Reisebüro

Auf den Menschen kommt es an

Kundenbindung via CRM, Abrechnung via Midoffice, Buchung per Frontoffice-Tool, Reiseauskunft via Preisvergleichssystem – kommt der Mensch im Reisebüro zu kurz?

von Klaus Hildebrandt, 06.05.2008, 17:57 Uhr

Vor lauter Technikbegeisterung und Prozessoptimierung haben die Reisebüros den Menschen am Counter aus dem Blick verloren. Das sagte gestern abend bei einem Vortrag des Travel Industry Clubs in Hamburg ausgerechnet ein ausgewiesener Travel-Tecki wie Gunther Holzschuh, lange bei Galileo, heute Chef der Otto Freizeit & Touristik. Technik sei wichtig für die Verkaufsunterstützung und Reiseland profitiere etwa vom eigenen Cris-System, so Holzschuh. Aber die Schlacht mit dem Internet könne nur mit dem Menschen geschlagen werden. Doch in der Diskussion wurde deutlich: Wo sollen eigentlich all die Verkaufskanonen herkommen, die den Kunden wunderbar nach all den Regeln der Kunst beraten, alle Produkte und Destinationen aus dem Eff-eff kennen und auch noch leichtfüßig mit allen GDS und Reisebüro-System umgehen können? Schon jetzt fehlen angesichts der Mini-Gehälter Fachkräfte und Azubis. Prof. Christian Buer von der Hochschule Heilbronn setzte noch einen drauf: Es drohe sogar ein "Brain-Drain", weil Akademiker und Fachkräfte zunehmend von anderen Branchen abgezogen würden und viele Absolventen seiner Tourismusfakultät schon jetzt besser bezahlte Industrie-Jobs annähmen. Da muss die Touristik dann schon einen sehr hohen Spaßfaktor bieten.

Kommentare

von Andreas Schulte, 06.05.08, 20:20
Die Technikgläubigkeit ist in der Branche ja sehr tief verwurzelt. Man schaue sich nur die Stellenanzeigen der Branche an. Gesucht werden in der Regel Amadeus und IATA Experten. Das Verkaufstalente oder auch nur Verkaufbegabte gesucht werden, liest man in diesen Anzeigen ganz selten.

von Jahns Ansgar, 06.05.08, 23:42
Als langjähriger verantwortlicher Manager im Bereich Aus-Weiterbildung einer Geschäftsreisenkette kann ich die dargestellten Thesen nur untermauern. Das Internet wird definitiv nicht weggehen, auch die Technik wird immer komplexer werden. Auch das wird sich nicht ändern. Was sich aber dringend ändern muss ist die Ausbildung bzw. die Weiterbildung der Reiseverkehrskaufleute. Das "Verkaufen" muss mehr im Vordergrund stehen. Den Kunden interessiert "nur" eine Lösung für sein Problem und keine Entschuldigungen für komplexe kryptische Eingaben in einem GDS System. Positives Beispiel ist derzeit Amadeus mit dem neuen ganzheitlichen Ansatz "Top Seller". Dies ist ein kombiniertes Vertriebs- und Tooltraining. Das ist ganz sicher die Zukunft. Prozesse werden von Menschen verändert und nicht vom Internet. Das ist lediglich nur ein Treiber.

von Jürgen Barthel, 09.05.08, 00:02
Es sei mir der Kommentar gestattet, dass ich schon 1999 mitten im Internethype auf dem ITB Kongress darauf hinwies, dass Technologie ein Werkzeug und Mittel zum Zweck, kein Selbstzweck ist. Bis heute steht das so auf www.barthel.eu/public/ und in fast jeder meiner Vorträge. Es wird auch nicht auf neue Technologien gesetzt, sondern an alten Zöpfen festgehalten. Lieber werden Mitarbeiter abgebaut, statt sich den neuen Herausforderungen zu stellen und die Mitarbeiter fit für die Zukunft zu machen. Kein Wunder klagt die Branche über einen schlechten Ruf. Die Änderung ist längst da und sie beschleunigt sich. Ich kann den Blick auf http://www.youtube.com/watch?v=FqfunyCeU5g empfehlen (6 Minuten). Auch wenn ich einiges über Selbstbedienung verkaufen kann. Die Luxusreise wird noch immer primär im Reisebüro verkauft. Und viele Studien belegen, dass kaufwillige Kunden oft nicht in der Lage sind, auf heutigen Seiten Ihre Buchung auch zum Abschluss zu bringen. Was wird online verkauft? Prozente, billiger, Ramsch. Auch ich habe heue einen Flug für 0 Euro plus Steuern gebucht... Ohne schlechtes Gewissen, wenn die Airline meint, dass es bei dem Preis die Masse macht...? Sicher nur einige Gründe, nachzudenken und vielleicht auch mal den Status Quo in Frage zu stellen...

von Wolfgang Hoffmann, 13.05.08, 19:16
dan ich auch mal: Klar, die Menschen, die mehr als dreiviertel ihres Lebens ohne diesen ganzen Kokulores wudnerbar klargekommen sind, die kriegen einen kreischanfall, wie Teenies bei Tokio Hotel, wenn Bill Gates ein neues Betriebssystem ankündigt. Als vor knapp 20 jahren - ich glaube, von Daniel Düsentrieb in Entenhausen - das Internet gebastelt worden ist, da wollte man doch damit nicht den Menschen abschaffen, iwo, man wollte ihm doch nur das subjektive Bewusstsein vermitteln, er sei Gott. Und verdammt-nochmal-an, das ist richtig gut gelungen. Ich finde es jedenfalls gut, dass der "alte Herr" zu uns ins RB kommt, weil er nicht für etwas, was er irgendwann in Zukunft dann einmal in Anspruch nehmen wird und wofür er sich höchstens einen Zettel ausdrucken kann, seine sensibelsten Kontodaten in eine Tastatur tippen will.

0

Informativ, spannend, subjektiv: Abonnieren Sie den RSS-Feed für den fvw Blog und bekommen Sie ungewöhnliche Einblicke in die Touristik.

 
Folgen Sie uns:
Top
© 2018 FVW Medien GmbH, Alle Rechte vorbehalten
Über uns FAQ Impressum AGB Datenschutz Kontakt Mediadaten