Politik

Brauchen wir ein Grundrecht auf Urlaub?

Linken-Parteichefin Katja Kipping wünscht sich das Recht auf Urlaub. Schnapsidee oder Turbo für die Reisebranche?

von Klaus Hildebrandt, 11.08.2014, 09:58 Uhr

"Noch nie machten mehr Menschen mehr Reisen als im Jahr 2013", heißt es in der Reiseanalyse, dem Klassiker der deutschen Urlaubsforschung. 78 Prozent der deutschen Bevölkerung unternahmen mindestens eine Urlaubsreise von mindestens fünf Tagen Dauer. Im Schnitt dauerte die Reise 12,4 Tage und kostete 906 Euro pro Person. Hinzu kommen noch rund 75 Mill. Kurzurlaubsreisen.

Im internationalen Vergleich sind das Spitzenwerte. Im Umkehrschluss bedeutet die Statistik aber auch, dass sich rund ein Viertel der Deutschen keine Urlaubsreise leisten kann. "Es muss ein Recht auf Urlaub geben", forderte nun Kipping in einem Interview mit der "Welt am Sonntag". Alle Sozialleistungs- und Wohngeldbezieher sollen demnach Gutscheine erhalten, die sie "entweder in Jugendherbergen, für Bahnfahrkarten oder im Reisebüro einlösen können". Eine Höhe von 500 Euro sei "angemessen", so Kipping, denn damit könne man einen zweiwöchigen Aufenthalt für einen Erwachsenen mit Vollpension in einer Jugendherberge bezahlen.

Für die Reisebranche wäre das ein schönes Geschenk, ähnlich wie in der Finanzkrise die Abwrackprämie für die Autohersteller. Wenn ein Viertel der Bevölkerung zusätzlich reist, würde bei Reisebüros, Veranstaltern, Verkehrsträgern und Hotels selbst bei niedrigen Durchschnittspreisen einiges hängenbleiben. Ein ähnliches Sozialtourismus-Programm vor allem für Rentner gab es übrigens lange in Spanien – mit dem erwünschten Nebeneffekt, dass spanische Hotels in der Nebensaison besser ausgelastet wurden.

Die Linken-Vorsitzende argumentiert vor allem mit der Jugend: Drei Millionen Kinder, vor allem von Alleinerziehenden, könnten diesen Sommer "nicht erleben, was Urlaub heißt". Ordnungspolitisch gesehen wäre es natürlich Wahnsinn, Urlaub mit Steuergeldern zu finanzieren. Und die Chancen, dass die Partei die Idee umsetzen kann, gehen gegen Null. Aber auch wenn in Internet-Forum viel Häme über Kippings Idee ausgebreitet wird – zumindest bringt sie auf die Agenda, dass Urlaub gerade für Familien ein wertvolles Gut ist. Das ist dann doch besser, als etwa der Vorschlag des damaligen Finanzministers Peer Steinbrück, die Deutschen sollten zugunsten der Altervorsorge "im Zweifel auf eine Urlaubsreise verzichten".

Kommentare

von C. Hebestreit, 11.08.14, 11:49
In Rheinland-Pfalz gibt es ein solches Programm schon länger und auch in diesem Jahr, für 150 Familien mit geringem Einkommen. Kam vor einigen Tagen im TV. https://www.jugendhilfeportal.de/fokus/artikel/eintrag/familienministerin-dreyer-wieder-kostenloser-urlaub-fuer-150-einkommensschwache-familien/

von Wolfgang Hoffmann, 11.08.14, 12:24
"rund ein Viertel der Deutschen kann sich keine Urlaubsreise leisten" steht doch dafür, dass diese Menschen sich bestimmte Anteile am "normalen Luxus" in unserem Land nicht leisten wollen oder von-mir-aus können, weil sie den Mangel an verfügbarem Einkommen für andere Kosten aufwenden müssen. Dass Kinder ihren Horizont erweitern sollten, indem sie Ausflüge machen und auch mal mit anderen Menschen Zeit verbringen, das wird durch die Forderung nach "Urlaub" doch nicht abgedeckt. Urlaub mit einer Reise verbringen ist ein individuelles Luxusgut. Es liegt nicht jedem. Und die Urlaubsziele sind eh schon zu sehr von denen übervölkert, denen es in Wirklichkeit egal ist, wo sie sind. Also ist die Forderung der Linken wieder nur Geblubber.

von Jan Lehmann, 11.08.14, 17:23
Und was bekommen diejenigen, welche keine Sozialleistungen beziehen und sich trotzdem keinen Urlaub leisten können ? Wo fängt man an - wo hört man auf ? Aus Touristikersicht sicher ein reizvoller Gedanke, als Unternehmer, der das mit höheren Abgaben dann aus Linkensicht gegenfinanzieren soll ein Unding ! Also am Ende doch wieder populistisches Geschwafel !

von Skeptiker, 13.08.14, 09:50
>> Wo fängt man an - wo hört man auf ? Aus linker Perspektive lässt sich das wie beim sog. bedingungslosen Grundeinkommen lösen: Es bekommt einfach jeder so einen Gutschein. Im übrigen stimme ich Herrn Hoffmann zu: "Urlaub" und "Reisen" ist nicht dasselbe. Bezahlten Urlaub zu haben ist schon eine in (einem bestimmten Umfang gewiss notwendige) Sozialleistung. Reisen ist ein Hobby. Wenn Reisen subventioniert wird, will ich Staatsknete für meine Modelleisenbahn. Übrigens, Herr Hildebrand: Das Wort "Sozialtourismus" wurde bis jetzt eigentlich immer ganz anders verwendet ... quasi ins System hinein, nicht aus ihm heraus :-)

von Tahsin Yilmaz, 22.08.14, 12:27
Ich finde die Idee fabelhaft. Unter der Führung von Reiseveranstaltern mit Beteiligung der Hoteliers und dem Staat kann es als ein Sozialverantwortungsprojeckt durchgeführt werden, wobei alle zusätzlich anfallenden Kosten von Projektpartnern mitgetragen werden sollte. Die Frage wäre allerdings: Welche Massnahmen müssten ergriffen werden, damit die betroffene Zielgruppe die gleichen Bedingungen wie andere Urlauber erhalten (wie z.B. Urlaubszeit, Auswahl der Angebote, Zimmerbelegug und Service) und sie sich auch auf keinen Fall in ihrer Würde verletzt fühlen. Der Ansatz ist es auf jeden Fall Wert weiter zu diskutieren und zu konkretisieren.

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