nein, wir wollen lieber unwissend & doof bleiben;-) Sich zusammenschließen, etwas gemeinsam machen? Natürlich, was sonst! Stammkundenpflege oder Neukundenwerbung? Eigene Kundenzeitschrift? ...

von barthel.eu, 28.01.09, 12:33
Konzerne, die im großen Stil Leute entlassen und Mitarbeiter die im großen Stil um Ihre Jobsicherheit fürchten sind sicher auch in unserer eigenen Branche ebenfalls ein Grund, Reisen "ausfallen zu lassen". Das jedenfalls höre ich von vielen Reisebüros. Warum sollte es da denn bei den Kunden anders sein? -- Auch hier wieder erstaunlich, trägt doch gerade der Mittelstand wieder durch eine gemäßigte Personalpolitik zur Stabilität bei. "Diese Krise ist hausgemacht. Durch ertragsfokussierte Konzerne bei denen der Mitarbeiter nur eine Resource ist." Das gilt offenbar auch in der Tourismusindustrie. -- Danke diesbezüglich der FVW, die hier ebenfalls versucht, auf Effekthascherei zu verzichten. Auch die Medien haben ja eine - nicht unerhebliche - Verantwortung!

von Walter Krombach, 28.01.09, 15:34
Die Bundeskanzlerin verkündet tapfer, dass die Bundesrepublik Deutschland gestärkt aus dieser Krise hervorgehen wird. Von ganz alleine wird das aber nicht kommen. Ich empfehle deshalb den Kollegen, gerade in Buchungsflautezeiten die vielfach vorhandenen Weiterbildungsangebote zu nutzen, um dann noch qualifizierter Kundenbindung zu betreiben - zum Beispiel die Angebote der Willy Scharnow-Stiftung, die verstärkt auch deutsche Reiseziele im Programm hat; die sollen ja in diesem Jahr von der Krise sogar profitieren. Sehr attraktiv zu empfehlen: Die Kurz-Inforeise nach Usedom 31.3.-2.4.09.

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