Reisebüro

Wer hat den Größten?

Nein, es geht hier nicht um Schweinkram. Oder doch? Reden wir über die Umsätze der Reisebüros, über unser neues fvw-Dossier und über Zuwächse.

von Dirk Rogl, 12.06.2009, 12:15 Uhr

Die trockene Nachricht vorweg. Die Reisebüros in Deutschland steigerten ihren Umsatz 2008 um 1,9 Prozent. So steht es in unserem neuen fvw-Dossier über die Reisebüros, heute frisch erschienen. Herausgefunden hat das – da sind wir ganz ehrlich – in erster Linie die Rewe-Touristik rund um Chef-Marktforscher Werner Sülberg. Die Zahlen unseres fvw-Dossiers kommen in Summe gerechnet wieder einmal zu einem besseren Ergebnis. Reisebüro-Organisationen, die die Fragen der fvw beantwortet haben, legten 2008 um stolze 4,7 Prozent zu. Und diese Büros machen immerhin rund 98 Prozent des Marktes aus. Wer hat sich nun verrechnet? Rewe-Forscher Sülberg gewiss nicht, und wir auch nicht. Über ein Vierteljahrhundert haben wir uns in unserer fvw-Studie auf die Grundrechenarten beschränkt. Die Reisebüros nennen die Zahlen. Wir addieren sie, bereiten sie auf und kommentieren sie. Diese wohl geschätzte Branchentradition verwässert leider zunehmend. TUI und Thomas Cook nennen offiziell keine Zahlen mehr – wegen der (leider) ernstgemeinten Pflichten einer börsennotierten PLC (das P steht übrigens für Public). Die Inspiration dafür kommt übrigens von den ebenfalls börsennotierten Geschäftsreiseketten HRG und Amex. Noch schlimmer ist die Lage im E-Commerce. Hier muss die fvw die Umsätze von mehr als die Hälfte der relevanten Marktteilnehmer schätzen. Ähnlich wie bei den stationären Marktführern helfen uns häufig interne wie externe Vöglein mit ihrem Gezwitscher dabei, zum Teil bis aufs Komma genau an die wahren Werte heran zu kommen. Allerdings müssen wir zugeben: Bei mancher Schätzung im E-Commerce stochern wir im Nebel. Da finden wir uns wohl in bester Gesellschaft zu ronommierten Forschungsdiensten aus dem In- und Ausland, die Ihre Studien nicht etwa als fvw-Beilage sondern für vierstellige Beträge anbieten. Die Schätzung ist in intransparenten Märkten durchaus ein probates Mittel. Und in Einzelfällen kann sie näher an der Wahrheit sein als die Eigenangabe des Anbieters. Selbstredend werden die Fragebögen des fvw-Dossiers gewissenhaft ausgefüllt. Aber Methodik und Definitionen stimmen vielleicht nicht immer zu 100 Prozent mit unseren Vorgaben überein. Im fvw-Dossier wachsen die Mittler-Umsätze beispielsweise auch deshalb etwas schneller, weil Eigenveranstaltungen gern zu 100 Prozent integriert werden, auch wenn sie nicht über den Counter verkauft werden. Und sie wachsen schneller, weil freiwillige Eigenangaben gern zu etwas Optimismus führen. Größe selbst ist ja zunehmend selten ein primäres Unternehmensziel, aber mancher ist eben doch stolz auf den größten Zuwachs. All das ist aus unserer Sicht kein Drama, aber gut zu wissen, wenn man das neue fvw-Dossier lesen und verstehen will. Viel Spaß bei der Lektüre.

Kommentare

von Andreas Schulte, 12.06.09, 13:15
Da nirgendwo tarditionell so viel gelogen wird, wie bei Touristikumsätzen und (Besucherzahlen bei Veranstaltungen), haben solche Dossiers mit ihren Zahlenspielereien eigentlich eh nur Unterhaltungswert. Sehr anschaulich wird der generöse Umgang mit Zahlen bei den integrierten Veranstalter-Konzernen. Da verkauft dann das 1. konzerneigene Reisebüro eine Reise für Euro 1000 vom 2. konzerneigenen Veranstalter. Der transportiert für Euro 200 die Kunden mit der 3. konzerneigenen Airline und bringt sie für 4. 600 im konzerneigenen Hotel unter, in der die Gäste für Euro 50 von der ebenfalls 5. konzerneigenen Reiseleitung betreut werden. Am Jahresende hat sich dann der eigentliche Umsatz von Euro 1000 in einen konzernweiten Umsatz von Euro 2850 vermehrt. Wenn jetzt noch als Stufe 6. ne konzerneigene Wäscherei existiert oder als Stufe 7 vielleicht noch ne Rinderfarm für die Steaks in dem Hotel, dann lässt sich die Umsatzvermehrung beliebig fortführen. Also immer schon vorsichtig sein mit Zahlen aus dieser Branche.

von Herbert, 12.06.09, 14:30
Andreas Schulte hat recht: genau so wird "gelügrechnet". Und wer sich selbst schon mal an derartigen Zahlenspielereien beteilitgt hat, der erinnert sich vielleicht (nein: ganz sicher!)daran, wie schwierig es sein kann, die aktuell geschönten (oder aus gegebenem Anlass zu schönenden) Zahlen mit denen des Vorjahres so in Einklang zu bringen, dass sie halbwegs plausibel sind. Wenn's dann garnicht mehr passen sollte, dann greift man halt zu erklärenden Formulierungen, dass sich z. B. die Zählweise oder gar die Struktur derart verändert hat, die keine direkte Vergleichbarkeit mit dem Vorjahr (oder früheren) Zahlen möglich sei. Dann kann das Spiel getrost von Neuem beginnen. Wenn man da nicht aufpasst, dann kann es aber vorkommen, dass man von der fvw auf Unplausibiliäten hingewiesen wird. Dann gerät man wohl leicht ins Schwitzen - oder "vergisst" ganz einfach die Beteiligung an der Abfrage ...! Zum Glück gibt's Werner Sülberg - das personifzierte ehrliche Gewissen der Branche!

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